Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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596 wissen auch die Täuflinge ganz gut. Denn das Sichbekennen zum Christentum geschieht regelmäßig unter Ausschluß der Oesf-entlichkeit, und die Veröffentlichung der Namen der aus dem Judentum Ausgetretenen durch die Berliner jüdische Gemeinde wurde von den sich an den Pranger gestellt fühlenden Konvertiten — allerdings vergeblich — gerichtlich zu Hintertreiben versucht. ltufcre Vorfahren haben durch Jahrtausende allen Schrecken der Verfolgung und Aechtung getrotzt, in Massen den Märtyrertod für ihren heiligen Glauben erduldet, wie oft Haus und Herd und ben mühselig erworbenen Lebensunterhalt aufgegeben, um wandernd eine neue Stätte zu suchen, wo man sie ungestört mit ihrer Thora leben ließ. Alle Schumchlinge, alle Halben haben uns längst verlassen, um auf dunklem Seitenwege von der geraden Straße des Rechtes, der lleberzeugung und der Liebe abzuirren. Wir aber, die wir dem ach so harten Schicksal trotzend als Heiligstes die Treue zu den Unsrigen uns bewahrt haben, dürfen ohne Ueberhebung den höheren Seelenadel für uns in Anspruch nehmen. Die deutsch-europäische Gruppe der Juden hat in ihrer Minderzahl Deutschland nie verlassen. Durch die Schrecken des Mittelalters und die Aufklärung der Neuzeit stehen sie über ein Jahrtausend auf deutschen: Boden, teilnehmend an allen Schicksalen und Fügungen, die über die deutsche Erde gekommen sind. Ter größere Teil unserer Glaubensbrüder wurde Zwar nach Osten abgedraugt, wo das polnische Reich ihnen eine neue Heimat bot; -aber bis zum heutigen Tag hat die neue Umgebung nicht die anhängliche Liebe an deutsches Wesen erschüttern tonnen. Als unveräußerliches Gut haben sie von Generation auf Generation die deutsche Sprache, wenn auch in einem ans Mittelhochdeutsche ankllügenden Dialekte, vererbt, und Deutschempsinden heißt vor allem Deutschsprechen. Denn die Dtutterspräche ist das vorüehmste Bindemittel jeder Gemeinschaft; die Töne, in denen das Kind seine Begriffe stammelt, in denen der heranreisende Mensch Wissenschaft und Kultur empfängt, sind 'entscheidend für die Form des völkischen Empfindens. Durch tausend Jahre gemeinschaftlich durchlebter Geschichte sind deutsche Juden und Christen auf Tod und Leben miteinander verbunden und kein Vorurteil und keine Macht der Welt wird uns mehr trennen. Wer möchte leugnen, daß beide Teile durch' diese enge Gemeinschaft voneinander gelernt Haber: und durcheinander beeinflußt worden finb! Aber ich halte es keineswegs für einen Zufall, daß die Juden gerade Deutschland zu ihrer zweiten Heimat erkoren: eine innere Wesensgemeinschaft hat den Boden für dieses Zusammenleben vorbereitet. Tie vornehmsten Tugenden der Deutschen und Juden, die Anhänglichkeit an das lleberkornmene, die Treue gegenüber der Familie, der Heimat, dem. Reich und dem Fürsten, und dabei doch eine gewisse Wanderlust und Wandertrieb, die Gemütstiefe der Gedanken, die Abneigung gegen Aberglaube, die Verinnerlichung der Religion intb das Bewußtsein, eine Weltmission durch Durchsetzung des eigenen Wesens zu erfüllen, läßt uns Deutsche und Juden als' Teile derselben Weltenkraft erkennen. Aber wie gleichgerichtete Kräfte sich auch sonst abstoßen, so erleben nur es immer wieder, daß falsche Propheten erstehen, die die Nützlichkeit und Echtheit dieser inneren Gemeinschaft in Zweifel zu Ziehen versuchen. Indessen kann nicht übersehen werden, daß gerade die Juden von jeher zu den verständnisvollsten und wärmsten Anhängern deutscher Geistesgröße gehört haben. Moses Mendelssohn war Lessings intimer Freund. Der lebende Goethe fand keinen aufrichtigeren Bewunderer als der: jungen Heine. Wagner wurde zuerst von Meyerbeer in seiner ganzen Grüße erkannt und der Münchener Kapellmeister Levi war unbestritten der vornehmste Interpret des Dichterkomponisten. Hermann Cohen ist der anerkannte Führer der neukantischer: Schule und Bismarck fand gar in dem Deutschjuden Stahl den Gründer der deutschkonservativen Partei. Aber and) Karl Marx stammte von Juden und Lasalle war ein Jude, höre ich einwenden. Gewiß! Und solche, deren sich das deutsche Judentum nicht zu schämen braucht. Allerdings, den zügellosen Kollektivismus verwirft das Judentum in der ethischen Pflicht der Selbstverantwortnng, während zugleich dem egoistischen Individualismus Schranken durch die Rücksicht auf die Gesamtheit gezogen sind. Jedoch über allen Umwälzungen, die das Eingreifen der Sozialdemokratie in die innerdeutsche