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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 599 (sequence 11)
Language
German
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,599 Mit einer reichen Kinderschar war David Heidenheimer gesegnet. Er zählte weder zu den Reichen noch, zu den Armen des Ortes, und sein Rusiwar -nachr/jeder Richtung einwandfrei. Im anderen Falle wäre er wohl kaum gewürdigt worden, am Jomkippur als Mincha-Vordeter zu fungieren. Seine Frau Beste war der lebendig gewordene „Zeuno ur'enno""). Für jedes Ereignis, mochte es Leid oder Freude bedeuten, hatte sie ein passendes Analogon aus ihrem Lieblingsbuch. In zweiter Reihe kam erst Schiller daran. Auch aus ihm schöpfte Besle ihren Zitatenschatz. Es fehlte sicher nur die rechte Gelegenheit, und sie hätte sich zu einer Deborah, zu einer Esther oder zu einer Jeanne d'Arc ausgewachsen. Ihre Töchter nahmen, nachdem sie der Schule entwachsen waren, in reichen Familien Stellungen an. Sie waren gesuchte Köchinnen, und in jenen Tagen galt dies mindestens so viel, als hätten sie das Diplom einer Lehrerin sich erworben. Die Söhne, es waren deren drei, hatten gute Köpfe; wenn sie ihre Fähigkeiten auch meist zu recht losen Streichen anwandten, sie hätten sicher auch auf edleren Gefilden tüchtig werden können. Doch niemand dachte im Hause Heidenheimer an wissenschaftliche Ausbildung. So vermehrten zwei der Söhne die Handelskonkurrenz im Orte. Der dritte, Leser genannt, wurde vom Auswanderungstrieb erfaßt, und Amerika war das Ziel seiner Sehnsucht. Mit mehreren Genossen seines Alters trat er die Reise über den Ozean an, landete in New Hork und sechs Jahre blieb er dort im Hause eines Verwandten. Er war kein Held der Feder, deshalb gelangte nur jährlich einmal Nachricht an seine Eltern. „Ich bin gesund, Ihr seid es wohl auch, ich gratuliere zum Rosch haschouo und sende beifolgendes als Gruß." So lautete der Jahresbericht regelmäßig. Er sandte wohl stets eine beträchtliche Geldsumme und einmal einen kostbaren Schlafrock für den Vater. Ihn benutzte der Vater als Paradestück, wenn er an den Feiertagen zur Synagoge ging. Zwar verbot es ihm der Rabbiner als unschickliche Kleidung fürs Gotteshaus. Es kam sogar deshalb infolge Heidenheimers Prozeßlust zu einer gerichtlichen Klage. Das Gericht kam aber, nachdem mehrere Sachverständige bekundeten, das Religionsgesetz schreibe für den Synagogenbesuch keine besondere Kleidung vor, nur rein soll sie sein, zu einem freisprechenden Urteil. David hatte gesiegt. Er unterließ es dann, den Schlasrock ferner als Paradestück zu tragen. Auf nach Kalifornien! Dieses Zauberwort drang auch zu Lejer. Er wollte auch zu den Goldfeldern. Obwohl in kurzer Zeit damals 70 Schiffe mit Auswanderern aus New Pork abgingen, so schloß er sich den Karawanenzügen an, die den Landweg dorthin benutzten. Aber Leser ging aus, um Gold zu suchen, und kam nicht in das ersehnte Land. Ihm fiel eines Tages die Aufgabe zu, Holz zu sammeln. Als er wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehrte, war sie spurlos verschwunden. Wohin er auch spähte, er konnte keine Spur von ihr entdecken, und auf sein Rufen gab keine menschliche Stimme Antwort. Da ödes Steppenland um ihn herum sich weit ausdehnte, fand er weder Früchte, mit denen er seinen Hunger, noch eine Quelle, mit deren Wasser er seinen Durst hätte stillen können. Er ries nach Vater und Mutter — eine Welt lag doch dazwischen! Er rief seinen Gott um Hilfe an, doch die Rettung ließ lange auf sich warten, und ermattet brach er nach einigen Tagen dieser Oualen zusammen. Sein Leben schien verloren. Mitten auf der Steppenwüste, nicht begraben und