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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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584 berichten, und ich durfte in einen Brief Bismarcks an den Regierungspräsidenten Einsicht nehmen, worin er ihn beauftragte, mir seinen Dank und seine vollste Anerkennung auszusprechen. Nur der Umstand, daß ich zu jener Zeit ungarischer Staatsbürger war, ließ den Kanzler davon absehen, mich als Hilfskraft in das Pressedepartement des Auswärtigen Amtes zu berufen. Ich mußte daher die wiederholten diesbezüglichen Anträge des Regierungspräsidenten Bitter ablehnen, weil ich meine ungarische Staatsangehörigkeit nicht aufgeben wollte. Meine engen Beziehungen zu dem damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Koloman v. Tisza, namentlich aber der Dank, den ich Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich und Apostolischen König von Ungarn, Franz Josef I., schuldete, machten es mir unmöglich, die vielfach verlockende Laufbahn zu ergreifen. Doch gestehe ich offen, daß, wenn ich kein ungarischer Staatsangehöriger gewesen wäre, der Gedanke, an der Seite eines Lothar Bücher, eines Heinrich Abeken, eines Professors Dr. Aegidi, eines Robert v. Keudell und anderer „Federn" Bismarcks offiziell und offiziös die Politik des leitenden Staatsmannes in der Presse zu vertreten, mich glücklich gemacht hätte. Als später die Stellung eines Schriftleiters des „Staatsanzeigers" vakant wurde, sollte ich dieses Amt übernehmen, und namentlich war mein Gönner, der damalige preußische Kultusminister Dr. Adalbert Falk, wie er mir am 23. Februar 1879 schrieb, in diesem Sinne bei Bismarck für niich tätig gewesen. Doch auch hier stand mir mein „Ausländertum" im Wege. Falk, über dessen Triumphreise in der Rheinprovinz ich zwei Jahre vorher eine umfassende, viel gelesene und beachtete Schrift herausgegeben, sprach mir sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß er infolge des angedeuteten Umstandes mir nicht habe nützen können. Man kann sich daher mein Erstaunen vorstellen, als ich plötzlich am 13. September 1884, nachdem ich fünf Jahre hindurch das Feuilleton der liberalen „Berliner Zeitung", aus der sich später die parteilose „B. Z. am Mittag" herausgebildet, geleitet hatte, gegen 7 Uhr morgens den Besuch eines Geheimpolizisten erhielt, der meiner Frau — ich lag an der Bismarck- Krankheit, der Ischias, danieder — die überraschende Mitteilung machte, daß ich wegen meiner literarischen Tätigkeit als „lästiger Ausländer" aus Berlin und Preußen ausgewiesen werden solle. Anfänglich dachte ich, daß die Sache nicht mit rechten Dingen zugehe und daß hier wohl ein Irrtum obwalten müsie. Doch eine Droschkensahrt nach dem Berliner Mvlkenmarkt, wo damals das preußische Polizeipräsidium residierte, überzeugte mich von dem bitteren Ernst der Lage. Was war denn eigentlich geschehen? Wodurch wurde ein harmloser Feuilletonist und ein vaterländischer Schriftsteller, der sich der Gunst des Kaisers und Königs Wilhelm I., des Reichskanzlers Fürsten Bismarck, des Staatssekretärs im Reichspostamt Stephan, des Finanzministers Bitter, des Kriegsministers Dr. I. v. Berdy du Bernois und zahlreicher anderer einflußreicher und maßgebender beamteter Persönlichkeiten zu erfreuen hatte, auf einmal so mißliebig, daß die Polizeibehörde ihn als ein staatsgefährliches Individuum, als einen blutigen Sozialdemokraten betrachtete, der