Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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582 ihrer großen Masse dem Deutschtum freundlich gegenüber. Sie sind — ich will mich vorsichtig ausdrücken — noch weit zuverlässigere Freunde des Deutschtums als die Polen. Sie sprechen eine Sprache, die jedem Deutschen bald verständlich ist, deren Charakter als deutschen Dialekt noch jüngst Tr. Timchowitz in der „Köln. Zeitung" feinsinnig erläutert hat. Sie verstehen das Hochdeutsche leicht. Ihr Idiom, das Jiddisch, bleibt ihre stolz gehütete, in zahlreichen, mit hebräischen Lettern gedruckten Zeitungen und Büchern lebende Muttersprache. Sic wird unter allen Umständen weiterleben, wie sie selbst bei den abgesplitterten Stammesteilen in New Jork und im Londoner Westend in Wort, Literatur und auf der Bühne lebt. Das Hochdeutsch steht als Sprache unseres Reiches wie über allen deutschen Dialekten auch über diesem, zumal in den besetzten Gebieten. So wird die Schulsprache mit Recht Deutsch sein, denn sie nimmt den Ostjudcn nichts, gibt ihnen aber Sprache und Schrift der deutschen Landesbeherrscher und öffnet ihnen den Weg in die deutsche Kulturwelt. Eine Oberschicht des Judentums neigt zur polnischen und russischen Sprache und Kultur, ihre Zahl ist sehr klein. Ihre Sympathien sind unzweifelhaft viel stärker auf der russischen als auf der deutschen Seite. Die Ideen des Panslawismus, die in den Kriegsursachen eine so verhängnisvolle Rolle gespielt und auch den Kriegsverlauf nicht unwesentlich beeinflußt haben, sind auch hier eingedrungen. Das Allslawentum sieht in Deutschland den Feind. Es wäre mehr als töricht, ihm die Juden durch systematische Vermittlung nationalpolnischer Kulturauffassung noch in die Arme zu treiben. 3. Es wäre zweckwidrig auch vom jüdischen Standpunkte. Trotz der Assimilationsbestrebungen einer jüdischen „Noblesse" hatten die Polen schon vor dem Kriege eine Boykottbewegung gegen die Juden inszeniert, die an Gehässigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Wirtschaftlich mußte sie an der ökonomischen Struktur des Landes scheitern, politisch war sie so scharf, daß irgendwelche Vorkommnisse im Kriege sie nicht mehr verschärfen können, auch wenn der Einfluß des Deutschtums aus Polen wieder verschwinden würde. Dazu lese man in Siegmund Meyers „Lebenserinnerungen" die Behandlung der Juden durch die Polen in Galizien. All das kann wahrlich nicht dazu aufmuntern, daß die Ostjuden jetzt dem Slarventum nachlausen sollten. Ihre große Masse will nichts weniger als dieses. Die Oberschicht, die Polnisch spricht, hat wirtschaftlich ganz andere Interessen als die jüdische Masse. Sie besteht aus Kaufteutcn erster Gilde, die etwa 1800 Mark Steuern jährlich zahlen und dafür große Freiheiten im ganzen Rußland genießen. Solche erklärten mir mehrfach offen, daß ihnen die Wiederkehr der alten Zustände recht erwünscht wäre; diese seien ihnen weit nützlicher als die Bewegungsfreiheit für alle, die der Anschluß an Deutschland mit sich bringen würde. Diese sehr dünne Oberschicht der jüdischen Polen und Russen hat oft genug wirklich die letzte Schranke beseitigt, die sie noch von der Umwelt trennte, den Rcligionsunterschied. In Lublin wurde mir berichtet, daß unmittelbar vor Einrücken der Verbündeten in der kleinen jüdisch-polnischen Partei die Frage des allgemeinen Uebertritts zum Katholizismus sehr ernsthaft diskutiert worden sei. Damit will ich nur sagen: Deutsche Kultur und Kultur des Ostjudentums sind keine Gegensätze. Polnische und ostjüdische Kultur schließen sich aus. Wer sich dort drüben in Sprache, Kleidung und Lebenssitten zum Polentum bekennt, vollzieht schon eine Loslösung von der kompakten Masse des Judentums, die im Milieu des Ostens viel tiefer