Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
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579 Am ehesten kann man noch die Hoffnung auf die sehr traurige materielle Lage unserer Gegner setzen. Der ungeheure Sturz der englischen Konsols, seit Anfang des Krieges um 19 Prozent, womit ein bisher nie existierender und fast sür unmöglich gehaltener Tiefstand dieses angeblich sichersten Papreres erreicht worden ist, könnte, ja so möchten wir weinen, müßte England zur Erkenntnis bringen, daß es sich verrechnet hat. Bei diesem Krämervolke entscheidet, wie die Geschichte lehrt, das Rechnen alles. 16 Monate eines ungeheuren Weltkrieges sind nun vorbei, Und immer Noch muß matt die bange Frage erwägen: wann wird ein Ende dieses schrecklichen Ringens eintreten? O Don anderen Nachrichten liegt so gut wie nichts vor. Ich lasse hier eine Notiz aus der „Welt am Montag" folgen: Die Opfer der russischen Dampfwalze. Eine Versammlung englischer Juden, die sich in London mit der Hilfsaktion für die vom zaristischen Militarismus in namenloses Elend gestürzten russischen Juden befaßte, mußte die Unzulänglichkeit der bisher in England gesammelten Unterstützungsmittel beklagen. Dabei kam man zu der sür die englischen Juden höchst Peinlichen Feststellung: daß die Totschweigetaktik der englischen Presse schuld an dem mangelhaften Eingehen jüdischer Unterstützungsgelder ist. Der Hauptgrund sei die Unkenntnis der Tatsachen. Die Judenheit in England und den Kolonien wisse jetzt noch nicht genau, welch furchtbare Dinge in Rußland passiert sind. Und daran trage Schuld das Schlveigekomplvtt der Presse. Als gegen Ende Mai die ersten Berichte über die Greuel in Rußland, die ersten Meldungen über die hunderttausende Vertriebenen, über die Verjagung ganzer Gemeinden nach London kamen, war es ein „Verbrechen", das zu sagen, was vorging. Im Juli zog die „Jewish Chronicle" den Schleier weg, der die Wahrheit über die Lage in Rußland verhüllte, und Zangwill veröffentlichte zwei Artikel in der „Daily Chronicle" darüber. Einige Wochen später fand die weltgeschichtliche Dumnsitzung statt. Aber auch dann noch hielt die Totschweigetaktik der Presse an, und einzig die „Jewish Ehronjcle" brachte einen ausführlichen Bericht über die Reden in der Duma. Daher kommt es, daß nur ein kleiner Teil der jüdischen und eine verschwindende Minderheit der allgemeinen Oefsentlichkeit über die furchtbare Tragödie unterrichtet ist, die jetzt vor sich geht. Einst war England das Land, in dem gelegentlich gewaltige Proteste gegen Greuel und Furchtbarkeiten in anderen Ländern, nicht zuletzt in dem -- damals feindlichen — Rußland inszeniert wurden. Heilte ist man dem russischen Henkerregiment brüderlich verbündet; da kann die englische Heuchelei auch schweigen, um ihre Schmutzkübel über deutsche „Barbarei" zu leeren. Der famose Herr Zangwill und diejenigen seiner Glaubensgenossen, lvelche mit ihm sich für das englisch-russische Bündnis gegen Deutschland begeisterten, haben ihren Brüdern in Rußland einen schlechten Dienst geleistet. Die Dampfwalze, die auf Deutschland losgelassen war, hat eben mit Konterdampf Hunderttausende russischer Juden zermalmt. * Den Schluß der diesmaligen Betrachtung mag der Hinweis darauf machen, daß in Frankreich und Italien bei einigen hervorragenden Männern der Wissenschaft die Erkenntnis zu dämmern beginnt, daß die deutsche Wissenschaft auch inmitten des Kriegsgeschreies und in den elementaren Ausbrüchen des Hasses eines Volkes gegen das andere Achtung und Verehrung verdient. Der hervorragendste französische Chirurg hat es neulich in Frankreich gewagt, den Studenten darzulegen, daß die medizinische Wissenschaft in Frankreich der deutschen tributpflichtig ist, und hat nachgewieseu, daß die französischen Aerzte von den deutschen nicht nur lernen können, sondern bei ihnen in die Schule gehen müssen. Dem würdigen Manne ist von den unreifen Zuhörern, die besser toben als lernen