Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 'Nach alledem darf man wohl hoffen, daß in wenigen Wochen die Balkangeschichte zu Ende ist und daß auch sie mit einem ungeheuren Fiasko der Engländer und Franzosen endigt. Diese Hoffnung ist um so gerechtfertigter, da nach übereinstimmenden Nachrichten zwischen den Engländern und Franzosen, die dort versammelt sind, Unstimmigkeiten herrschen, und die Engländer, ihrer alten Gewohnheit getreu, sich zurückzuziehen und den Bundesgenossen die Arbeit zu überlassen, auch in Saloniki recht untätig sind. Zudem ist, wie gleichfalls in den letzten Tagen gemeldet worden ist, dem französischen Kommandanten Sarrail die Aktionsfreiheit genommen dadurch, daß Marschall Joffre, der bisher nur Höchstkommandierender der in Frankreich und Belgien operierenden Truppen gewesen war, zum Oberbefehlshaber sämtlicher französischen Heere geworden ist. Eine solche Ernennung, die das vielleicht gerechtfertigte Vertrauen der Franzosen zu den Fähigkeiten ihres Generals ausspricht, ist jedenfalls nicht geeignet, die Schnelligkeit in den Unternehmungen des französischen Hilfskorps zu befördern, sondern macht seine Entschließungen abhängig von der Entscheidung des in weiter Ferne weitenden Oberhauptes. Wie es dann weitergehen wird, wer will das sagen? Alls dem r u s s i s ch e n und dem w e st l i ch e n Kriegsschauplatz ist es still; nur die Italiener setzen ihre erfolglosen Versuche durchzubrechen fort und finden ihre Ehre darin, das arme Görz vollkommen zu vernichten. Sie haben, wie verlautet, nach Valona in Albanien Truppen geschickt, und es ist nicht ausgeschlossen, obgleich die stets unzuverlässigen Albanier selbst noch nicht wissen, auf welche Seite sie sich schlagen, daß Albanien zu einem neuen Schauplatz des Krieges wird. Aber wer möchte es wagen, für die Zukunft eine bestimmte Vorhersage zu treffen? Nur das eine scheint sicher, daß auch das Jahr 1915 zu Ende gehen wird, ohne den verheißenen Frieden zu bringen. Mögen nun die Bemühungen des Papstes, wenigstens für die Weihnachtsfeiertage Waffenruhe zu erwirken, von Erfolg gekrönt sein oder nicht, die Gegner hoffen auf das Frühjahr 1916. Tie Franzosen sprechen schon jetzt davon, daß ihre Massen bereits den entgegenstehenden deutschen Truppen an Zahl überlegen seien. Tie Engländer rühmen sich gleichfalls, zum Frühjahr ungeheure Verstärkungen zu erhalten, und sprechen von neuen Armeen, die Rußland ins Feld senden wird. Wir glauben indessen Grund zu der Annahme zu haben, daß alle solche Behauptungen und Verheißungen nur zum Tröste der eigenen Ohnmacht und zur Stärkung des öffentlichen Bewußtseins vorgebracht werden, aber der tatsächlichen Unterlage entbehren. Das numerische Uebergewicht war selten auf der Seite der Deutschen: aber nach dem Wunderbaren, was deutsche Zähigkeit und die Stärke unserer Organisation bisher erreicht haben, ist zu hoffen, daß alle Bemühungen der Feinde, selbst wenn wirklich ihre gelichteten Reihen sich durch neuen Scharen ausfüllen lassen, zuschanden werden, wie sie bisher an der Unerschütterlichkeit unserer Helden zusarnmengebrochen sind. * Wir haben heute wieder einmal Gelegenheit, uns zu den i nncrcit beut s ch e n Verhältnissen zir wenden. In einem sehr bemerkenswerten Artikel der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" beschäftigt sich Herr Direktor Tr. Adler mit Reforma n st a l t e n, j ü d i s ch e n Sch ü l e r n und L berlehrern. Nachdem er von dem Wesen der Reformanstalten gesprochen hat, wendet er sich gegen eine Schrift des Professors E. Groh, die starke antisemitische Tendenzen zeigt. In dieser Schrift wütet der Verfasser gegen die jüdischen Eltern, die ihre Kinder mit Vorliebe in diese Reformanstalten schicken, damit sie schneller zu „Geschäften" geeignet seien, und wagt es auch, im Anschluß an ein Wort des früheren preußischen Kultusministers Bethmann Hollweg gegen jüdische Lehrer aufzutreten. Gegen solche Ausführungen gibt Herr Direktor Dr. Adler folgende Aufklärung: „Ter verhältnismäßig große Prozentsatz jüdischer Schüler in einigeil