wirkt, als der Westjude es sich vorzustellen vermag. Die von unserer Verwaltung getroffene Entscheidung war richtig, vom deutschen wie vom jüdischen Standpunkte aus. Die Ostjuden können ebensowenig nach hebräischen Sprachschwärmereien einiger zionistischer Lehrer wie nach Assimilationsvorstellungen behandelt werden, die, in westeuropäischem Milieu entsprungen, für Osteuropas kompakte Judenmassen gar keine Bedeutung haben. Ihre Sprache ist ein deutscher Dialekt, das Jiddisch; ihre Schulsprache wird deshalb unter deutscher Herrschaft das Hochdeutsche sein. Wenn diese zuerst aus Mangel an Lehrkräften stark „jiddisch" durchsetzt sein wird, so schadet das nichts; bei der Elastizität, die wir in dieser Hinsicht an ostjüdischen Studenten so oft bewundern, wird diese Schwierigkeit binnen wenigen Monaten behoben sein. Die ostjüdischen Massen werden uns für die ihnen eröffnete Verbindung mit der deutschen Kultur dankbar sein. Die Sonderwerte ihrer eigenen werden sie zu erhalten wissen. Vom Slawentum halten Neigung, Ueberlieferuug und wirtschaftlich-kulturelles Selbstinteresse sie fern. Und das kann man im deutschen und jüdischen Interesse nlir begrüßen und fördern. Simon Leopold Laer Inhaber der berühmten Buchhandlung und eines der größten deutschen Antiquariate Josef Baer u. Co., Frankfllrt a. M„ der vor einiger Zeit seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, ist am 17. November 1845 in Frankfurt a. M. geboren. Er besuchte das Philanthropin bis Ostern l860 und trat dann in die von seinem Vater und Onkel geleitete, schon damals bedeutende Buchhandlung ein. (Sein Vater starb bereits am 31. Dezember des genannten Jahres.) Im Jahre 1865 wurde Simon mit seinem älteren Bruder Julius Teilhaber der Firma und es gelang beiden, durch eine außerordentlich rege Tätigkeit die Buchhandlung zu einer der angesehensten zu gestalten. Ihre Antiquariatskataloge sind wegen ihrer Reichhaltigkeit, Genauigkeit und wegen der kleinen wissenschaftlichen Abhandlungen, die am Anfang der Verzeichnisse abgedruckt sind, höchst schätzenswerte Beiträge zur Bibliographie. Das Lager der Firma, das sich Jahrzehnte auf dem Roßmarkt, seit längerer Zeit in der Hochstraße befindet, ist durch seine ungeheure Ausdehnung lind durch seinen außerordentlich großen Schatz von Seltenheiten eine Sehenswürdigkeit hervorragenden Ranges. Das Geschäft beschränkt sich keineswegs allein auf Deutschland, sondern hatte so rege Beziehungen zum Auslande, in Europa und in überseeischen Ländern, daß im Jahre 1871 zwei Filialen in London und Paris gegründet werden mußten; die erstere wurde im Jahre 1873 nach dem Tode von Julius Baer aufgegeben, die letztere bestand bis zum Jahre 1886. Simon Baer erweiterte sein Geschäft, dem er jahrzehntelang ganz allein Vorstand, bis er in einem tüchtigen Sozius und in seinen beiden Söhnen Helfer fand, und unternahm zu diesem Zwecke zahlreiche Reisen nach den größeren Städten Deutschlands, auch nach dem Auslande. 1889 ging er, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben des Botschafters Andrew D. White, nach Amerika. Er verheiratete sich am 20. Mai 1877 mit Lizzie, geborene Lehmeier, mit der er bis zu ihrem am 16. Juni 1896 plötzlich eingetretenen Tode eine überaus glückliche Ehe führte, aus der drei Kinder entsprossen sind. Am 29. August 1885 konnte er das hundertjährige Jubiläum der Firnra, am 1. April 1910 sein fünfzigjähriges Geschäftsjubiläum feiern. Bei beiden Gelegenheiten wurde er mit einer Menge schöner Zuschriften beehrt, unter denen die von Gustav Freytag und Theodor Mommsen hervorzuheben sind. Denn Baer, obgleich kein Gelehrter, verstand es durch seine ganz ungewöhnliche Bücherkenntnis und durch sein seines literarisches Verständnis mit seinen gelehrten Kunden in ein