Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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593 imb bewies damit, was sich bei gutem Willen und reiflicher Ueberlegung auch bei uns machen Läßt, um der harten Not zu steuern. Bis zum Oktober waren hier überhaupt keine jüdischen Flüchtlinge, dann kam eine Welle mit etwa 500 Menschen. Kaum hatte die jüdische Gemeinde in Tomsk von ihrem Herannahen gehört, als sie sofort an eine Organisation herantrat. Es wurden neun Abteilungen eingerichtet, die für die verschiedenen Bedürfnisse sorgen sollten. Systematisch beschäftigten sich dann die Einzelkomitees mit der Wohnungs-, Ver- Pflegungs-, Arbeits-, der Erziehungsfrage u. a. m. Schon unterwegs von Tscheljabinsk bis nach Tomsk wurden Volksküchen eröffnet in Omsk, Tarask, Kapiska, Nowo-Nikolajewsk und Taiga. Nach dem Eintreffen der Flüchtlinge wurden sie in den bereits vorbereiteten Wohnungen untergebracht. Am folgenden Tage gleich konnten viele von ihnen in die Arbeit eingestellt werden, denn der Arbeitsnachweis hatte Stellen in Läden, in Wäschereien und in mannigfachen Geschäften vorgesehen. Eine wichtige Leistung war namentlich die Eröffnung besonderer Werkstätten für die Handwerker unter den Flüchtlingen. Die Frauen fanden besonders leicht und rasch einen Verdienst in Nähstuben, Strumpfstrickereien und dergleichen Betrieben mehr. Wer von ihnen mit der Arbeit nicht vertraut war, wurde angelernt und bekam jedenfalls einen kleinen Tagelohn, um nicht zu hungern. In den Abendstunden vereinigen sich Erwachsene itnb Jugendliche in Unterrichtskursen, wo zunächst die russische Sprache gelehrt wird, was als Notwendigkeit angesehen wird für die meistens aus Polen kommenden Flüchtlinge, die Russisch kaum verstehen. Nach! dem Plane einer Volksschule werden ferner die kleinen Kinder unterwiesen, die in der Zahl von etwa 150 vorhanden sind. Für die unbemittelten Flüchtlinge ist ein Mittagstisch erössnet worden, wo für 10 Kopeken ein Mittagsmahl, bestehend aus zwei Gängen, zu haben ist. Wer noch keinen Verdienst hat, erhält täglich ein Paket mit nachstehendem Inhalt: ein halbes Pfund Fleisch, ein Pfund Schwarzbrot, VA Pfund Weißbrot, dann Tee und Zucker, für Kinder unter 12 Jahren werden außerdem noch zwei Glas Milch gegeben. Der ärztliche Beistand ist mit sechs angestellten Aerzten ebenfalls sehr zweckmäßig ausgestältet. Dank der systematischen Einrichtung und Ordnung ist das jüdische Hilfskomitee mit verhältnismäßig geringen Mitteln ausgekommen, und zwar hatte es ein Grundkapital von 7000 Rubel und Zeichnungen von Stiftungen in Höhe von 2000 Rubel monatlich insgesamt. Auch nichtjüdische Flüchtlinge werden häufig von dem Komitee bedacht. Das Endziel des Komitees richtet sich darauf, die Flüchtlinge zum ständigen Aufenthalt an Orten zu kolonisieren, wo sie irgendeinen Anhang oder Beziehungen haben und eine gewisse Grundlage für ihr wirtschaftliches Gedeihen gegeben zu sein scheint. Durch ein eigenes Auskunftsbureau erfährt das Komitee z. B., daß diese oder jene Familie Verwandte im Gouvernement Cherson hat, wo gerade Landarbeiter gebraucht werden. Sehr häufig stellt es sich heraus, daß Leute beim Verlassen ihrer Wohnstätten in Polen aus Befehl des Oberkommandos gleich ihren Weg nach Orenburg, Taschkent oder Pybinsk nehmen wollten und, ohne es 31t ahnen, nach Sibirien verschlagen wurden. Durch eigene Verwechslung der Züge und mehr noch durch den Wirrwarr, der aus den Stationen herrscht, werden immer wieder derartige Fälle unter dien weltfremden Flüchtlingen hervorgerufen. Sie betrachten es selbst als die größte Wohltat, wenn sie endlich dahin befördert werden, wohin sie sich ursprünglich, begeben wollten, um ihr Leben wieder aufzubauen." * Die folgende, vom „Berliner Tageblatt" übermittelte Notiz stellt eine vollkommene moralische B a n k e r 0 t t e r k l ä r u n g Englands dar. Eng I a 11 d n n d d i e r it s s i s ch e n I u den. Dem New Iorker „Jüdischen- Tageblatt" ist ans London folgender telegraphischer Bericht