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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 588 (sequence 12)
Language
German
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erregen kann, seine Wirkungen in Deutschland ausübe und daß die' j blühende jüdische Wissenschaft unseres Vaterlandes sich endlich auch der Pädagogik erinnere. Denn die Tatsache, daß der jüdische Lehrer- Heute bei seiner methodischen Vorbereitung von christlichen Autoren abhängig ist, muß unbedingt auch auf die sachliche Seite des Unterrichts ungünstig einwirken und für das jüdische Bewußtsein des Heranwachsenden Geschlechts von großem Nachteil sein. G o l d m a n n, Oppeln. Lprrchlaal. Uns wird geschrieben: Es ist wenig bekannt, daß Gustav Freytag sich außer in „Soll und Haben" und in einer kleinen Broschüre auch in seinem kulturgeschichtlichen Werk „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" mit der Judenjvage beschäftigt hat. — Eine unserer vornehmsten Tageszeitungen veranstaltete zu Beginn des Krieges eine Umfrage bei bedeutenden Persönlichkeiten betreffs empfehlenswerten Lesestoffes. Zu den in den Antworten meistgenannten Werken gehörte das eben erwähnte. Bedauerlicherweise auch in Kreisen gebildeter Laien nicht nach Gebühr bekannt, dürften diese plastisch herausgearbeiteten Schilderungen deutscher Kulturzustände vom ersten Austreten der Germanen bis zum Kriegsjahre 1870/71 hervorragend geeignet sein, über manche Frage Belehrung zu geben, die angesichts der jetzigen Ereignisse mehr als je ln den Brennpunkt des Interesses getreten ist. Im dritten Bande des sünsbändigen Werkes, in dem „Jahrhundert des großen Krieges", findet sich ein Aufsatz „Jesuiten und Juden". Seine Ausführungen sind nicht nur geeignet, das alte Märchen von der Feigheit der Juden zu widerlegen, sondern sie beleuchten in einer sicher für weite Kreise neuen Art die Kulturmission dieses Stammes innerhalb des deutschen Volkes. Freytag schreibt unter anderem: „Die Bedeutung, welche der innige Zusammenhang der Juden für den deutschen Handel in einer Zeit hatte, wo schlechte Wege, schlechte Zölle und eine sehr unwissende Gesetze gebung dem Verkehr die größten Schranken auserlegten, ist noch lange nicht zur Genüge gewürdigt." Er schildert, um diese Behauptung zu begründe!:, wie der arme, mißachtete Jude von einem Ende des Deutschen Reiches zun: .anderen lief, durch fremde Heere und Polizeiverbote, den Austausch von Gütern, den Geldverkehr vermittelnd, Briefe und Dokumente befördernd, unentbehrlich mit den Eigentümlichkeiten seines Verkehrs, „er hatte schützende Freunde am Kaiserhof wie im Harem des Sultans und im Geheimzimmer des Papstes". Freytag schildert aber auch, wie seit den Kreuzzügen die Kirche und die Habgier des Pöbels den Juden nach Geld, Glauben und Leben trachteten, wie man periodisch sie verfolgte und massenhaft hinschlächtete und, wie .leider heute noch bei unseren östlichen Nachbarn, damals die Landesherren auch in Deutschland leere Kassen aus dem Beutel der Juden zu füllen suchten, ihre Häuser stürmen und plündern ließen. „Durch Waffen, Qualen, Gefängnis wurde ihnen das Christentum ausgedrängt, in der Regel vergebens. Kein streitbares Volk hat heldenmütiger roher Gewalt widerstanden als diese Waffenlosen. Die großartigsten Beispiele von beharrlichem Heldenmut werden selbst von christlichen Erzählern berichtet." Freytag hat den Aufsatz „Jesuiten und Juden" betitelt, weil er beide als ursprünglich fremde Körperschaften im deutschen Volke ausfaßt; er schließt ihn mit der Betrachtung, daß die geistliche Genossenschaft der Gesellschaft Jesu geblieben sei, was sie vom ersten Tage ihrer Einwanderung war, fremd dem deutschen Leben. Ueber die Juden urteilt er: „Die neue Bildung hat auch die Juden gehoben, ihr Fanatismus ist geschwunden, seit christlicher Eifer aushörte, sie zu verfolgen. Und die Enkel der asiatischen Wanderstämme sind unsere Landsleute und brüderlichen Mitstreiter geworden." Betty Z o e l l n e r geb. Lewy. * Herr Redakteur! Aus einer Notiz in Nr. 37 S. 436 Ihrer geschätzten Zeitung ersehe ich, daß die „Frankfurter Zeitung" eine Nachricht von der Feier einer jüdischen Hochzeit auf dem Friedhofe irgendwo in Polen als ein Mttel zur Abwendung einer Epidemie gebracht hat. