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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Geheimrat Professor Tr. Wilhelm F o e r st e r , Lanbtagsabgeordueter Landgerichtsdirektvr K a n z 0 lv , Reichstagsabgeordneter. Rittergntsbesitzer R 0 l a nd - L ii cf c und Rechtsanwalt Tr. Baer - wald Frankfurt a. M.p nnedergelvählt. An Stelle des wegen hohen Alters aus dem Vorstand ausscheidenden, seit Begründung des Vereins ihm angehörenden Frankfurter Vorstandsmitgliedes Stadtrat Flinsch wurde Stadtverordneter Jnstizrat Tr. Bear Gehrte in den Vorstand gewählt. E. S. Berlin- 30. November. Im V e r c i n f ü r jüdische G cs ch i ch t e und Literat n r sprach am 25. d. M. Rabbiner Tr. - I. Bergmann über „Geschichte und Legende". Ter Redner führte etwa folgendes ans: Wo die Geschichte keine Antwort weiß, setzt die Legende ein. Wie viele schöne Legenden sind aus dem jüdischen Volk hervorgegangen! Es sei vor allem an die über das Schicksal der zehn Stämme erinnert. Geschichtlich steht der Ursprung der ältesten Judensiedlnngen in Europa nicht seit. Hierüber weiß die Legende wohl Auskunft, ebenso über die vier aus Babylon nach Südeuropa gekommenen Talmudgelehrten. Gin Sagenkranz knüpft sich auch au die Kabbala. Rieht die Verkehrung der Geschichte ist die Legende, sondern eine uralte geschichtliche Erinnerung der Völker wohnt ihr iuue, und darum hat sie auch Wert für den Historiker. Tie Heldenverehrung des Volkes findet in der Legende ihren Ausdruck. So manche große Männer leben nicht in der wissenschaftlichen geschieht neben Darstellung, sondern in der Legende beim Volk sort. z. B. Rabbi den Akiba, Kaiser Julian Apostata, Papst Sirtns V., vor allem Alexander der Große, welchem der Hohepriester Simon der Gerechte im Traum erschien. Wie die Tichtung lebt auch die Legende sort, darunter auch solche ans neuerer Zeit, wie die Begegnung Napoleons I. mit dem Führer des Ghassidismus im Jahre 1 NI2. Rieht nur auf die eigentlichen Helden, auch auf die Großen der Literatur erstreckt sich die Legende. Wie ist hierdurch Aristoteles der jüdischen Volksdichtung naheaerückt! Welches Unheil knüpfte sich an die griechische Bibelübersetzung, die Rüstkanuner der Judenfeinde! Wie lieblich sind die Geschichten vom Raschi-Kouunentar und der Mischna- Thora des Maimonides! Durch die Legende können wir wie durch ein Fenster in die Seele des Volkes sehen. Tie Legende bewahrte dem jüdischen Volk die Ehrfurcht vor dem Heiligen. Weil der Kaiser Titus dieser ermangelte, mußte er, der Mächtige, von einem kleinen Tier, der Mücke, zu Tode gequält werden. Griechen, welche in unlauterer Absicht Stellen ans der Heiligen Schrift entlehnen, wurden blind. Läßt die christliche Sage den Apostel Johannes nicht gestorben sein, sondern nur schlafen und dereinst wiedertehren, so lebt der Prophet Elias noch in mancherlei Gestalten unerkannt int jüdischen Volk als Schützer in Rot und Verfolgung. Wohl kennt das jiddische Volk eine Heldenverehruug, aber keine Heiliaenverehrung—nur Gott allein ist heilig. Darum konnte der berühmte Wundertäter Rabbi Low in Prag wohl andere, aber nicht sich selbst von Krankheit und Rot befreien und unterlag selbst im Kampf mit dem Tod. — Tie Legende ist die Philosophie der Geschichte des Volkes und sucht die Rätsel der wirklichen Geschichte aus mehr kindliche Weise zu lösen. Vor Gottes Thron steht ein Kelch von den Tränen, die er vergießt, wenn Israel verfolgt wird. Ist er voll, so kommt der Erlöser. Rieht aber geht dann die Welt unter, sondern sie verjüngt sich nur. Durch Kampf znm Sieg! Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten und gehaltvollen Ausführungen. — Breslau, 26. November. In der Halle des israelitischen Friedhofes an. der Lohestraße fand am Sonntag, den 21. d. M., die Tranerfeier für Professor Tr. Leopold Eohn statt, an der ein großer Kreis von Leidtragenden, unter ihnen viele Vertreter der Gemeinde, zahlreiche Sendboten der Universität teilnahmen. Schlicht und einfach, wie er gelebt, so gestaltete sich seine Trailerseier und doch eindrucksvoll um des echten Gefühls willen, das in allen lebte, die ihn zu Grabe geleiteten. Orgelton und Ehorgesang leiteten die Feier weihevoll ein, und dann rief Rabbiner Professor Tr. Gntturann dem großen Gelehrten, dem tiesreligiösen Manne, dem hochverehrten Haupte seiner Familie, dem edlen Freunde, dessen Trene er rühmte, warme Worte des Erinnerns nach, gelobte ihm stets Andenken und nahm Abschied von ihm, der allzufrüh dahinging, ehe das Werk seines Lebens vollendet war. Einen Fürsten der Wissenschaft nannte er ihn, dem Anerkenn'nng ward von allen seinen Fachgenossen, einen