Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gegenüber allen neuen Einflüssen. Er war kein zunftmäßiger Gelehrter, er hat nie ein umfangreiches Buch mit gelehrten Untersuchungen veröffentlicht; während die Fachgenossen Handschriften und Akten studierten, die Lebensumstände der Gelehrten und die äußeren Daten ihrer literarischen Tätigkeit sammelten, fesselten ihn mehr als die Bücher und die Handschriften die Menschen und die sie bewegenden Gedanken. Ihn zogen nicht so sehr die Schriften an, wie das, was sie für die Mitwelt und Nachwelt gewirkt, der Einfluß, den sie auf die Kultur und das Seelenleben der jüdischen Gemeinschaft geübt hatten. So wurde die Vergangenheit vor ihm lebendig; mit dem Reichtum der Gedanken und Gesichtspunkte, die ihn selbst erfüllten, verstand er sie darzustellen, und wer seine Darlegungen hörte oder las, wurde überrascht, begeistert, sortgeriffen, denn er verfügte über einen faszinierenden Stil, stets fand er überraschende Wendungen, glückliche Formulierungen, geistreiche Witzworte und fesselnde Vergleiche. Daher waren seine Vorlesungen in London und in Amerika Gegenstand höchster Aufmerksamkeit und fanden eifrigste Beachtung, wenn er sie in Zeitschriften veröffentlichte oder in Auswahl in Buchform in „Ltudies in -ludaism“ (2 Bände) oder „Lome Aspects of Rabbinic Theology“ vereinigte. So gelang es ihm als eindruckvollem Essayisten, weiten Kreisen der Gebildeten innerhalb und außerhalb des Judentums für den Gedankengehalt des jüdischen Schrifttums Verständnis zu vermitteln. Dadurch wurde er auch für die jüngere Generation bahnbrechend. Es werden von ihm, wenn seine Werke erst in Deutschland mehr bekannt sein werden, die reichsten Anregungen für die Zukunft ausgehen. Nicht daß er die gelehrte Forschung gering geschätzt hätte, seine Darlegungen waren sehr sicher fundiert, er war mit dem Rüstzeug der modernen Wissenschaft sehr wohl versehen. Auch er hat Handschriften studiert und vortrefflich bearbeitet. Das bezeugt sein Erstlingswerk, die Abot di R. Nathan (Wien 1887), dem ein Fachmann das Lob erteilte, daß es die einzige Ausgabe eines rabbinischen Werkes ist, die den Anforderungen strengster Wissenschaftlichkeit genügt; das beweist auch, um zahlreiche andere Veröffentlichungen zu übergehen, seine groß angelegte Ausgabe des Midrasch Hagadol zur Genesis (London 1903). Und er ist schließlich der e r s o l g r e i ch st e Entdecker hebräischer Handschriften geworden. Das war wiederum ein Ausfluß seiner Genialität. Zwei viel gereiste, gelehrte Damen in Cambridge brachten ihm eines Tages aus dem -Orient zwei vergilbte Blätter mit hebräischen Schriftzeichen, und er erkannte darin mit sicherem Blicke Reste des seit mindestens 1000 Jahren verlorenen hebräischen Urtextes des Buches S i r a ch. Es dauerte nicht lange, da entdeckte man in einigen anderen Bibliotheken ähnliche Handschriften, so daß nach kurzer Zeit der größte Teil des hebräischen Sirach der Wissenschaft zugänglich gemacht werden konnte. Da all diese Fragmente auf einen Ursprung hinzuführen schienen, kombinierte Schechter, daß an derselben Stelle noch mehr Handschriften liegen müßten. Er unternahm mit Unterstützung seines Freundes Dr. Taylor eine Studienreise nach Kairo und kehrte mit Schätzen reich beladen — man schätzt den Ertrag auf etwa 40 000 schriftliche Fragmente — nach Cambridge zurück. Das waren die Genisa-Funde, die, man darf das ruhig aussprechen, eine neue Epoche in der Erforschung der Geschichte des jüdischen Geisteslebens eingeleitet haben. Das wäre nun freilich nichts anderes als Finderglück, wie es auch kleineren Geistern zuteil geworden ist. Was aber die höchste Bewunderung verdient, ist die Tatsache, daß Schechter selbst, der diesen Wust von Schriften nur einmal im Rohzustand, als ihnen noch die Spuren ihres tausendjährigen Aufenthalts unter der Erde anhafteten, in der Hand hatte, bei