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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
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600 Niemand kannte ihn dort, Eltern und Geschwister waren nicht mehr am Leben. Entferntere Verwandte nahmen ihn gastlich auf, und was wußte er nicht alles zu erzählen! Obwohl er durch sechs Jahrzehnte kaum eine Synagoge gesehen und noch weniger in der Sprache seiner Väter gebetet hatte, war er doch bald wieder mit allem vertraut. Er wurde zur Thora gerufen und konnte noch in derselben Weise die Berocho sprechen, wie sie ihm zu seiner Barmizwah gelehrt wurde. In einem Pulte der Synagoge, den einst seine Familie innehatte, fand er noch einen alten Siddur, aus dem er als Kind schon gebetet hatte. Das war ihm ein liebes Erinnerungszeichen, das er an sich nahm. Es sollte ihn aus seiner Nücksahrt nach Arkansas begleiten. WaS sollte aber der noch kraftvolle Greis in seiner ersten Heimat? Er hat unterdessen die Rückreise wieder angetreten, weil er seiner Landesbehörde, wenn auch pensioniert, immer noch als Dolmetsch zur Verfügung sein muß. Wünschen wir ihm gute Reise und einen langen und zusriedenen Lebensabend. Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet tn keinem Falle statt. „Religion in Vergangenheit und Zukunft." Bon Karl Becker. Berlin SW 08, Hugo «teinitz Verlag 3015. 1914/15. Kricgsnovellcu. III. Helden! Gesammelt von Heinrich Goebcl. Verlag Mornive u. Scheffelt, Berlin. Georg Wegencr: „Ter Wall von Eisen und Feuer!" Ein Jahr au der Westfront. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1915. Preis 1 Mark. Zur Renaissance der hebräischen Sprache. Bon Tr. Ch. Lauer. Sepnratdruck ans dem „Jsr. Wochenblatt", Zürich 1915. Buchdruckerei G. v. Lsthcim, Dufourstraße 56, Zürich. „Maimomdes." Bon Tr. Joseph Unna. Verlag von Louis Lamm. Berlin. Literarische Mitteilungen. — M ans selber Skizze n. Dichtung und Wahrheit aus der alten Grafschaft. Bon Max C. P. Schmidt. Mit 12 Abbildungen. Leipzig. Berlag der Dürrschen Buchhandlung, 1913. Die Deutschen worden sich in nächster Zeit daran gewöhnen müssen, statt der Auslandsreisen Wanderungen in Deutschland zu unternehmen, und sie werden dann mit Bewunderung inne werden, an wieviel Schönheiten lind Merkwürdigkeiten sie bisher achtlos vorübergeglUlgen sind. Dann wird mancher hübsche und historisch wichtige Fleck zu. verdienten Ehren kommen. Auf ein solches Gebiet weist M. (5. P. Schmidt in seinen Mansfelder Skizzen hin. Er weiß von der Stadt Mansfeld, von ihrer Umgebung, ihren landschaftlichen Reizen und historischen Merkwürdigkeiten anmutig zu berichten und verflicht mit der allgemeinen Darstellung Erinnerungen an seine Kindheit und an die Persönlichkeiten (Verwandte und Freunde), die ihm dort begegnet sind. Trotz der sachgemäßen, mitunter anregenden, bisweilen unterhaltenden Darstellung würden wir keine Veranlassung haben, an dieser Stelle auf das Werk einzugehen, wenn nicht die längste der hier abgedruckten Skizzen (134 von 318 Seiten) ausschließlich einem Juden gewidmet wäre. Sein Name wird nicht genannt. Es ist ein Gelehrter, der Sohn eines jüdischen, aus Nußland stammenden Kantors und einer Deutschen. Er selbst ist zwar im Laufe seines Lebens Dissident geworden, aber betrachtet sich durchaus als Jude und leidet unter dem Vorurteile, das den Juden überall begegnet. Die langen Unterhaltungen des Erzählers mit diesem Juden, die in unserem Buche abgedruckt werden, beziehen sich keineswegs ausschließlich auf Antisemitismus, von dem der Verfasser unserer Skizzen völlig frei ist, sondern streifen, da sich der Unterredner -ein gründliches, höchst umfassendes Wissen erworben hat, die mannigfachsten Gebiete der Wissenschaft, verweilen mit besonderer Vorliebe bei Musik und handeln vielfach über Stilistik. Sie sind ungemein fesselnd. Die Gestalt des merkwürdigen jüdischen Unterredners, der zuletzt in Irrsinn verfällt und nach kurzer Krankheit stirbt, ist mit außerordentlicher Liebe gezeichnet, die unendlich vielen Bemerkungen über Sprachliches und rein- Gelehrtes wirken trotz ihrer Länge, eben infolge ihrer Vielseitigkeit