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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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ssl Landes tu der Hand haben, deren Feindschaft widerstehen zu können. Sie würden mehr und mehr ins Elend getrieben werden . . . Um den polnischen und litauischen Juden eine Zukunft zu bereiten, ist ihr Anschluß an die Nationalsprache unentbehrlich, ohne daß sie dabei das mindeste von ihrer religiösen Besonderheit aufzugeben haben." Und vorher: „Es bleiben als Mittel der Abhilfe lediglich die völlige nicht nur politische, sondern auch ökonomische Gleichstellung der Juden in Polen selbst und die Beihilfe zu ihrer Verbreitung auf dem flachen Lande." Noch vor 15 Monaten würde ich dieses Programm — Wohl mit Einschränkungen betreffs „Verbreitung auf dem flachen Lande" — unterschrieben haben. Nach einem halben Jahre unfreiwilligen Studiums im Osten muß ich ebenso entschieden sagen: Das ist unmöglich! Denn das ist der erste große, packende Eindruck im Osten, der den Westjuden bei einiger Empfänglichkeit für jüdische Fragen tief erschüttert: Hier tritt der Jude als Masse auf, als kompakter, in sich geschlossener Volksteil, der kulturell und wirtschaftlich von seiner Umwelt scharf geschieden sein soll. Das zeigt sich nicht nur äußerlich an der Kleidung; in ganz Polen und Galizien trägt die jüdische Uniform, den langen, schwarzen Kaftan und das runde Käppchen, der stolze Vorsteher ebenso wie der kleine Händler, der jüdische Fuhrmann und der armselige Gelegenheitsarbeiter, der auf dem Fabrikhofe des reichen Juden die Kohlen schaufelt. Es zeigt sich vor allem in der Berussgruppierung und Berufsausübung. Der polnische Handel ist in den Händen der Juden; von der polnischen Bevölkerung befassen sich mit ihm 3,4 vom Tausend, von den Juden 78,9. Dieser rein jüdische Handel hat ein für den Westeuropäer sehr seltsames Gepräge rastloser Lebhaftigkeit, ordnungsloser Konkurrenz kleiner, unverzagt kämpfender Selbständiger. Eine Halbmillionenstadt wie Lodz hat kein Warenhaus. In seinen besten Verkehrsstraßen drängen sich kleine und kleinste Geschäfte neben-, an- und übereinander, und in die Eingänge, die Torwege schieben immer noch ein paar Männer und Frauen ihre kleinen Auslagetische hinein. Höchste Konzentration dieses Handelsgeistes sieht man auf den großen Märkten, auf denen dicht gedrängt täglich gehandelt wird, und wäre es auch nur, wie auf dem Lebensmittelmarkte, um halbe Heringe oder rote Kopekenstücke. Welcher Pole kann da Konkurrenz versuchen? Er steht hilflos inmitten des Getriebes. Handel und Judentum sind in Polen noch auf viele Generationen hinaus miteinander verwachsen. Das Handwerk ist großenteils in geschickten jüdischen Händen; doch drängt hier der Pole und Russe sich langsam ein. Die Fabriken sind es nur zum Teil. Jüdische Arbeiter sinden fast nur in „jüdischen Fabriken" Beschäftigung. Ein Zusammenarbeiten jüdischer und nationalpolnischer Arbeiter in derselben Fabrik hat sich auf die Dauer nie durchführen lassen. Der Jude scheint zum eigentlichen Fabrikarbeiter überhaupt recht wenig geeignet zu sein. Lieber läßt er sich als Heimarbeiter ausnutzen und drücken; da glaubt er wenigstens einen Hoffnungsschimmer aus Emporsteigen zu sehen, der ihm als Arbeiter versagt ist. Also auch hier wieder ein scharf von der Umwelt verschiedenes wirtschaftliches und soziales Verhalten. Die jüdischen Handwerker und Arbeiter wandern teilweise aus, in sehr viel größeren Massen zugleich, -als Philippson anzunehmen scheint. Er spricht von den Kosten einer Auswanderung von 30 090, ja 100 000 Menschen; solche Massen ziehen aus Rußland jedes Jahr allein nach den Vereinigten Staaten, zwischen 1900 und 1910 durchschnittlich 70 000 im Jahre, 1905/06 über 125 000. Aber die Auswanderer sind hauptsächlich die Handwerker und Arbeiter; die