Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 hindurch tobten die Stürme, die es entwurzeln wollten; es war ulles vergeblich. So wird, so muß es -auch unserem deutschen Volke ergehen. Es hat uns geschmerzt, daß so viele Nationen, denen wir niemals ein Leid zugefügt haben, unsere Todfeinde geworden sind. Aber trotz alledem hat Deutschland in sich die unversiegbare Kraft, die allen Feinden trotzen wird. Sollte es möglich sein, daß der Gerechtigkeit zum Trotz Deutschland aus der Reihe der führenden Völker schwinde und liniere Feinde an die Stelle Deutschlands treten? Wer da weiß, daß eine sittliche Macht die Welt vorwärtsführt, der weiß auch, daß Deutschlands Entwicklung nicht gestört werden darf und wird. Wir Juden, die wir den Sieg der ewigen Idee in unserer Geschichte so oft erlebt haben, sind davon durchdrungen, daß Deutschlands Sieg als Sieg des Rechtes von Gott bestimmt ist. Nur der Dichterphilosoph des „Uebermenschen" konnte ein Verständnis haben für den geistigen Kampf, den das Judentum seit zweitausend Jahren führt. Nur ein Nietzsche konnte seine Bewunderung dafür ausdrücken. Mag man über die Zukunft des Judentums denken, wie man will — das Genie der Energie wird man ihm nicht versagen können. Ehanuka bezeichnet nicht die Vollendung eines Erlösungs- Werkes der 'Vergangenheit, sondern fordert uns auf zur Ausschau in das Leben mit seinen ernsten Pflichten und erhabenen Zielen. Dieser Heldenmut des Geistes, dessen Erinnerung das Ehanukafest geweiht ist, soll uns ein leuchtendes Vorbild sein. Auch wir dürfen in den Stunden der Versuchung, in denen Israels Gottessinn und Klaubenstreue sich erproben sollen, nicht anstehen, der Wahrheit die Ehre zu geben und unserer heiligen Ueberzeugung auch in Taten der Hingebung und der Opferfreudigkeit die volle Wirksamkeit zu verleihen. Gewalt haben wir nicht zu fürchten, wenn wir feststehen auf dem Boden des reinen, ehrlichen Gottessinns. Tie Taten der Gerechtigkeit und des Edelsinns, die wir üben, sind die mächtigsten Waffen, die den Feind besiegen und den Ankläger aus dem Felde schlagen. Dir Woche. Berlin, 30. November 1915. as politische Interesse der letzten Woche richtet sich auf Griechenland, das militärische auf Serbien. So erfreulich sich die Ereignisse auf letzterem entwickelt haben, so unerfreulich auf dem ersteren. Sprechen wir von dem Unerfreulichen zuerst, so muß man sagen, daß Griechenland wahrscheinlich unter dem Drucke der Verhältnisse nicht so fest geblieben ist, wie wir von unserem Standpunkte aus gewünscht hätten. Zwar hat es sich nicht geradezu auf die Seite unserer Gegner geschlagen, sondern sucht seine Neutralität zu wahren, jedoch mit einem Wohlwollen gegen die Feinde, besonders die Franzosen, das wir bedauern müssen. Tenn es hat vermutlich, um der angedrohten Blockade und der Zurückhaltung seiner Schiffe und schwerer materieller Schädigung zu entgehen, sich geneigt erklärt, nicht nur sein Land weiter den Truppen der Ententemächte offen zu halten, sondern auch die flüchtenden serbischen Truppen, wenn sie sein Land betreten, nicht zu entwaffnen. Es wird es sich daher selbst zuzuschreiben haben, wenn es entweder gegen seinen eigenen Willen in den Krieg hineingezogen oder wenn sein Land zum Schauplatz schwerer kriegerischer Ereignisse gemacht wird. In den letzten Tagen scheint sich eine Veränderung in der Haltung Griechenlands vorzubereiten. Die Ereignisse in Serbien haben sich, wie vorauszusehen war, vollzogen. Serbien existiert nicht mehr; auch die letzten Städte im Flachlande auf dem sogenannten Amselfeld: Pristina und Mitroviea, sind in unseren und in den Händen unserer Verbündeten; die gefürchtete, von den wenigen Freunden der Serben vielleicht gehoffte