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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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591 geben. Sein Tod bedeutet eine schwere Krisis für das amerikanische Judentum. Diese kurze Würdigung eines bedeutsamen Lebens im Augenblick der schweren Trauer mag durch ein Persönliches Wort, ihren Abschluß finden. Seine Größe bewies Schechter auch im Verkehr mit seinen Freunden. Wie jede starke Persönlichkeit, hatte er seine Abneigungen, für manche Menschen leicht scharfe Worte, aber wen er einmal als den Seinigen erkannte, dem hielt er die Freundschaft in echter, unwandelbarer Gesinnung. In rührender Dankbarkeit hing er an denen, die sich in schweren Jahren ihm genähert oder Einfluß auf seinen Lebensgang genommen hatten, und unerschütterliche Treue bewahrte er denen, die Gemeinsamkeit der Gesinnung oder der Lebensarbeit ihm näher brachte. Ich finde sicher keinen Widerspruch, wenn ich als der jüngere zugleich im Namen seiner vielen älteren Freunde das Psalmwort aus ihn anwende: „Wie mit einem echten Freunde, einem Bruder konnte ich mit dir wandeln; wie einer, der um die Mutter trauert, bin ich nun in Schmerz niedergebeugt." Wir alle werden seinen Verlust als unwiderbringlich beweinen, ganz Israel aber soll mit uns klagen, denn fürwahr mit ihm „ist ein Fürst und ein Großer heimgegangen in Israel"! Dir Woche. Berlin, den 7. Dezember 1915. uch während dieser Woche stehen die beiden Ereignisse iur Vordergründe des Interesses, von denen in der vorigen Uebersicht die Rede war: das Geschick der Serb e n und die zukünftige Haltung Griechenlands. Don dem serbischen Feldzug kann man sagen, daß er zu Ende ist. Auch die Festung Monastir, der letzte noch übrige Halt, die einzige Hoffnung der Serben, ist nun in die Hände der bulgarischen Truppen gefallen. Einstweilen kann eine Beute von 6000 gefangenen Serben konstatiert werden. Schon seit einigen Tagen war diese Stadt, in die sich viel Private, gar manche Beamte zurückgezogen hatten, verlassen worden; sie alle haben in ziemlich würdeloser Flucht ihr Heil in Albanien oder in Montenegro gesucht. Die Prahlerei, die der Kommandant von Monastir noch vor wenigen Tagen geäußert hatte, er werde diese Feste bis auf den letzten Mann in hartnäckigem Widerstande halten, hat sich, wie so viele ruhmredige Aeußerungen unserer Feinde, als eitel Dunst erwiesen. Nun sind die Serben, soweit die ganz zerrütteten, ohne schwere Kanonen und so ziemlich ohne andere Hilfsmittel gelassenen Scharen noch überhaupt zählen, aus dem eigentlichen Serbien so gut wie völlig entfernt. Die Kriegsbeute, die die Bulgaren allein in einem glorreichen Feldzug von fünf Wochen gemacht haben, ist eine ungeheuere. Vor dem Falle Monastirs, das gewiß einen sehr erheblichen Zusatz gewährt, worüber bisher aber noch keine Zahlen vorliegen, betrug sie 50 000 Gefangene, 265 Geschütze, 136 Artilleriemunitionswagen, ungefähr 100 000 Gewehre, 36 000 Granaten, 3 000 000 Gewehrpatronen, 2350 Eisenbahnwagen und 63 Lokomotiven. Die Beute, die von den verbündeten deutsch-österreichischen Truppen gemacht worden ist, beträgt an Gefangenen mindestens ebensoviel. Die Truppen der Westmächte, die in Saloniki gelandet waren, sind jedenfalls nicht imstande gewesen, den Serben Hilfe zu bringen. Es ist fraglich, ob sie abwarten, das Schicksal ihrer Verbündeten zu teilen, oder ob sie es vorziehen, die mit so vielem Redeschwall angekündigte Balkanexpedition ebenso aufzugeben, wie sie den erfolglosen und ungeheuer verlustreichen Feldzug gegen Konstantinopel aufgeben mußten. Schon ist den Ententemächten von Griechenland der freundschaftliche Rat erteilt worden, aus Saloniki zurückzugehen, wo ihnen das Schicksal der Einschließung oder der Vernichtung droht. Es fehlt natürlich nicht bei den in den Parlamenten unserer Gegner gehaltenen Reden und in den feindlichen