Händler und Kaufleute bleiben, und die Gesamtheit nimmt trotz Auswanderung zu und konzentriert sich im „Ansiedlungsrayvn"J. Im Könige reich Polen bilden sie jetzt wohl ein Sechstel der Gesamtbevölkerung, in den Städten sind durchweg 40 bis 50 % jüdische Bevölkerung. Von 500 000 Menschen Md in Lodz säst 200 000 Juden, von 80 000 in Lublin wohl 50 000; am Samstag kann in den polnischen Städten Biala, Partschow oder Tomaschow kein Pole und kein Deutscher ein Brot kaufen, er muß schon bis zum Sabbatende warten. Und diese polnisch- und russisch-jüdischen Massen, die in den Städten Westrußlands durchweg die Majorität der Bevölkerung darstellen, sollten sich „assimilieren"? Durch Anschluß an die nationale Sprache und Kultur? Eher könnte man dies umgekehrt von den Christen erwarten, die oft an Zahl, stets aber an wirtschaftlicher Bedeutung in den Städten weit hinter den Juden zurückbleiben. Der Jude versteht recht gut die polnische Sprache. Man beobachte nur einmal, wie auf den Märkten zu Lodz oder Lowitsch Jude und Jüdin im Augenblick zwischen Polnisch, Jiddisch, Deutsch und Russisch zu wechseln und alles mit gleicher Fertigkeit zu handhaben verstehen. Aber polnische Schulsprache würde systematische Einführung in die polnisch-slawische Kultur bedeuten, ein Hineindrängen in diesen dem Judentum bisher entgegengesetzten Kulturkreis. In einen Kulturkreis, der dem bisherigen jüdischen sicherlich nicht überlegen ist. Bis jetzt sind die Juden unzweifelhaft die eigentlichen Träger westlicher Kultur in Polen, niemand sonst, und wenn Philippson von Aberglauben und Schmutz bei ihnen spricht, glaubt er denn, daß bei den umwohnenden Polen die Aufgeklärtheit größer sei? Oder die Reinlichkeit? Das Judentum fühlt sich in Polen stets als besonderer Stamm, nein, es sie h t sich stündlich in kompakter Masse als solchen. Wenn einzelne Teile der Oberschicht sich dem Polentstm aus politischen Gründen anzuschmiegen suchen, so hat das für die Gesamtmasse keine Bedeutung, steht zu ihren Interessen, wie gleich zu zeigen, sogar im Gegensatz. Schwerlich würde das Judentum diese Sonderstellung auch bei weiterer Verteilung übers Land verlieren. In Galizien fehlen alle rechtlichen Beschränkungen der Ansiedlung. Aber noch heute ist zwischen Krakau, Tarnow, Dembica samt dem Zwischenlande und dem westlichen Russisch-Polen kaum ein Unterschied in der sozialen Gruppierung und ökonomischen Struktur der Judenschaft zu bemerken; wenn überhaupt, dann zuungunsten der „freien" Galizier I. Zur „Verteilung" solcher kompakten Massen übers Land bedarf es, selbst wenn die noch fehlenden wirtschaftlichen Bedingungen erfüllt wären, vieler Jahrzehnte. Von irgendwelcher ernstlichen Assimilation kann schon wegen der sozialen und ökonomischen Schichtung der Ostjuden auf Generationen hinaus keine Rede sein. Es wäre auch für niemand etwas dabei zu gewinnen. 2. Deutschland muß in den besetzten Gebieten Gegenwartspolitik treiben. Die Juden machen einen sehr gewichtigen Bruchteil der Gesamtbevölkerung aus. Sie stehen in h lieber Bcrussfrage und Zahlenangaben zu 'vergleichen Kaplun- Kogan, „Die Wanderbewegungen der Inden", Bonn 1918 (Verlag Marcus u. Weber). s) Daß die Ostjuden sich „dem Untergang in den letzten Jahren in immer schnellerem Tempo genähert haben" (Philippson), wird man im Osten mit einigem Staunen erfahren; die wirtschaftliche Lage in Westpolen zeigte vor dem Kriege zweifellos Aufschwungstendenz und war weit besser als etwa in Galizien. Der Krieg hat, zumal in Ostpolen, viel jüdisches Besitztum zerstört und Einkommensquellen vernichtet, aber mit unzerstörbarem Optimismus geht man an den Wiederaufbau. In den noch glimmenden Ruinen seines zerschossenen Hauses handelt der Jude in Polen und Galizien sofort wieder mit geretteten Resten seiner verbrannten Ware.

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