Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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583 persönliches Verhältnis zu treten, ihre speziellen Wünsche zu befriedigen und in anziehender und angeregter Weise über ihre wissenschaftlichen Interessen mit ihnen zu plaudern. In solchen Gesprächen machte er, ohne irgendwie einen falschen beredten Augen des eisernen Kanzlers zu blicken, seine bald sanfte, bald wie Donner grollende Stimme zu hören und ihm entweder in Berlin im Reichskanzlerpalais oder aber in Varzin, Schönhausen oder Friedrichsruh zu begegnen! Solche Momente haben sich mit unauslöschlicher goldener Schein erwecken zu wollen, nicht bloß den Eindruck eines Mannes, der die Büchertitel kannte, sondern über ihren Inhalt Bescheid wußte und die verschiedensten Gebiete des Wissens beherrschte. Ich staunte ihn an, wenn er mit meinem Vater über syrische und samaritanische Literatur wie ein Kenner sprach. Als ich im August 1863, also vor nun 53 Jahren, nach Frankfurt am Main übersiedelte, trat ich dem um wenige Jahre älteren Buchhändler nahe und bin seitdem ununterbrochen in freundschaftlicher Beziehung mit ihm verblieben. Wir gehörten in Frankfurt am Main gemeinschaftlich einem Vereine an, in dem wir uns in Reden und Gedichten übten; er verkehrte im Hause meines Vaters, ich viel in den gastlichen Räumen seiner vortrefflichen Mutter, die nach dem frühzeitigen Ableben ihres Gatten ihr Haus zu einer Stätte belebter und anspruchsloser Geselligkeit zu machen verstand. Seit meiner Uebersiedlung nach Berlin sind wir in beständiger Verbindung geblieben. Wenn auch ein regelmäßiger Briefwechsel uns, den Vielbeschäftigten, nicht gegönnt war, so haben wir doch, da er geschäftlich häufig Berlin besuchte und ich oft genug in Frankfurt weilte, bei zahlreichen Zusammenkünften die alte Traulichkeit bewahrt und das Interesse für unser und der Unseren Ergehen aufrechterhälten und gefestigt. Seine unverwüstliche Frische, sein Anteil an allen geistigen Bestrebungen, seine persönliche Liebenswürdigkeit machen den Verkehr mit ihm zur Freude und zum Genuß. Baer genießt die hohe Anerkennung seines weitverzweigten Kundenkreises, mit dem sich innige Beziehungen weit über den geschäftlichen Verkehr hinaus gestaltet haben; er erfreut sich eines schönen Familienlebens, dem freilich durch den Tod seiner unvergeßlichen Gattin die schönste Zierde geraubt ist. Er genießt durch sein humanes Wirken und -durch sein wackeres Streben Ansehen bei seinen Mitbürgern und seinen Glaubensgenossen. Er ist, obgleich er nun in das biblische Alter getreten ist, kein Alter. Möge jugendlicher Geist, körperliche Kraft und empfängliches Gemüt ihm noch lange Zeit bewahrt bleiben. L. G. Orrlönliche Erinnmmpn an den Nltrrichskanrler. Von Dr. Adolph Kohut. ie Zahl derjenigen, die das Glück hatten, Bismarck im Leben mehr oder weniger eng verbunden zu sein, lichtet sich immer mehr. Das jüngere Geschlecht hat zwar von der älteren Garde die Pietät für den Unsterblichen geerbt und betrachtet ihn mit Fug und Recht als den guten Genius Deutschlands, als das verkörperte Ideal aller unserer nationalen Bestrebungen. Aber was wollen alle -diese aus Ueberlieferungen geschöpften Erinnerungen an den Altreichskanzler besagen, wenn einem vergönnt war, in die seelenvollen und so Flammenschrift ins Herz, in die Seele und das Gemüt des Menschen hineingeprägt. Sie bilden fürs ganze Leben einen unveräußerlichen Schatz. Ein beglückendes Gefühl sind sie selbst in jenen Tagen, von denen der Psalmist sagt, daß sie uns nicht gefallen, d. h. wenn die Stürme des Daseins uns rütteln und schütteln und leidvolle Zeiten über uns dahinbrausen. Von jeher ein begeisterter, ja leidenschaftlicher Verehrer des großen Staatsmannes war es mir stets ein Vergnügen, ihm jeweilig die eine oder andere vaterländische Schrift von mir einzusenden. Es wurde mir die hohe Genugtuung, daß der so viel beschäftigte Minister es nie unterließ, mir entweder durch seinen Schwiegersohn, den Geheimen Legativnsrat Grafen v. Rantzau, oder durch seine Privatsekretäre, RegierungSassessvr v. Kurowsky und Geheimen Legationsrat Dr. v. Schwartzkoppen, in den verbindlichsten und 'liebenswürdigsten Ausdrücken zu danken. Im Januar 1877 — ich leitete damals in Düssel-Athen die „Düsseldorfer Zeitung" — hegte ich den Ehrgeiz, einige meiner bis dahin erschienenen Werke dem glorreich regierenden Kaiser und König Wilhelm I einzureichen. Da ich aber wohl wußte, daß der Weg durch das Geheime Zivilkabinett ein sehr umständlicher war und nicht immer zum Ziele führte, zumal ich in jener Zeit im großen und ganzen ein in den weitesten Kreisen noch rühmlichst unbekannter Autor war, entschloß ich mich — schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort! —, an den Fürsten v. Bismarck mich mit der Bitte zu wenden, ein gütiges Wort der Empfehlung an maßgebender Stelle für mich einzulegen, damit die Drucksachen dem hohen Herrn behändigt werden und Seine Majestät die Gnade habe, sie anzunehmen. Ter Fürst erfüllte in seiner gütigen Weise meine Bitte. Meine bescheidenen Geistesprodukte wurden huldreich entgegengenommen und ich erhielt für meine Einsendung ein Allerhöchstes Dankschreiben. In Düsseldorf hatte ich den Vorzug, mit -dem damaligen Regierungspräsidenten und späteren Königlich Preußischen Finanzminister E. H. Bitter einen regen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen und mit ihm in Briefwechsel zu stehen. Meine tonkünstlerische und musikkritische Tätigkeit sowie die Abfassung mehrerer musikgeschichtlicher und musikbiographischer Werke brachten mich ihm, dem ausgezeichneten Musikhistoriker und namentlich Bachforscher, näher. In eingeweihten Kreisen hatte er den Spitznamen „der Bach-Bitter", zum Unterschied von seinem Bruder, dem Präsidenten der Seehandlung, der „der See-Bitter" hieß. Es erfreute ihn, daß ich die „Düsseldorfer Zeitung" in nationalliberalem Geiste leitete und wiederholt für verschiedene heilsame Maßnahmen der Regierung sowie für die damals noch sehr angegriffene, unter Heinrich Stephan stehende kaiserliche Post warm eintrat. Bitter hatte die Aufmerksamkeit, auch seinem Ehef, dem Reichskanzler, über meine publizistische Wirksamkeit in wohlwollender Weise zu m - - - -: j Buchhändler Simon Leopold Baer