Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 doppelter Schlag, daß der Fürst seine Entlassung genommen, da ich alle Hoffnungen, die ich auf ihn nach verschiedenen Richtungen hin gesetzt hatte, nun fahren zu lassen gezwungen war. Da ich ihm nun in Berlin nicht meinen Dank abstatten konnte, folgte ich dem Drange meines Herzens und fuhr nach Friedrichsruh, um dem Titan, der jetzt von seinen früheren besten Freunden, die ihn Jahrzehnte hindurch umschmeichelt hatten, schmählich verlassen worben ivar, mündlich zu sagen, wie sehr ich mich durch sein Wohlwollen geehrt und beglückt fühlte. Bei der kurzen Unterredung, deren mich der große Staatsmanu und edle Mensch würdigte, versicherte er nur — und ich halte und habe keinen Grund, daran zu zweifeln , daß er bei niemer AuLweiiung seine pand in keiner Weise im Spiel gehavt habe. Dieses Unglück hauen mit Siöaer unv Puirlamer eingevrocrl. Beide hallen sich eingeviloei, oatz die „Berliner Zeitung und ich idenrisch seien, d. h. das srelsinnlge Blatt zugrunde gehen inüs-le, wenn der angeblich teilende Reoaneur, mio meine Wemgleir, enisernl wurvei In hochsr yerzuaser und guuger Weise ertundigte sich der Für,r nach meiner Ulerarlscheii Ballgrell und dem eigencucheii ^-eloe meines Schaffens und lobre mir schmeichelhasren Wdrren meine Ärgelsierungssahigrelt, womit ia) gerade für verforgle. uugegrigeue veroaiiswoue PerionUchrelien im osseiiiuasea Xleoen uno in der Ouerarur m die Schrämen gerrelen. yciajx minder rühmte er meinen Mut, dag ich es gewagt haue, ihm meine Aufwartung zu machen, ovschon zeoer, der jeZi zu ihm pilgere, an gewissen Sleueu sich mißuevlg mache. „t>ca, zum zweueninal wiro man Sie nicht ausweisen, meinte er tacheuw, „oem Srvcker find die Flügel gesrutzl, uer rann Ihnen nichr mehr schaden, uoerdles har Zyre Ausweisung in ver europäischen Presse sv viel unlwofaines Aussehen gemachl, Laß man sich huren wird, die Szene zu wiederholen t Was große narwnaie Blätter darüber geschrieben, i,i wohl das Slärtsle, was je regierungSsreundliche Zeitungen der Regierung gesagt haben — der desie Beweis dafür, daß gerade die natwnaitioeralen Organe Sie als den Ihrigen veirachiet haben." Wenn in jener Zeit vielfach rn der Presse davon die Rede war, daß der Fürst unmitlelbar nach seinem Rücktritt die größte Aufregung gezeigt und eine außerordeurliche Bitterkeit tu allen seinen Aeußerungen, namentlich gegen die angeblichen Urheber feines Sturzes, velundet habe, >o muß ich bekennen, daß ich davon, anläßlich meiner Unterhaltung, nicht die geringste Spur bemerkte. Seine Ruhe, seine Gelassenheit und fein vornehmes Wesen halten etwas ungemein Hohes und Würdiges. Dieser gewaltige Staatsmann, der nie und nimmer der Ansicht Taluyrands huldigte, daß die Sprache dazu da sei, um die Gedanken zu verbergen, besaß nicht die geringste Berstellungskunst, vielmehr konnte man seine seelischen Empfindungen und seine Herzensbeklem,nungen ihm gewissermaßen vom Gesicht ablesen. Seine sanfte, melodisch klingende Stimme, die Aufrichtigkeit und Noblesse seines Wesens sowie das lebhafte Interesse, das er allezeit für diejenigen bekundete, die er leiden mochte, hatten etwas ungemein Reizvolles. Auch ich konnte dem Zauber seiner Persönlichkeit nicht widerstehen. Als ich tiefbewegt beim Abschied ihm die Hand küssen wollte, wehrte er freundlich ab und sagte: „Ah, ich sehe. Sie sind ein echter Ungar! Sie sagen nicht bloß: Küss die Hand, sondern küssen wirklich die Hand!" Es war mir vergönnt, auch nachher mehrere Werke über den Altreichskanzler zu verfassen, von denen ich einige ihm übersandte und die er stets unter lebhafter Bezeugung seiner Dankbarkeit entgegennahm. Nach dem Ableben Bismarcks hatte ich das Glück, auch seine einzige Schwester Malwine — seine „teure Kreusa" und „geliebte Mäldewine", wie er sie zu nennen pflegte —, die mit dem Rittergutsbesitzer und Landrat a. D. Oskar v. Arnim auf