Entwicklung mit sich brachte, leuchtet als unvergängliches Vermächtnis ihrer Gründer der Kampf gegen die Allmacht des Kapitals und die Sorge um den Aufstieg des vierten Standes! Und auch in diesen — zum Bestand des deutschen Volksempfindens gewordenen — Bewegungen begegnen sich Deutschtum und Judentum. Der Besitz war dem edlen Juden niemals Selbstzweck, sondern nur die notwendige Boraussetzung zur praktischen Betätigung der Nächstenliebe. Sinnlose Anhäufung von Kapital ist selbst für den König verpönt. Arbeit allein soll die Quelle der Wohlhabenheit sein. In sozialethischer Hinsicht finden wir im Judentum Borbilder für die deutsche soziale Gesetzgebung. Wer durch Krankheit, Mißwachs oder schlechte Wirtschaft der Verarmung verfällt, fand Unterstützung und zinslose Darlehen. In ganz besonderer Weise ist für Witwen, Waisen und Fremde gesorgt. Es bleibt einer späteren Generation Vorbehalten, die Frage zu untersuchen, welcher Einfluß dem geistigen und wirtschaftlichen Hochstande unserer organisierten Arbeiterschaft aus die siegreiche Durchführung des Weltkrieges zukornrnt. Vielleicht wird man dann auch das Urteil über die deutschen Juden ändern, die an der geistigen und wirtschaftlichen Hebung der deutschen Arbeiterklasse tätigen Anteil genommen haben, und sich daran erinnern, daß auch der siegreiche!: Erhebung von 1813 die Aufhebung der Leibeigenschast und die Verleihung der Bürgerrechte durch Stein und Hardenberg vorausgehen mußten .... Wir Deutschen genießen nicht so viel Ueberfluß an Liebe in dieser Welt, wie dieser Krieg mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt hat, als daß wir uns verstatten könnten, freiwillig dargebrachte Sympathien lvie die der amerikanischen, ans Polen und Deutschland stammenden Inden hochmütig von uns zu weisen. Es ist ja allerdings bequemer, die polnischen Inden außer Landes zu führen, als die in ihnen schlummernden guten Kräfte durch menschliche Behandlung, durch Beispiel und Erziehung in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings glaube ich, daß die deutschen Zionisten durch die Ratschläge des Geheimrats Fritz auf das Gefährliche und Utopische ihrer Ziele recht unsanft Hingelviesen worden sind. Die Qstjudenfrage kann heute nur noch durch Deutschland gelöst werden, und ich loill der Hoffnung Raum geben, daß unsere Regierung den Weg finden wird, diese zwar äußerlich durch die Not der Jahrhunderte und durch lange Entbehrungen gebeugten Märtyrer ihres Glaubens, diese innerlich aber warmherzigen und entwicklungsfähigen Menschen, die dazu noch die deutsche Sprache verstehen, sich zu Freunden zu machen. Menschlichkeit und Vernunft verbieten jeden anderen Vorschlag, Die zionistische Lösung des Jnderchroblems ist durch diesen Krieg entbehrlich geworden. Wie sollte auch ein jüdisches S't-aatsgebilde — von der Welt durch Sprache und Sitte abgeschlossen — zur Bereicherung und Veredelung der Menschheit beitragen? In gewissem Sinne versüudigt sich der Zionismus genau so an der optimistischen Grundauffassung der jüdischen Religion lvie das Taufjudentum. Das letztere teilt mit dem Zionisten den Pessimismus und den Zweifeh sich aller: Anfeindungen zun: Trotz zum Wöhle des Ganzen an der Stelle und in der Form du rchzu setzen, die uns Geschichte und Tradition zugewiesen haben. Jude sein, heißt Kämpfer sein. Ir: diesem Sinne steht der „K. C.er" zeitlebens aus Mensur. Wir kämpfen zur Ehre unserer selbst, zur Ehre unserer Eltern, zur Ehre Deutschlands und zum Siege der Menschlichkeit. Dann werden wir auch dereinst dazu beitragen, im Sinne Cohens für den religiösen Fortschritt aller zu wirken, für die Welterlösrmg, für die Läuterung und Erhöhung des Menischengeschlechtes von seinen geschichtlichen Sünden und zürn Frieden der Menschheit in Gottesfurcht, Treue und Gerechtigkeit! Gchkimrr Iulti-rst freund. nr 27. August ist Wilhelm Salomon Freund im 84. Lebensjahr W Breslau gestorben und am 30. .desselben Monats beerdigt worden. Ueber Liese Beisetzung ist im «Gemeindeboten" zu Nr. 37 berichtet worden; die dort im Auszug mitgeteilte Rede des Herrn Rabbiner Rosenthal gibt die Grundzüge der Charakteristik des hochbedeutenden Mannes trefflich an. Wir haben in Nr. 1 dieser Zeitung S. 8 kurz von der Wirksamkeit des bedeutenden Juristen, des um seine Vaterstadt Breslau außerordentlich verdienten -und von ihr hochgeehrten Mannes berichtet. Ich habe an dem angeführten Orte zugleich meinem Bedauern Ausdruck gegeben, daß es mir nicht möglich war, sein Bild zu erlangen. Diese Schwierigkeit