Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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597 ist nun gewichen, die Erben haben mir -das beiliegende Bild zur Verfügung gestellt. Freunds Name ist mit der Entwicklung der Stadt Breslau eng verknüpft. Wir haben allen Gr-Md uns zu freuen, daß ein Mann, der Jahrzehnte in der Breslauer Stadtverordnetenversammlung wirkte, viele Jahre an ihrer Spitze stand, ein treuer und überzeugter Jude war und geblieben ist. Durch seine Tätigkeit, seine Bescheidenheit, sein gemeinnütziges Wirken, in dem ihm immer nur die Sache wichtig war, niemals die eigene Person, war und bleibt er eine Zierde unserer Glaubensgemeinschaft. L. G. Oerlönliche Erinnerungen an den UltreichsKanslkr. - Von Dr. Adolph Ko Hut. (Schluß.) mir leider keine Zeit gelassen wurde, den Reichskanzler ) aufzusuchen, um mich bei ihm zu beschweren, zumal er gerade damals an schwerem neuralgischen Leiden krank daniederlag und mich daher vielleicht nicht hätte empfangen können, übersiedelte ich ohne weiteres nach Dresden, -wo ich ein volles Jahr brauchte, um meine zerrüttete Gesundheit wiederherzustellen. Dann suchte ich Trost in der literarischen Tätigkeit. Unter anderem schrieb ich auch zwei Schriften über den Altreichskanzler, nämlich: „Bismarck und die Literatur" und „Bismarck als Humorist", die ich dem Fürsten übersandte und für die er mir, wie stets, in den anerkennendsten und liebenswürdigsten -Ausdrücken durch seine geheimen Privatsekretäre danken ließ. Daß der Fürst von meiner gewaltsamen Vertreibung durch den Polizeiminister Robert v. Puttkam er, der bekanntlich in den 99 Tagen der glorreichen Regierung des Deutschen Kaisers Friedrich III. ungnädig entlassen wurde, absolut nichts wußte, das bewies mir unter anderem eine Zuschrift, die mir der königlich preußische Gesandte am Dresdener Hofe, Graf v. D ö n h o f f, der erste Gatte der jetzigen Fürstin v. Bülow, der Gemahlin des dritten deutschen Reichskanzlers, am 14. März 1887 zukommen ließ. Er hatte meine damals zum 90. Geburtstag Seiner Majestät verfaßte Schrift „Goldene Worte des Deutschen Kaisers Wilhelm I." gelesen und war davon so entzückt, daß er mich mit einem eigenhändigen schmeichelhaften Briefe beehrte. Es hieß darin unter anderem: „Nachdem ich durch aufmerksame Lektüre von dem ganzen Inhalt Kenntnis genommen, drängt es mich. Ihnen meine aufrichtige Erkenntlichkeit für den mir bereitetenerhebenden Genuß auszusprechen. Ich schließe mich voll und ganz dem von Ihnen in der Vorrede zu Ihrem Werke kundgegebenen Wunsche an: „Mögen die inhaltreichen, immer zutreffenden, von Ernst, Würde und hoher Begeisterung erfüllten goldenen Worte des Kaisers im Palast und in der Hütte, wo nur die deutsche Zunge klingt, gelesen und beherzigt werden!" In dieser zuversichtlichen Hoffnung bin ich in vollkommenster Hochachtung Gw. Wohlgeboren ergebenster Graf v. Dönhoff." Geheimer Justiziar Freund geboren am 28. September \hö .\, gestorben am 26. August (9^. Obschon in Dresden die Behörden mich mit größter Liebenswürdigkeit, ja Zuvorkommenheit behandelten und alles aufboten, mich an Sachsen zu fesseln, mir auch nahelegten, mich naturalisieren zu wollen, um dadurch ohne weiteres als Reichsdeutscher wieder nach Berlin zurückkehren zu können, entschloß ich mich, den direkten Weg zur Aushebung des Ausweisungsbefehls zu wählen. Im November und Dezember 1889 wandte ich mich in zwei Zuschriften an den Reichskanzler selbst und hielt ihm über das bittere Unrecht, das mir, meines Erachtens, geschehen war, Vortrag. - Diese etwa zwei Druckbogen umfassenden beiden Schriftstücke, die allerdings Hörner und Klauen hatten, da ich kein Blatt vor den Mund nahm und darin gegen meine Gegner die schärfsten Ausfälle machte, verfehlten ihren Zweck nicht. Während noch einige Wochen vorher der damalige als „liberal" geltende Minister des Innern, Herrfurth, an den sich ohne mein Vorwissen ein ihm sehr nahestehender Freund mit der Bitte gewandt hatte, mir die Rückkehr nach Berlin b.zw. Preußen zu gestatten, in einem obendrein noch etwas spöttisch gehaltenen Schreiben mir zu meiner Ueberraschung nach Dresden mitgeteilt hatte, daß er keine Veranlassung habe, eine Maßnahme der Polizei von 1884 zu rektifizieren, ließ mir Bismarck durch den genannten Grafen v. Dönhoff zu Weihnachten 1889 die erfreuliche Botschaft zukommen, daß ich ohne weiteres nach Berlin und Preußen zurückkehren könnte. Das amtliche Schriftstück hatte folgenden Wortlaut: Kgl. Preußische Gesandfchaft. Dresden, 21. 12. 1889. Ew. Wohlgeboren haben mitteils zweier Eingaben vom 2. v. M. und 4. d. M. unter Einreichung Ihrer neuesten „Fürst Bismarck' als Humorist" betitelten Schrift die Bitte an den Herrn Reichskanzler gerichtet, die Zurücknahme der im September 1884 seitens des Polizeipräsidiums zu Berlin wegen Ihrer journalistischen Tätigkeit gegen Sie verhängten Ausweisung aus dem preußischen Staatsgebiet zu veranlassen und Ihnen die Rückkehr dahin zu gestatten. In Erwiderung hierauf bin ich beauftragt worden und beehre mich demzufolge, Ew. Wohlgeboren unter Rückgabe der Anlagen Ihrer Eingabe ergebenst mitzuteilen, daß Ihrer Rückkehr nach Berlin seitens der zuständigen Behörden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden dürfen. Der Kgl. Preußische Gesandte: Graf v. D ö n h o f f." Als ich im April 1890 das mir sehr lieb gewordene schöne Dresden, wo unter anderem sogar der Polizeipräsident A. S ch w a u ß mein warmer Freund und Gönner geworden und mich sogar durch seine Besuche auszeichnete, mit schwerem Herzen verließ, um mit meiner Familie nach Berlin zu übersiedeln, war inzwischen leider mein Gönner, der Reichskanzler, gleichfalls a u 8 g e w i e s e n, Verzeihung, gestürzt worden. Er hatte inzwischen am eigenen Leibe erfahren können, wie es tut, eine Stadt und ein Land verlassen zu müssen, wo man die besten Jahre seines Lebens in treuer vaterländischer Wirksamkeit gelebt und gewirkt hat! Für mich war es ein