Willenshelden, der sein Ziel erreicht hak, allen Schwierigkeiten znm Trotz, einen Mann, der in peinlicher Gewissenhaftigkeit seines Amtes waltete und der sich nie den Aufgaben der Allgemeinheit versagte. So wußte er das Bild des Dähingeschiedenen noch einmal hervdrzurüsen und zugleich den Seineri den Trost der Religion zu spenden. Ergreifend klang darin das alte Abschiedslied durch die Halle: „Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man von: Liebsten, was man hat, muß scheiden". Und als die Orgel verhallte, trug man den Toten hinaus zu seiner letzten Ruhestätte. Sein Andenkens aber wird wach erhalten bleiben durch feilt reich gesegnetes Leben. — Professor Dr. Leopold Eohn, der Pribätdozent an der Universität und Oberbibliothekar an der Königlichen und Universitätsbibliothek war, hat ein Alter von 59 Jahren erreicht. In der Gemeinde bekleidete er seit 1906 das Amt eines Repräsentanten. Als Gelehrter hat er um die hellenistische Philologie durch Herausgabe einer Reihe von geschützten Arbeiten sich sehr verdient gemacht. Die gelehrte Ausgabe der Werke des jüdischalexandrinisch-m Philosophen Philo ist leider, unvollendet geblieben. Professor Eohn war a\n 14. Januar 1856 in Zempelburg (Westpreußen) geboren, wurde 1884 Privatdezent, 1889 Kustos an der Königlichen und Universitätsbibliothek Breslau, erhielt 1897 den Titel Professor und wurde 1902 Oberbibliothekar. Sein Bruder ist der Kriegsrabbiner in Eschwege; er war mit einer Tochter des verstorbenen Direktors des Breslauer jüdischtheologischen Seminars, Dr. Lazarus, verheiratet. 2-2 Tempelburg, 26. November. In Hammerstein (Westpr.), 100 zirka 1000 Juden seit 13 Monaten interniert sind, wird, wie der hiesige Prediger, Herr Lion Wolf, berichtet, seit einem Jahre alle drei Wochen ein gemeinschaftlicher Gottesdienst unter seiner Leitung abgehalten. Seit einiger Zeit haben die Gefangenen in einem separaten Raum eine Betstnbe mit allen zum Gottesdienst erforderlichen Gegenständen eingerichtet. Sie haben sich einen Parneß, einen Gabbe gewählt, verkaufen die Mrzwos und verteilen den Ertrag an ihre Bedürftigen. Eine Kehilloh mit 1000 Mitgliedern! Abwechselnd beten in den Wochentagen und am Sabbat je 50 in der Synagoge, und nur einmal an den Tagen, wenn Herr Wolf dort predigt, sind mindestens 500 Gefangene zusammen. Nach dem Morgengottesdienst treten die Bittsteller an ihn heran itnb bringen ihre Wünsche Vor, die in den meisten Fällen in der Bewilligung von Gebetbüchern und rabbinischer Literatur bestehen. J. M. Stendal, 26. November. Im hiesigen Lager befand sich der Kriegsgefangene A l s 0 n s N a k i n 0 w i t sch aus Paris, dessen Baker Russe, die Mutter Deutsche und er selbst Franzose war. Eine tückische Krankheit hat ihn dahingerafft, und auf dem hiesigen israelitischen Friedhof wurde der Tahingeschiedene bestattet. Beim Kommando französischer Kameraden, die dem- Toten das letzte Geleit gaben, befand sich auch ein katholischer Geistlicher, der die Erlaubnis erbat und erhielt, am Grabe sprechen zu dürfen. „Tort unten liegt unser treuer Kamerad, der für das schöne Frankreich gestorben ist", war der Sinn der wehmütigen und leidenschaftlichen Worte, die der christliche Geistliche dem jüdischen Kameraden am Grabe nachrief. Tein Wunsch des Gemeindevorstehers, die Trauerrede zu halten, war Herr Rabbiner Tr. Jaeobus, Magdeburg, gern in selbstloser Weise und ans Mizwnh nachgekornwen. Tie Trauerrede hinterließ einen sichtlichen Eindruck aus die Versammlung, an der eine Anzahl Gemeindemitglieder nebst Damen teilnahmen und die kies ergriffen die Skätke verließen, wo wieder ein junger Glanbensbrnder als Opfer des Krieges den letzten Schlaf schläft. ' M. Hamburg, 26. November. Tie Beisetzung des auf dem Felde der Ehre gefallenen Rechtsanwalts Tr. Bertram Ascher, des Vorsitzenden des Jüdischen Jugendbundes, die auf dem Ohlsdorser Friedhof staktfand, gestattete sich zu einer bedeutenden Kundgebung. Der Verstorbene, der noch itn jugendlichen Alter stand, war kurz vor seinem Tode zum Leutnant der Reserve des 1. Masurischen Infanterieregiments 146 befördert worden, und Regimentskameraden hatten die Leiche hierher gebracht. Zn der Tranerseier waren der stellvertretende kouunandierende General des 9. Armeekorps, Exzellenz v. Roehl, viele Offiziere und Soldaten erschienen; eine Abordnung der 75er mit der Regimentskapelle hatte ans dem Friedhof Ausstellung genommen. Tie Zahl der Leidtragenden war so groß, daß nur ein geringer Teil in der Friedhosskapelle Platz finden konnte. Unter den Leidtragenden waren außer den Verwandten, zahlreichen Freunden

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