Zeitungen an prahlerischen Verheißungen von einer völligen Wiederherstellung eines unabhängigen und großen Serbiens; namentlich der italienische Minister Sonnino, der, wie sein Landesherr und sein Volk, Serbien schmählich seinem Schicksal überlassen hat, nimmt den Mund von solchen Zukunftsträumereien recht voll. Aber selbst in dem leicht aufwallenden Italien, das sich so gern als Erlöser aufspielt, finden solche Reden geringen oder gar keinen Anteil. Die große Ansprache des Ministers ist von der Kammer ziemlich kühl ausgenommen worden und wird von der Presse nüchtern beurteilt; im Parlamente und in den Zeitungen macht sich der Begehr nach Frieden, hervorgegangLN aus der Erkenntnis, daß man sich in ein törichtes und nutzloses Unternehmen eingelassen, immer urehr geltend; die Unterzeichnung des Vertrages mit England, die übrigens erst vor wenigen Tagen, am 30. November, erfolgt ist, eines Vertrages, der Italien verpflichtet, nicht ohne Englands Zustimmung Frieden zu schließen, hat in Italien große Erregung hervorgerufen. Da diese Macht nun im Wortbruche ein Meister ist, so ist gar nicht ausgeschlossen, daß sie, die früher ihre Vertragsfreunde so schmählich verraten hatte, auch imstande ist, ihre neuen Verbündeten im Stiche zu lassen, um so mehr, wenn wirklich, wie es den Anschein hat, revolutionäre oder republikanische Neigungen in Italien die Oberhand gewinnen. Vermutungen über das künftige Schicksal Serbiens hier auszusprechen, ist unsere Sache nicht; Bulgarien scheint entschlossen, denjenigen Teil des Landes, den es eingenommen hat, soweit es von Bulgaren bewohnt ist, zu behalten, und. ob Oesterreich zuseyen wird, daß dieses Räuberland irgendwie wiederhergestellt wird, um nach seiner Wiederherstellung neue Kräfte zu Gewalttaten und Raubzügen zu gewinnen, ist jedenfalls höchst fraglich. Die griechischen Verhältnisse sehen für unsere Feinde nicht so rosig aus, wie die diplomatischen Reisenden, Herr Denys Cochin aus Frankreich und Herr Kitchencr aus London, sich einreden oder wenigstens ihre vertrauensseligen Bundesgenossen glauben machen wollen. Nach den neuesten Nachrichten haben diese bald lockenden, bald drohenden Unterhändler wenig oder nichts erreicht. Ganz gewiß nicht die von ihnen geforderte sofortige Abrüstung Griechenlands und ebensowenig die gewünschte Erlaubnis, in Saloniki die Polizei auszuüben und die Stadt sowie deren Umgebung zu befestigen. Statt der Abrüstung werden vielmehr in Griechenland fieberhafte Rüstungen vorgenommen und die Blätter melden, daß die Griechen, obgleich sie den Verbündeten die Benutzung aller Bahnen gestattet haben, die von Saloniki ausgehen, in Saloniki selbst bleiben. Ueber den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen schreibt die „Vossische Zeitung": Genf, 1. Dezember. Aus Athen erhalt die französische Presse die halbamtliche Nachricht, daß plötzlich eine neue Spannung zwischen der griechischen Regierung und dem Vierverbande eingetreten sei. In den dortigen Kreisen der Aierverbandsdiplomatie herrsche das Gefühl, daß die jetzige Lag? unmöglich andauern könne. Die griechische Negierung werde sich bemühen müssen, die am Montag überreichte Antwortnote näher zu Präzisieren. Die aus Paris dorthin gelangte Nachricht, daß in Frankreich die Aufgabe Salonikis durch die Engländer und Franzosen für möglich gehalten werde, sei für König Konstantin ein willkommener Anlaß zmn Widerstand gegen den Vierverband gewesen. Er beeile sich daher keineswegs, dessen Wünschen zu entsprechen. L o 11 b o n , 1. Dezember. Die „Times" erfahren aus Athen: In Beantwortung der Forderung des Vierverbandes, die griechischen Truppen ans dem von den Verbündeten besetzten Gebiet zurückzuziehen, erklärt die griechische Negierung, daß sie dies für unausführbar hält, weil dadurch Schwierigkeiten entstehen würden.

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