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann, eine Autorität auf dem Gebiete jüdischer Volkskunde, erklärt diesen Brauch damit, daß man in traurigen Zeiten durch ausgelassene Lustbarkeiten den Jammer der Wirklichkeit vergessen wollte. Die Erklärung ist plausibel, obwohl sie sich bei dem Mangel literarischer Quellen nicht beweisen läßt. Soweit mir literarische Notizen über diesen Brauch vorliegen, wurde er als eine Sühne betrachtet, indem man durch die Ausstattung eines armen Brautpaares, also durch ein besonders verdienstliches Werk, den Zorn des Todesengels besänftigen wollte und darum den Friedhof zur Feier dieser Zeremonie wählte. Im Cholerajahre 1866 werden solche Trauungen aus Czernowitz^) von dem einst unter Leopold Loew reformistischen, später neuorthodoxen Papä^) und bald darauf auch von Aaron Weiß, damals Religionslehrer in Erlau, gestorben als Rabbiner in New Jork, wo sein Sohn Stephen S. Wist jetzt eine hervorragende Stellung einnimmt, 1896 aus Tisza Löck in Ungarn berichtet). Im Cholerajahre 1873 berichtete der „Pester Lloyd" über eine solche Friedhofstrauung mit dem Zusatze, daß dabei ein aus Palmblättern des Lulab verfertigter Ring zur Verwendung fam* * 3 4 5 *), was an das chassidische Liedchen erinnert, daß der Kutscher des Messias als Peitsche einen Lulab „mit Zizeß ongebünden" verwenden werde. „Oi, wie derlebbt men schoin dos!" Aus Jerusalem wird eine Ähnliche Geschichte anläßlich der Genickstarre-Epidemie im Jahre 1909 berichtet). In der Novellistik, welche das polnische Ghettoleben zum Hintergründe hat, finde ich denselben Aberglauben wiederholt erwähnt. Adolf Moses, geboren 1840 in Kleczewo, Gouvernement Kalisch, gestorben am 7. Januar 1902 als Rabbiner in Louisville, Kentucky, hat eine nicht nach Gebühr gewürdigte Erzählung „Luser der Seigermacher" (Uhrmacher) geschrieben8), in der eine solche „schwarze Chuppe" geschildert wird. In den „Memoiren eines Juden", von dein Konvertiten Gregor Jsakewitsch Bogrow7), den: Oheim jenes Dimitrr Bogrow, der wegen Ermordung des russischen Premiers Stolypin am 27. September 1911 hingerichtet wurde, geschrieben, wird von einem Wunderrabbi erzählt, der in einer Cholera- Epidemie den Rat erteilte, zwei Waisenkinder auf dein Friedhofe zu trauen. In feiner Skizze „Aus der Zeit der Epidemie", die dem Besten von Dickens und Turgenjew an die Seite zu stellen ist, gibt der geniale Isaak Lob Perez (gestorben am 3. April 1915) das Bild des halbverrückten Findlings, der von Tag zu Tag auf das Erscheinen der Cholera hofft, weil das die einzige Möglichkeit für ihn ist, zu einen: „Schidduch zu kommen", denn dann wird die Gemeinde zwei arme junge Leute auf den: Friedhof trauen8). Der Brauch scheint übrigens aus Polen beschränkt zu sein. In meiner Heimat habe ich weder in den Cholerajahren 1866 und 1873, die ich selbst miterlebte, noch aus den Erzählungen älterer Leute aus den Cholerajahren 1831, dem ersten in rneiner Heimat, noch 1849 etwas von einem solchen Brauche gehört. Als Mittel zur Abwendung einer Epidemie hat der Rabbiner die tägliche Rezitation des talmudischen Abschnittes von der Bereitung des Räucherwerkes auf Grund von Num. 17, 11 bis 15, eingeführt. G. D. * Sehr geehrter 'Herr Redakteur! Auf die Erwiderung des Herrn Rabbiners Dr. Gelles in Nr. 47 Ihres sehr geschätzten Blattes zu antworten, erübrigt sich eigentlich. Denn Herr Dr. G., an dessen reinen lrnid edlen Absichten ich selbstverständlich nicht zweifle, widerlegt auch nicht einen der Einwürfe, die ich gegen seine Pläne eines jüdischen Weltkongresses und allgemeinen Sanhedrins erhoben hatte. Unmöglichen Zielen nachzujagen, behindert aber und erschwert die Verwirklichung möglicher Ausgaben, an deren Erfüllung ich gleichfalls im Maße meiner Kräfte seit Jahrzehnten mitarbeite. M. P. (Martin Philippson.) r) „Neuzeit" 1866, S. 341; „Der Israelit" 1866, S. 528. -) „Neuzeit" 1866, S. 553; „Der Israelit" 1866, S. 811. 3) „Der Israelit" 1866, S. 835. 4) Nachgedruckt in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1873, S. 621 bis 622; stehe auch Jahrg. 1871, S. 934. 5) „Jewish Chronicle", 23. April 1909, S. 9. o) Zuerst in dem von ihm und seinem Bruder Isaak herausgegebenen „Zeitgeist", Milwaukee, 1881, dann in englischer Uebersetzung erschienen. 7) Leipzig, 1880, I, S. 136. Zuerst in russischer Sprache 1871 unter dem Titel „Zapiski Jewreja" erschienen. 8) Schriften, S. 60 bis 85. St. Petersburg, 1903.

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