nicht beweint, den Tieren zum Fraß dienend! h Ehemals beliebte Frauenlektüre, Erklärungen zum Pentateuch enthaltend. Doch es war noch Leben in ihm, als eine Jndianertruppe ihn entdeckte. Sie nahm ihn auf und brachte ihn wieder dem Leben zurück. Ein merkwürdiges Erwachen! Er kannte nur weiße Menschen. Nun erblickte Leser kupferfarbene mit grobem, straffem, schwarzem Haar und hervortretenden Backenknochen. Er kannte nur weiße Menschen, die auch Verschönerungsmittel anwenden und dies nur in der Kleidung zum Ausdruck bringen. Nun sah er Menschen — oder hielt er sie für Tiere? — mit spitzen und plattgedrückten Köpfen, mit grün, gelb, rot oder schwarz bemalten Gesichtern. Auf dem Leib mit eingeschnittenen und gefärbten Figuren, mit durchbohrten Nasen, Lippen und Ohren. Leser hatte sich mit Aesthetik niemals beschäftigt. Doch so viel merkte er bald nach seinem Erwachen, daß hier ein völliger Mangel an Kunst- und Schönheitssinn herrschte und daß selbst das von der Natur trefflich Gegebene bis zur ärgsten Fratze verunstaltet war. Ihre Sprache ließ sie ihm nicht als Menschengebilde erscheinen. Als er aber ihre Schnürleiber und Krinolinen sah, dachte er an die ähnlichen Formen, die er aus seiner Jugend von Europa her noch kannte. Jetzt hielt er die Wilden auch für Menschen. Mit Zärtlichkeit und Sorgfalt sogar wurdeLeser behandelt. Das Beste wurde ihm gebracht. Er litt nicht mehr Hunger und Durst und dachte nicht mehr an Kalifornien und an Gold. Ganz besonders nahm ein Jndianermädchen sich seiner an. Es bemühte sich, ihm die Sprache dieser Wilden beizubringen, lehrte ihn das Zäumen und Füttern der Pferde, das Auspacken und Abpacken der Güter, das Zerlegen des geschossenen Wildes, wie man Häute gerbt und Kleider verfertigt und die Küche bestellt. Zum Skalpieren der Menschen und zuin Stehlen der Pferde, was zum höchsten Ruhm eines indianischen Helden gehört, brachte es Leser nicht. Er blieb doch der gefühlvolle Europäer inmitten der rohen Horde. Selbst die Büffeljagd, die angenehmste Beschäftigung der Indianer, widerte ihn schon deshalb an, weil sie völlig sinn- und zwecklos war. Zu Tausenden wurden diese Tiere in die abgrundtiefen Schluchten gejagt, wo sie elendig umkamen. Diese Vernichtungswut, ein besonderes Charakteristikum der Rothäute, richtet sich sogar auf ihre eigenen Stammesgenossen; gegen den Weißen sind sie milder. All dies und noch mehr lernte Leser kennen. 22 Jahre blieb er in dieser Gesellschaft. Obwohl die Vielweiberei dort die Regel ist, hatte Leser nur eine Frau. Er heiratete (!) das Jndianermädchen, das ihm zugetan war, und hatte sieben Kinder, und sie alle glichen nach Farbe und Aussehen dem Vater. Zum zweiten Male, Leser Heidenheimer war inzwischen 45 Jahre alt geworden, ergriff ihn die Wanderlust. Er hatte Sehnsucht nach menschlicher Umgebung. So zog er mit Weib und Kindern, von denen unterwegs vier starben, fort und landete in Arkansas. Hier ließ er sich nieder. Industrie und Handel lagen dort damals noch in der Kindheit. Dagegen fand er am Ackerbau, besonders im Anbau von Baumwolle und Tabak, lohnenden Erwerb. Seine Kinder genossen Schulunterricht und er selbst wurde zum Dolmetsch für die Jndianerspcache vom Gerichtshof ernannt. Diesen Posten bekleidete er viele Jahre und bezieht heute noch eine Pension von monatlich 125 Mark. Zum dritten Male packte ihn die Reiselust. Seine Frau ist längst gestorben, seine Kinder sind versorgt, und so wollte er als 76 jähriger Greis seine erste Heimat Wiedersehen. Gesagt, getan. Er führte die Reise aus und kam, nachdem ev- 62 Jahre von seiner Heimat entfernt war, wieder dorthin zurück.

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