Reforrnanstalten findet seine einfache Erklärung, wie dem Verfasser ein oberflächlicher Blick in die von ihm selbst aufgestellten Verzeichnisse hätte zeigen können, in der Tatsache, daß diese Schulen sich in Großstädten befinden, in denen der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung bekanntlich größer als in kleinen Orten ist. Wenn Herr Groh die Behauptung ausstellt, daß das Goethe-Gymnasium 31t Frankfurt a. M., die Kaiser-Friedrich-Schule in Charlottenburg und das Französische Gymnasium zu Berlin von den „Söhnen der jüdischen Geldaristokratie" bevorzugt werden, dann Hütte er zum Beweis den Prozentsatz jüdischer Schüler in den anderen höheren Schulen derselben Großstädte heranziehen rnüssen. Er würde dann freilich die Entdeckung gemacht haben, daß z. B. in Schöneberg, Posen und Königsberg der Prozentsatz der jüdischen Schüler gerade in den Anstalten alten Stils ein viel größerer ist! — Ebenso leichtfertig und unbegründet ist eine zweite „Feststellung" des Verfassers, daß die jüdischen Eltern ihre Söhne deshalb den Neformanstalten zuführen, weil hier besondere Milde bei der Versetzung geübt werde (S. 5) und die schwachbegabten jüdischen Gymnasiasten leichter an ihnen zum Ziel i gelangen als in den oberen Klassen anderer Anstalten. Als Beweis j für seine Behauptung führt er u. a. die Verhältnisse am Goethe- Gymnasium zu Frankfurt a. M. an, wo von 37 Abiturienten des Jahres 1901 nur 17 Schüler von Sexta an in der Anstalt herangebildet worden seien, dagegen 9 das Gymnasium erst von der Untertertia ab besucht hätten, „davon seien 7 Schüler jüdischen Glaubens gewesen". Ostern 1912 hätten bei 37 Prüflingen 24 das Gymnasium von der untersten Klasse an besucht, und auch hier sei es merkwürdig, daß von den 7 Abiturienten 2 wieder erst in Untertertia eingetreteu seien. Zunächst kann selbst Herr Groh für seine Zwecke nicht die Untertertia zu einer „oberen" Klasse stempeln; wenn er weiter über die Tatsache, daß mehrere jüdische Schüler erst in Untertertia des Goethe-Gymnasiums eingetreten sind, sich hätte Aufklärung verschaffen wollen, so würde sie ihm leicht jeder Lehrer gegeben haben, er hätte sie auch in dem Aussatz Ziehens in Reins „Handbuch der Pädagogik" (II, S. 989), den der Verfasser kennt, finden können: In Frankfurt bestehen lieben anderen bekanntlich zwei Realschulen unter dem Patronat der jüdischen Gemeinden; seit jeher sind Schüler, die mehrere Jahre diese realen Anstalten besucht haben und Neigung irnd Befähigung zum Studium zeigten, in das Gymnasium übergetreten, „wo sie nicht eben die schlechtesten Schüler waren mld durchaus den Anschluß an ihre Mitschüler erreichten"! Im weiteren legt Herr Dr. Adler eine Lanze ein für den jüdischen Verfasser einer französischen Parallelgrammatik und rühmt die wissenschaftlichen Leistungen anderer jüdischen Lehrer. Er schließt seine Darlegungen mit folgenden Worten: „Mag Herr Groh über die Treue, die die deutschen Lehrer jüdischen Glaub ms wie ihrem Vaterland, so auch ihrem angestammten Glauben halten, weiter höhnen und spötteln -- sie werden solche Ergüsse am bestell mit der unentwegten Erfüllung der Aufgaben beantworten, die ihnen obliegen, und sich namentlich in der gegenwärtigen schweren Zeit, wie noch jüngst Triefen, in die vorderste Reihe stellen, lvo es gilt, das Wohl des Vaterlandes zu fördern. Demgegenüber erscheint das Auftreten des Herrn Groh erst in der rechten Beleuchtung: Welche Beachtung schenkt dieser „deutsche" Lehrer dem Wort seines Kaisers, der keine Parteien, nur noch Deutsche kennt!" * Wenn wir unsere Blicke dem Ausland zuwenden, so ist zunächst einer Korrespondenz Raum zu gebien, die uns von unserer Mitarbeiterin B. in Hamburg zugeht; sie handelt über die Flüchtlinge in Tomsk und hat folgenden Wortlaut: „Der „Rjetfch" geht aus Tomsk nachstehende Korrespondenz zu: Im Gegensatz zu allen Städten des europäischen Rußlands darf behauptet werden, daß die Flüchtlinge in Tomsk eine Vorsorge gefunden haben, wie sie anderweitig noch nicht vorhanden war. Mustergültig arbeitete namentlich das jüdische Komitee