können, und die in pietätloser Weise selbst den gefeierten Meister nicht schonen, in bubenhafter Art geantwortet worden; man hat den Professor gehöhnt, ausgepfiffen, ihn als Verräter erklärt und zum Schweigen gezwungen. Man muß es dem großen französischen Gelehrten zur Ehre nachsagen, daß ein solches offenes Bekenntnis von der Größe und der Unantastbarkeit der deutschen Wissenschaft nicht zum erstenmal inmitten der Kriegsstürme geäußert wird; eine derartige Aeußsvung aus dem Munde eines hochbedeutenden Mannes wiegt unendlich viel schwerer als das Lärmen törichter Buben. Auch in Italien, wo die ernst Denkenden von Anfang an durch das Geschrei des Straßenpöbels überstimmt und in den Krieg gehetzt worden sind, bricht sich eine vernünftigere Anschauung Bahn. Zum Zeugnis dieser Tatsache mag die folgende Notiz aus dem „Berliner Tageblatt" dienen, mit dem unsere Ueberficht geschlossen sein mag: Ein vernünftiges Wort des Ministers Orlando. Luga n o , 26. November. In einer Unterredung nxrt dem „Giornale d'Jtnlia" wendet sich der Jnstizminister Orlando mit äußerster Schärfe wider die von vielen italienische!: Gelehrten betriebene Hetze gegen die deutsche Wissenschaft und die deutsche Geisteskultur. Dieser „wissenschaftliche Ehauvinismns" sei eine Mischling von Gemeinheit, Roheit und Unv-ernnnft. Er habe mit dem Patriotismus nichts zu schaffen und sei durchaus verächtlich. Er selbst, der als Jurist die Werke mehrerer großer deutscher Rechtslehrer ins Italienische übertrug und auf italienischen Hochschulen verbreitete, sei überzeugt, daß die Wissenschaft die erste sein werde, die Frieden schließe. Es wäre zu wünschen, daß all die verschiedenen „lvissenschaftlichen" Deutschenfresser oder Narren, wie die Professoren Bossi, Guglietmo Ferrero, Ottotenahi und Genossen, die heute die deutsche Kultur mit Unflat bewerfen, die Worte Orlandos beherzigen. Colrrgn?. 3n letzter Zeit ist vielfach Protest gegen den zu Beginn des Krieges so heiß entflammten Völkerhaß eingelegt worden. Mit Recht hat man der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß zur Ueberwindung einer Welt von Feinden nur hohe Gefühle not tun, der Haß dagegen als eine Vergeudung schöner Kräfte in der Psyche der Nation zu betrachten sei. Die folgende Episode, die ich den „Times" vom 28. September d. I. entnehme, beweist den mutig vertretenen Standpunkt eines englischen Staatsanwalts, der öffentlich für Glaubensfreiheit warme Worte gefunden hat, und dem daher mich in diesen Tagen allgemeine Anerkennung gebührt: „In Bethnal Green (einem Londoner Fabrikbezirk) wurde gestern über die Leiche von Esther Hhams, 49 Jahre alt, verheiratet, wohnhaft in der Holmes Avenue, Brady Street, eine gerichtliche Untersuchung abgehalten. Der Gatte, ein fremder Jude, sagte aus: Seine Frau habe ihm, als er am Sonnabend abend nach Hause kam, geklagt, die Tochter Pollh, die nur in einer christlichen Werkstätte arbeiten wollte, sei nicht heimgekehrt. Sie hätte jedoch einen Brief hinterlassen, in dem sie gestand, von jetzt ab in einem christlichen Heim wohnen zu können. Sie wüßte wohl, wie ihre Eltern darüber dächten, sie sei jedoch jetzt entschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Ihre Eltern müßten es versuchen, ohne sie auszukommen. Sie fügte hinzu, daß sie aus freiem Willen handelte. Nach der Lektüre sei die Frau die Treppe heraufgegangen, habe aber gleich darauf nach ihm gerufen. Als er herbeieilte, lag sie auf dem Fußboden. Sie starb, noch ehe der Arzt erschienen war. Die ärztliche Untersuchung ergab, daß der Tod durch das Zerplatzen eines Gefäßes am Herzen herbeigeführt worden war. Rose Shead, eine verheiratete Tochter der Hyams, berichtete, daß ihre Schwester mit einer Gesellschaft von Missionären, die unter den Juden tätig waren, Bekanntschaft gemacht hatte. Die Frauen dieser Guild hatten ihrer Schwester beigebracht, sie tue zu viel für ihre Eltern; sie gaben sich alle Mühe, sie gegen ihre Familie auszuhetzen.