zugegangen: „Lord Robert Cecil, Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußeren, empfing dieser Tage den Redakteur der russischen Zeitung „Gazeta Kopejka", S. Gorodeckr, dem er im Laufe einer längeren Unterredung über die russische Judenfrage nachstehende Erklärung gab: Tie englische Regierung hat immer mit der Forderung einer völligen Emanzipation der russischen Inden sympathisiert, allein die Judensrage ist eine innere Angelegenheit des russischen Reiches, in die wir, die Verbündeten Rußlands, uns uicht eimnischen dürfen und wollen." Das freie England, das vor dem Krieg gelegentlich ein mutiges Wort gegen die Unterdrückung gesprochen, scheut sich jetzt, in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzugreisen. Besonders der Schluß der Erklärung ist charakteristisch und betrübend zugleich. Hätte Englands Staatsmann nur gesagt: wir dürfen uns nicht eiumischen, weil lvir durch ein derartiges Verfahren unseren Verbündeten Ungelegenheiten bereiten, so hätte man ein solches Wort verstehen können; indem er aber hinznfügt: „Wir wollen es nicht", gibt er die Sache der Freiheit ans. Und das ist derselbe Staat, der vorgibt, für Freiheit und Selbständigkeit der kleinen Mächte zu streiten. Während er die Inden Rußlands bisher freiwillig aufnahm, ihnen Luft und Licht und die Möglichkeit des Emporkommens gewährte, während er zwischen den Juden des eigenen Landes und seinen andersgläubigen Bekennern keinen Unterschied machte, ja sie zu den höchsten Staatöämtern gelangen ließ, während englische Könige sich niemals geschellt haben, mit jüdischen Untertanen freundschaftlich zll verkehren, erklärt dieser Staat nun einfach als seinen Willen, sich um die geknechteten, gemarterten, um die in einer aller Sittlichkeit hohnfprechenden Weise gequälten Jllden nicht bekümmern zll wollen. Kein Ausdruck der Entrüstung ist stark gemlg, llm dieses Verfahren 31t verdammen. Endlich entnehmen lvir der schon oben genannten Zeitschrift „Im Delltschen Reich" die nachstehende Notiz: T i e Z e n t r a l 11t ä ch t e f ia* d i e I it b e n. In dem Wiener Wochenblatt „Jüdische Korrespondenz" ist kürzlich ans eine offiziöse Meldung ans Konstautinopel hingewiesen worden, die unseres Wissens bisher geringe Beachtung gesunden hat, obgleich die Tragweite der Aieldüng für die Juden eine große ist. Das Wiener Wochenblatt berichtet: „Anschließend an die Nachricht über die Bildung einer „Cemmtisch-Jsraelitischeu Union", deren Aufgabe es ist, für die Sicherstellung der jüdischen Gleichberechtigung in den osteuropäischen Ländern nach dem Kriege einzntreten, wurde gemeldet, daß in dieser Angelegenheit auch ein M e i u u n g s a ll s t a n s ch z w i s ch e n d c r t ü rkis ch e n R e g i e r n n g u n d der deutschen Botschaft st a t t a e s n n d e n hat, der ergab, daß die t ü r k i s ch e R c g i e r n n g e b e n s 0 tu x e d i e d e n t s ch e u n d ö st e r r e i ch i s ch - n ll g a r i s ch e, d e u B e st r e b u n g e n z ll r B c s s e r u n g des L 0 s e s d e r I u den d e s O st e n s d n r ch ans lv 0 h l lo 0 l 1 e ll d a e g e ll ü b e r st e h t. Unter den Inden aller Länder lvird der Geballte propagiert, an sämtliche Regierllngell mit dem Ersuchen heranzntreten, daß bei beit künftigen Friedensver ha 1 l d lnngelr auch des Loses der Inden gedacht und für lhre Gleichberechtigung in den Ländern, wo sie noch immer unter Allsnähmegesetzen zu leiden haben, eingetreten werde. Oesterreich>- Ungarn, Deutschland solvie die Türkei haben dllrch diese offiziöse Nachricht ihre Bereitwilligkeit bekailntgegeben, diesen jüdischen Wünschen zu entsprechen, itnb wir sind sicher, daß ihre Vertreter bei den Friedensverhandlungen alles mögliche zur Erreichung dieses Zieles unternehmen werden. Das Vertrauen der Juden fast aller Länder zu den Zentralmächten war also vollständig gerechtfertigt, und wir können schon heute diese offiziöse Ankündigung mit dem aufrichtigsten Danke an die Regierungen der Zentralmächte lmd ihrer Verbündeten quittieren."