Entscheidungsschlacht auf dem Amselfeld ist nicht erfolgt; über 125 000 Mann serbischer Truppen sind als Gefangene in unseren und in der Bulgaren Händen; mehrere tausend österreichisch-ungarischer, von den Serben früher gefangener Mannschaften sind befreit, ein ungeheures Kriegsmaterial, darunter über 500 Kanonen, ist erbeutet. Freilich ein neues Sedan ist Serbien nicht beschießen gewesen. Ein noch ziemlich großer Teil der Armee ist entweder nach Albanien oder nach Montenegro geflüchtet. Ob diese Massen sich dort aufs neue sammeln werden, ob sie sich bei dem demoralisierten Zustande der Soldaten durch Zufuhr von Waffen und Munition (man weiß freilich nicht woher) zu neuem Widerstande erheben werden können, vermag man einstweilen nicht zu sagen. Ebenso fraglich ist es, ob die verbündeten Franzosen und Engländer sich zu einer entschiedenen Tat aufraffen werden. Nach einzelnen Berichten laufen sie Gefahr, von den Bulgaren umzingelt und entweder rettungslos ans Meer gedrängt oder gezwungen zu werden, zu kapitulieren. An den übrigen Kampfplätzen ist in den letzten Tagen verhältnismäßig wenig gestritten worden. Einzelne kleine Erfolge wurden gegen die Russen im Nordosten (Kurland) erzielt. Im W e st e n ist es ziemlich ruhig. Dagegen dauert das furchtbare Ringen an der ö st e r r e i ch i s ch - i t a l i e n i s ch e n Grenze fort. Bisher haben es die Italiener zu keinem nennenswerten Erfolg gebracht, außer daß sie, die Kulturträger, die blühende Stadt Görz planmäßig zusammengeschossen haben. Es ist in diesem an Grausamkeiten und unbegreiflichen Ereignissen so reichen Kriege eines der absonderlichsten Merkmale, daß die von uns befehdeten und besiegten Feinde mit einer abscheulichen und völlig unverständlichen Konsequenz ihre eigenen Gebiete schädigen, ja vernichten: so die Russen in Polen und Wolhynien, die Franzosen in Nordfrankreich, die Engländer in dem ihnen verbündeten Belgien, die Serben in ihrem eigenen Lande, die Italiener in den von ihnen als ihr rechtmäßiges Eigentum angesehenen Provinzen. Man sollte meinen, da ja die Italiener sicher darauf hofften, Görz in ihre Gewalt zu bekommen, daß sie alles daran hätten setzen müssen, diese Stadt zu schonen. Ihr Verfahren wie das der übrige Mächte des Vierverbandes ist ein so unverständliches, daß man es nur als euren knabenhaften Frevelsinn charakterisieren und beurteilen kann. Allem Anscheine nach bereitet sich im Westen ein ungeheurer Kampf vor, woraus manche Anzeichen schließen lassen. Die nächsten Tage oder Wochen dürften Klarheit bringen. Wie dem aber auch sein mag, die Hoffnung auf Frieden ist wieder in weite Ferne gerückt. Unterdessen fahren die Russen und Engländer fort, Märchen zu verbreiten, teils über Grausamkeiten, die von deutschen Truppen verübt sein sollen, teils über außerordentliche Verluste, die sie uns zugefügt hätten. Unsere Heeresleitung tritt allen diesen Erfindungen mit großer Entschiedenheit entgegen. Wir haben zu den wahrheitsgetreuen Bekundungen unserer Behörden das unbedingteste Vertrauen. Es hat sich bisher immer bewährt. Wird uns auch wohl gelegentlich ein Zurückweichen, vielleicht auch eine Niederlage verschwiegen, so wird doch nicht, wie so oft bei den Gegnern, die Wirklichkeit verdunkelt und verhüllt, nichts bemäntelt und vor allen Dingen nie etwas erlogen. Wir dürfen also alle Ausstreuungen unserer Gegner, in denen sie um so reicher und erfinderischer werden, je weniger, die Tatsachen ihnen recht geben, als Phantasiegebilde ansehen und als solche verachten. Wenn nur endlich die Erkenntnis ihrer militärischen Impotenz die Gegner zu dem einzig vernünftigen Schritte führte, das von ihnen angezettelte und in Wirklichkeit verlorene Spiel aufzugeben. /