keinen Augenblick länger in Berlin und Preußen geduldet werden durfte? Vergebens erkundigte ich mich bei den Behörden über den eigentlichen Grund meiner Ausweisung, überall begegnete ich verschlossenen Türen und bureaukratischer Zugeknöpftheit. Erst später erfuhr ich, daß der Hof- und Domprediger Adolf Stöcker, der schon früher im Parlament mich wegen meiner ihm nicht zusagenden Aufsätze maßlos angegriffen und jahrelang gegen mich gewühlt hatte, bei seinem hohen Gönner, dem Minister des Innern, Robert v. Puttkamer, es durchsetzte, daß ich Berlin und Preußen als „lästiger Ausländer", d. h. als nichtnaturalisierter Deutscher zu verlassen gezwungen war. Bezeichnend in dieser Beziehung ist nachstehender Umstand. Unmittelbar nachdem mir der Erlaß des Polizeipräsidiums verlesen und behändigt worden war, daß ich fort müßte, besuchte ich den mir bekannten und wohlgesinnten damaligen Leiter der Berliner Polizei, Herrn v. M a d a i, an ihn die Frage richtend, was ich denn eigentlich getan hätte, daß man so ungastfreundlich mit mir verfahre? Herr v. Madai studierte lange das mir ausgestellte Schriftstück, das er selbst unterschrieben halte; in den Zügen seines Antlitzes prägte sich eine unbeschreibliche Verblüffung aus, er schüttelte fortwährend den Kopf und sagte schließlich, von seinem Sessel aufspringend: „Das ist ja geradezu unerhört! Ich weih nichts von der Geschichte! Ich gehe gleich zu dem Mnister des Innern und werde die Sache in Ordnung bringen. Hier waltet entschieden ein Mißverständnis ob, denn ich kenne Sie ja als treuen und begeisterten vaterländischen Publizisten, wenn Sie auch als verantwortlicher Feuilletonredakteur an einem oppositionellen Blatte tätig sind. Bitte, kommen Sie morgen zu mir und Sie sollen näheren Bescheid erhalten!" Als ich tags darauf ihm meine Aufwartung machte, erklärte er mir niedergeschlagen und sichtlich vor Aufregung bebend, daß Herr v. Puttkamer ihn wütend angesahren und ihm die Worte zugeschleudert habe, daß ich ein Reichsfeind sei, denn ich hätte mich einmal in einem meiner Feuilletons über die — Geheimpolizei lustig gemacht — was aber, nebenbei gesagt, durchaus nicht der Fall war. Also, das war des Pudels Kern! tSchluß folgt.) Lhanuda 1915. Von Henriette Hirschberg. „Mit Stolz ich auf die Nachbarvölker blicke. Weil uns der Herr zu seinem auserwählet . . . Doch in der völkerwägenden Geschichte Rein, unvermischet unser Zwölfstamm blühet." Wilh. v. Humboldt: „Die Jungfrau Israel." mit Stolz ich aus die Nachbarvölker blicke. Weil uns der Herr zu seinem auserwählt — Halt fest, o Jude, deinen Stolz, daß ihn nicht knicke Die kalte Welt, die drob dich kränkt und schmält. Was blieb uns denn von unserer Herrlichkeit? So fraget ihr und denkt an äußre Gäben. Wohl lieget unsre alte Pracht gar weit; Statt einst'gen Glanzes Schmach und Not wir haben: Im dunklen Rußland, wo die Schläge dröhnen. Die unsre Brüder scheuchen, gleich dem Wild; Wo still ihr Jammer, ihre Klagen tönen. Wo Menschenliebe trüb das Haupt verhüllt. Wie? Soll der Stolz dort arme Sklaven zieren. Da Leib und Geist in enge Haft gebannt? Selbst dort noch muß der Stolz dich, Jude, führen. Ob du verjagt auch wankst von Land zu Land. Zerstört dein Zion — deine Geistesblüten, Sie würzen hier uns köstlich noch die Luft: Des Buches Schatz ist's, den getreu wir hüten. Das flammenhell glänzt durch des Hasses Gruft.

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