Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 49 Berlin, 3. Dezember 1515 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemetnen Leitung de§ Judentums. krrrrhrondrn-zm und Nachrichten. Lrutschlsnll. E. R. Berlin, 28. November. In der heutigen Sitzung der NePräs e n tont e n v e r s a in in lung wurde nach dem Verlesen des Protokolls der letzten öffentlichen Sitzung zunächst die Annahme folgender Zuwendungen beschlossen: Von Herrn Georg Prager zur Wege dreier Gräber 600 Mark, von Fräulein Luise Marx 1500 Mark, von Herrn Max Kurniker für dauernde Pflege zweier Gräber 5000 Mark. Die von ben Testamentsvollstreckern des verstorbenen Herrn Hermann Hoffma n n angebotenen 5000 Mark zu der schon bestehenden Stiftung von 20 000 Mark mit der Maßgabe anzunehnun, daß die Zinsen der ganzen Stiftung in erster Linie zur Unterstützung sich meldender bedürftiger Verwandter des Erblassers oder seiner Witwe Dorothea Hofsmann geb. Lachmann verwendet werden. Von den durch die Aschroltschen Testamentsvollstrecker der jüdischen Gemeinde zu wohltätigen Zwecken überwiesenen 25 000 Mark soll ein Teilbetrag von 5000 Mark an den Fonds für verschämte Armen abgegeben und 20 000 Mark zur Unterstützung von Kriegsbeschädigten, vorzugsweise zum Zweck der Wiederaufrichtung ihrer Existenzen, verwendet werden. — Hierauf verlas Herr E m i l Pincus ein Schreiben des Gem'eindevorst.Lndes: Nach der: mit Rücksicht auf den zweiten Gottesdienst an den Freitagabenden in den Synagogen Oranienburger Straße und Lindenstraße getroffenen Änderungen findet in der Synagoge Levetzowstraße dieser Gottesdienst anr vierten Sabbat des Monats statt. Danach würde er im Monat Dezember gerade auf Freitag, den 24. Dezember, fallen. Dies erscheint jedoch schon darum nicht zweckinäßig, weil am nächstfolgenden Tage, der zugleich der erste Weihnachtsfeiertag ist, in allen Synagogen gepredigt wird. Was die Synagoge Fasanenstraße anbetrisft, so haben die mit dem ersten Versuch gemachten Erfahrungen ein so ungünstiges Ergebnis gezeigt, daß eine Wiederholung nicht erforderlich erscheint." Herr Emil Cohn hält -den zweiten Freitagabendgottesdienst für sehr wichtig. Junge Männer in Geschäften könnten unmöglich in der Zeit von 4 bis 5 Uhr den Tempel besuchen. Diese möchten aber auch ihr religiöses Empfinden bekunden. Eine Aufgabe der Liberalen sei es, allen religiösen Bestrebungen Rechnung zu tragen. Er bittet den Vorstand, noch einige Versuche zu machen und den Gottesdienst auf 8% Uhr anzusetzen. Herr Syndikus L i l i e n t h a l erwidert, die Ablehnung' sei. aus sachlichen Gründen erfolgt. Herr Gewerberat Plotke betont, daß der zweite Gottesdienst in der Levetzowstraße am letzten Freitagabend 8% Uhr sehr gut besucht gewesen sei, und bittet gleichfalls, im Monat Januar einen weiteren um 8M Uhr erfolgen zu lassen, Herr Kommerzienrat Eisn-er rechtfertigt die Gründe des Vorstandes; es seien nicht so viel Rabbiner und Funktionäre vorhanden, um einen zweiten Gottesdienst stattfinden zu lassen, aber er habe nichts gegen einen weiteren Versuch. Herr Benas Levy wünscht keine Kandidaten zum zweiten Freitagabendgottesdienst. Die Gemeindemitglieder hätten wohl ein Recht, beliebte Prediger zu hören. Das Prinzip, bestimmte Rabbiner an bestimmten Synagogen predigen zu lassen, möge in diesem Falle durchbrochen werden. Den Rabbinern selbst würde das gewiß recht sein. Dadurch wäre ein regerer Besuch der Gotteshäuser zu erwarten, und nicht nur junge, sondern auch ältere Leute würden an dein Gottesdienste gern teilnehmen. Die Versammlung stimmte dem bei. Von dein Bericht der Revisionskommission über die außerordentliche Revision der Kassen und des Repositoriums gibt Herr Lewinsky ausführliche Erklärung. — In die Stiftungskonnnifsion werden gewählt die Herren Bernhard Haas, Robert Rüben, Gustav S a l o m o n, Dr. Julius Freudenöorg, Geh. Kommissionsrat Potsdamer, Frau Henny Neumann. In die Fciedhofskommissiou die Herren Magistratsbaurat B roniatow ski, Alexander Hahn, Siegfried Sachs, Eugen Sello, Siegfried Wachsner, Dr. Hirsch, Ernst I tz i g. In den Vorstand der Synagoge Lindenstraße Herr Siegfried Dannheuser in Schöneberg. Als At i. t g l i e d der Versammlung in den Vorstand der Synagoge Pestalozzistraße Herr Dr. Wechsel mann. — Auch für das Jahr 1916 wird die Frühjahrseinziehung der Friedhofsgärtnereien der Berliner