Kröchlendorf verheiratet war und an der er bekanntlich mit großer Zärtlichkeit hing, kennen zu lernen. Sie versicherte mir, daß sowohl ihr Bruder wie ihre Schwägerin, die Fürstin Johanna, gern meine Schriften gelesen und daß der Fürst einmal im Familienkreise die scherzhafte Bemerkung gemacht habe, daß ihm Adolph Kohut lieber sei als mein Namensvetter Ludwig Kossuth, >welch letzterer überhaupt früher auch Kohut geheißen habe. Der „Exgouverneur" von Ungarn sei ein wilder Revolutionär gewesen, während der Schreiber dieser Zeilen, trotz seiner Ausweisung aus Berlin und Preußen — außer Geheimpolizisten und allenfalls schlechten Bühnendichtern, Schauspielern und Autoren — mit seiner Feder niemand etwas zuleide getan habe . . . Bit ArmenkommtMon ver Lerliurr Mächen Gemeinde während des Krieses. Von Buroauvorsteher Nathan Cohn, cwissermaßcn in Ergänzung des Artikels in Nr. 47 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums": Die Kriegshilfskommission der Berliner jüdischen Gemeinde" will ich mir erlauben, in wenrgen Worten auf die. Stelle hinzuweisen, welche in Friedenszetten in erster Reihe dazu berufen ist, die Wvhltatigreitspjlege innerhalb nuferer Glaubensgemeinschaft auszuüben, ich meine die Armenkommission der hiesigen jüdischen Gemeinde. Das nild ist auch hier seit Kriegsbeginn ein wesentlich verändertes gegen sonst. Die Kriegshttsskommrssion beschäftigt sich hauptsächlich mit den Gesuchen solcher durch den Krieg Notleidenden, die vorher der Armenpflege u l a) r anhelmgesallen waren. Dle Armenwmnnsston hingegen vehanoelt neuen den besuchen derjenigen, welche auch sonst zudenWirtichastlich-Schwachen zählten, die also der allgemeinen Rottage zürn Opfer fallen, auch die Gesuche solcher Bedürftigen, die in den letzten Zähren nur hin und wieder Unterstützungen eurpjäugen haben, jetzt aber infolge des K.r i e g e s vefonoers notleroeno geworden sind . sei es onrch Einberufung des Ehemannes oder erwachsener Kinder, die zum Haushalt beigerragen hauen, usw. Und derartige Gesuche voii jrüherher hier schau bekannter Bittsteller zählen nach Tausenden. AVer nicht ist es immer die Gabe allein, die dem Bittsteller hilft oder helfen famx. Es gehen jetzt ungezählte Gesuche solcher ein, die, in Sorge ilnd Not durch den Krieg geraten, sich an die allgemeine und von alters her bekannte Stelle, die Armen- "kommission, in ihrer Bedrängnis wenden, trotzdem sie vor diese, nach Lage der Sache, gär nicht gehören. Zn all diesen Füllen macht es sich die Armenkormnission zur Ausgabe, durch Hinweis auf die zuständigen Stellen den Bedürstigen vielfach mehr zu dienen als durch eine Unterstützung aus eigenen Mitteln, da die infolge des Krieges entstandenen Organisationen natürlich tatkräftiger eingreifen können und müssen als die Stelle, welche durch die ständige Armenpflege so überaus stark in Anspruch genommen wird. Die Armenkommission hält diesen Teil ihres Wirkens während des Krieges mit Recht für einen eminent segensreichen, weil er die Wirksamkeit der Kriegshitfskommission ergänzt und unterstützt. Die Armenkommission bleibt in Gemäßheit dessen in dauernder Fühlung mit all den Organisationen, die während des Krieges zur Linderung der Notlage entstanden sind. Von diesen Organisationen werden auch vielfache Anfragen hu Interesse Bedürftiger an die Armenkommission gerichtet. Durch diese Wechselbeziehung wird ein gutes Stück sozialer Arbeit geleistet, die unseren kriegsnotleidenden Glaubensgenossen außerordentlich zugute kommen. Lin jüdischer Robinson. Von M. Schweitzer, Glogwu. uch seinen Robinson hat der Jude. Gewiß ist aber auch, £\, daß er deren sehr viele hatte und nicht nur in altersgrauer Zeit — wie einen Mosche von Couchs —, sondern auch unsere Tage weisen solche heroische Dulder auf. ') Oft erwähnt in den Tosafath unter „Fürst von Couch". Von Richard Löwenherz, Führer im dritten Kreuzzug, in den Fürstenstand erhoben.