nicht ermüdend und geben auch von der anmutigen Gelehrsamkeit des Verfassers eine höchst erquickende Vorstellung. Für uns ist besonders die liebevolle Art, mit der der einsame jüdische Denker geschildert wird, überaus interessant unb das Buch schon aus. diesem Grunde einer nachdrücklichen Empfehlung wert. L. G. * N e u e K o m p o s i t i o n c n von A. F r i e d m a n n , königlicher Musikdirektor und Oberkantor der Berliner Gemeinde. A. Friedmann hat nach kurzer Pause wieder mehrere Kompositionen dem Druck übergeben und dadurch die Synagog-en-Gesangsliteratur um manche willkommene Gabe bereichert. Da sind zunächst sechs T r a u u n g s g e s ä n g e. Haben auch die letzten Jahre an solchen Gesängen von verschiedenen Komponisten manches Gute und Vortreffliche gebracht, so herrscht doch noch lange nicht ein Ueberfluß daran, was besonders der Kantor der Großgemeinde empfindet, der des öfteren, ja fast jede Woche, bei Trauungen zu amtieren hat; denn hoffentlich wird immermehr die Erkenntnis sich allgemein Bahn brechen, daß die Gepflogenheit, bei religiösen Handlungen, wie sie doch unleugbar die Trauung ist, nichtamtliche Kräfte, w i e be s o n d e r s B ü h n en s ä n g e r, s o l i st i s ch m i t w i r k e n z u lassen, d u r ch a u s z u v e r w e r f e n i st, da sie keineswegs geeignet ist, dem religiösen Charakter des Trauungsaktes zu entsprechen. Friedmann bietet je zweimalige Vertonung von zwei deutschen und einmalige Vertonung zweier hebräischer Texte. 1. Lied: „Segne, Allmächtiger, das bräutliche Paar!" Es ist stimmungsvoll, einfach in Stimmführung und Umfang und selbst für kleine Stimmen sich eignend. 2. Lied: Derselbe Text im feierlichen Viervierteltakt ist etwas kunstvoller in der Stimmführung, trotzdem noch einfach und stellt an Stimmumfang und Technik nicht allzu große Ansprüche. 3. Lied: „Boruch habbo" und ,Miaddir". Die meisten der bekannten „Boruch-Habbo"-Gesünge sind für Chor komponiert und haben wegen der Kürze des Textes häufige Textwiederholungen. Friedmann hat in richtiger Erkenntnis, daß solche Kompositionen -aus diesem Grunde sich für den Kantor nicht eignen, zu den wenigen Worten des „Boruch habbo" noch „Miaddir" gefügt. Tie Komposition verrät in Melodienführung und in ihrer ganzen Art den sachkundigen Chasan als Verfasser. Selbst der Kantor der Kleingemeinde wird diesen „Boruch habbo" als praktisch und für seinen Gottesdienst durchaus brauchbar begri\ßen. 4. Lied: Psalm 121, 5 und 7 (Text hebräisch), eine kurze Komposition im glückverheißenden E-dur, sonst aber recht anspruchslos. Störend empfinde ich die verschiedenartige Betonung bzw. Aussprache der ersten Silbe des Gottesnnmens. Die erste Silbe heißt Adau, nicht wie zuweilen in dieser und der vorigen Komposition in zwei Silben zerlegt: A—bau. Da der Herr Komponist sonst -großen Wert auf die Textbehandlung legt, wirkt diese Unebenheit um so befremdlicher. 5. Lied: „Zu dir, o Herr, steigt unser Flehn." (Gleichzeitig ist auch hebräischer Text unterlegt.) Im Anfang gleich dem vorigen Opus überaus schlicht erhebt es sich bald zu beschwingter Art in schöner Steigerung. 6. Lied: Derselbe Text, nicht wie die vorige Komposition in strengem Dreiviertel-, sondern in bewegtem Sechsachteltakt. Auch hier bietet die ganze Art keine Schwierigkeiten zur Einstudierung. Ans alledem darf wohl, kurz zusammenfassend, gesagt werden, daß die vorliegenden sechs Traunngsgesänge besonders dem Kantor mit bescheidenen Stimmitteln eine willkommene Gabe sein werden. Nicht nur an seine Kollegen, sondern an die breiteste Oeffentlichkeit wendet sich Friedmann mit seiner Vertonung der Freiligrathschen Ballade „Nebo", für Bariton-geschrieben. Die Komposition ist recht melodiös, und teilweise ist auch manches Stirymungsmalerische darin enthalten; die Begleitung, lebhaft und mannigfaltig-, unterstützt oft wirksam den Ausdruck der Singstimme. Jedenfalls ein recht beachtenswerter Versuch, auch auf diesem musikalischen Gebiet etwas zu leisten. Die Kompositionen, in vorzüglichem Druck, sind im Selbstverlag erschienen. H. F a b i s ch

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