dieser flüchtigen Durchsicht 590-- mit seinem hellen Auge eine Anzahl Stücke von ganz einzigartiger -Bedeutung herausgegriffen und selbst veröffentlicht hat. Hier sei nur auf seine Sammlung „S aadyana" (Oxford 1902) verwiesen, die bisher unbekannte Welten erschlossen hat, und vor allem auf seine „Fragments of a Zadokite Work“ verwiesen, deren Rätsel bis heute ungelöst sind, obwohl von Fachmännern ersten Ranges schon eine ganze Literatur darüber zusammengeschrieben worden ist. Die Genisa ist eine Fundgrübe, deren Schätze dem Getehrtenfleiß ganzer Generationen Stoff liefern werden, die alle Schechters Namen in Dankbarkeit und Ehre nennen werden. Unter seinen Essays ist der über die C h a s s i d i m vermittels zählreicher Uebcrsetzungen am weitesten bekannt geworden; er hat mit dazu beigetragen, die verbreitete gering-! schätzige Meinung über diese Sekte zu revidieren. Schechter j ist der Liebe seiner Jugend nie ganz untreu geworden; nicht i etwa, daß der gereiste Mann von umfassender europäischer; Bildung, von starker Neigung zur Kritik gegen die Schwächen ' der Bewegung blind gewesen wäre, aber er behielt auch ein i offenes Auge für ihre starke Seite, übersah nicht die Quelle, > aus der ihre Kraft floß, ihre starke Anziehung auf die Ge-! müter. Die Innerlichkeit des religiösen Erlebens, die Glut der religiösen Begeisterung beseelten auch ihn, und schon in einer Zeit, als noch der kühlste Rationalismus unumschränkt herrschte, als noch nicht die Mystik in der Kunst, in der Dichtung und selbst in der Philosophie mit Achtung genannt wurde, wagte er es, für das Irrationale in der Religion, für die e n t h u s i a st i s ch e, selbst für die e k st a t i s ch e Auffassung der Religion eine Lanze zu brechen. Er hat bis zuletzt die Schriften der Mystiker, der jüdischen und der nichtjüdischen, mit Eifer und tiefer Empfänglichkeit gelesen und von ihnen aus immer wieder den Weg gefunden, der ihn ans aller Skepsis zur Religion sicher führte. Man muß sich diesen Grundton seiner Seele gegenwärtig halten, um seine Stellung im Judentum zu verstehen. Er gehörte keiner Partei an, konnte über sie alle spötteln, er vertrat kein Programm, aber er lebte eine Weltanschauu n g. Das war die Ueberzeugung von der einzigartigen B e d e il tung des Iudent u m s für die Entwicklung der Religionen, die Ueberzeugung, daß der Boden, dem unsere Bibel entsproß, heilig war und heilig geblieben ist. Daß und wie die Grundgedanken des Judentums in ununterbrochener Tradition fortleben, das war er an den hervori stechendsten Erscheinungen unserer Religionsgeschichte zu zeigen bestrebt, das war das Ziel, das ihm bei allen seinen wissenschaftlichen Arbeiten und Lehren vorschwebte. Das war auch der Grundgedanke, der ihn bei der Uebernahme seiner amerikanischen Aufgabe leitete. Es ist in den letzten Nummern dieser Zeitung hervorgehoben worden, daß er dem der Reformbewegung in den Vereinigten Staaten zugrundegelegten Gedanken eines besonderen amerikanischen Judentums den des Gesamtjnd entnm s, des geschichtlichen Judentums, gegenüberstellte. In der Einweihungsrede der ihm unterstellten Anstalt bezeichnete er es als ihre Aufgabe, das Judentum in seiner Reinheit und Eigenart, in seiner geschichtlich gewordenen Eigentümlichkeit, die es von allen anderen Religionen unterscheidet, zu studieren, zu lehren und fortzusetzen. „Es gibt keine andere jüdische Religion als diejenige, welche die Thora lehrt, welche Geschichte und lleberlieferung fortsetzen, die in das Gesamtbewußtsein der jüdischen Gemeinde aus der ganzen Erde eingegangen ist." Dieser Aufgabe hat er sich, gegen starke Widerstände, mit der vollen Kraft seines Geistes, mit der Glut seiner starken Persönlichkeit hin- - gegeben; durch ihre Erfüllung hoffte er dem Judentum der Neuen Welt, das schon durch feine Seelenzahl zu einer bedeutsamen Zukunft berufen scheint, Halt und Festigkeit zu