Paketfahrt- Gesellschaft mit der Maßgabe übertragen, daß der Betrag einer von der Firma Jacques u. Securius zu leistenden Garantie auf 6500 Mark festgesetzt wird. — In die Armenkommission wurden die Herren Dr. Max S ch e i e r, Oberkantor Magnus Davidsohn, Alexander Ehrlich, Marcus B a ch, Emil E h r lich, Hermann M u n k, Adolf Berg, Isidor Levy gewählt. — Für die Stahlplattenverkleidung der beiden Außentüren und di-e Anlegung einer Kontrolluhr in der Gemeindebibliothek (Wolffsche Sammlung) werden 300 Mark bewilligt, für den Ausbau der Amtsräume im Seitenbau der Synagoge Levetzowstraße 400,96 Mark, für Reparatur von fünf Thorarvllen in der Synagoge Pestalozzistraße 447,50 Mark, zur Herstellung einer Isolierung in der Decke der Synagoge Levetzowstraße 3000 Mark. — Punkt 25, Ritus der Synagoge Kottbuser User, wurde aus der geheimen in die öffentliche Sitzung verlegt. Wie erinnerlich, war diese Angelegenheit einer gemischten Kommission zur Beratung übergeben worden. Wie Herr Justizrat Ignaz C o h n referiert, ist man zu folgendem Resultat gekommen. Auf Einführung der Orgel wird verzichtet. Der Litu-rgie sollen das Sachssche Gebetbuch und die Agende der Synagoge Kaiserstraß-e zugrunde gelegt werden. Zur Durchführung einiger notwendiger Abänderungen wird eine Kommission, bestehend aus zwei Aeltesten, vier Repräsentanten, zwei Rabbinern (ev. auch drei Sachverständigen aus der Gemeinde) eingesetzt. Herr Professor Blaschke bemerkt: Um des Friedens willen sind die Liberalen von ihrem Antrag, die Orgel und das Gebetbuch der neuen Synagoge einzuführen, abgegangen. Die Orgel ist nicht das Wesentliche des Gottesdienstes, sondern das Gebetbuch. Es gibt da verschiedene Standpunkte. Es kann jemand sagen, „ich spreche ein Gebet, weil es alt ist", ein anderer, „ich bete nur das, was meiner innersten Ueberzeugung entspricht". Wir hoffen durch das Gebetbuch das wir schassen wollen, den Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Von den Repräsentanten werden in die Gebetbuchkommiffion die Herren Kattscher, Blaschke, Blumenth al und Plotke gewühlt. Hieraus folgt eine geheinie Sitzung. §2 Berlin, 30. November. Der Verein zur Abwehr des A n t i s e m i t i s m u s hatte seine diesjährige - Mitgliederversammlung zum 26. November nach Berlin einberufen. In der unter dem Vorsitz des Abgeordneten Gothein tagenden Versammlung wurden der Geschäfts- und der Kassenbericht erstattet. Die hieran anschließende Anssprache ergab allseitige Uebereinftimmung darüber, daß der schöne Geist der Verträglichkeit und Versöhnlichkeit, der zu Anfang des Krieges geherrscht, leider vielfach schon verflogen sei, daß die bösen Leidenschaften, von der vaterländischen Begeisterung nur für kurze Zeit gebändigt, wieder nach Betätigung drängen. Von einem bekannten Publizisten wurde die aussehenerregende Mitteilung gemacht, daß nach einer ihm von vertrauenswürdiger Seite ans konservativ-agrarischer Quelle zugegangenen Information die politische Richtung und Weltanschauung, deren Zurückdrängung der Verein in erster Linie sich zur Aufgabe gemacht hat, nur aus den Augenblick wartet, wo die Schranken der Zensur gefallen sein werden, um in Deutschland aufs neue eine skrupellose Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger zu entfesseln, und zwar als Antwort aus die mehr oder minder berechtigten Angriffe, die vielfach wegen der allgemeinen Lebensmittelteuerung gegen einen großen Erwerbsstaud in der Öffentlichkeit erhoben worden sind. Es kam ferner zur Sprache, daß trotz des nicht zu bezweifelnden objektiven Bestrebens der Zensur, die Heißsporne aller politischen Parteien zu zügeln, die bedauerliche Tatsache zu verzeichnen sei, daß ein bekannter Fanatiker verstiegener Rasientheorien, übrigens kein Deutscher von Geburt, in Kriegsaufsätzen, die in vielen Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet werden, und die unter Benutzung eines eigenen Feldpostdienstes auch in großer Anzahl unseren kämpfenden Soldaten zugehen, sich an den innerpolitischen Burgfrieden nicht kehre, nach wie vor einen gefährlichen Rassenhaß predige und die oberste Volksvertretung des Deutschen Reiches, den Reichstag, in unerhörter Weise beschimpfe. — Die turnusgemäß ausscheidenden Mitglieder deS Ausschusses wurden ebenso wie der bisherige Vorstand, bestehend aus den Herren Abgeordneten Bergrat Gothein,