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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 1872 wurde er in die Gemeindevertretung berufen, 1881 wurde er Gemeinderat, 1898 stellvertretender Gemeindevorsteher, bald darauf Vorsteher der Religion sgemeinde. Die höchste Auszeichnung wurde ihm zuteil durch seine Ernennung zum Ehremnitgliede der Gemeinde. Ta satzungsgemäß solche Ernennungen nicht wieder stattfinden, so ist mit ihm das einzige und letzte Ehrenmitglied gestorben. Als Ausschußmitglied gehörte Magnus verschiedenen israelitischen Vereinigungen im Reiche und in Sachsen an; unter anderem war er Ausschußmitglied des D. I. G. B. und Vorsitzender der Ortsgruppe des Hillfsvereins der deutschen Juden. Der Verstorbene, den Vornehmheit des Charakters und der Gesinnung sowie reiches Wohltun auszeichneten, genoß hohes Ansehen in den weitesten Kreisen. 1911 wurde ihn: das Ritterkreuz des Albrechtsordens erster Klasse verliehen. Die Trauerfeier fand am Freitag, den 12. November, in der würdig geschmückten Gemeindesynagoge statt. In der stattlichen Trauerversammlung, die das Gotteshaus bis aus den letzten Platz füllte, war als Vertreter der Stadt Leipzig Herr Bürgermeister Dr. Weber zu bemerken. Zu beiden Seiten des Sarges hatten Fahnenabordnungen des Krieger- und Turnvereins zu Leipzig- Eutritzsch Aufstellung genommen. Nach einleitendem Orgelspiel, Chorgesang und dem Vortrag des 91. Psalmes durch Herrn Oberkantor Frank hielt Gemeinderabbiner Professor Dr. Porges die Trauer- Predigt, in der er die vortrefflichen Eigenschaften des Dahingeschiedenen rühmte, der, ein wackerer Deutscher und Israelit zugleich, nach dem Worte des Propheten Jesaja eine „Eiche der Gerechtigkeit" gewesen sei. Weitere Nachrufe und Abschiedsgrüße sprachen namens des Gemeindevorstandes, der Verordneten und der gesamten Gemeinde Herr Professor Dr. Adler, Studiendirektor der Handelshochschule, im Namen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Verbandes der deutschen Juden und des Verbandes der israelitischen Religionsgemeinden im Königreich Sachsen Herr Kommerzienrat Elb, Vorsteher der Dresdener Gemeinde. Im Anschluß an die Trauerfeier fand auf dem Friedhof in der Berliner Straße die Beisetzung der Leiche im Erbbegräbnis der Familie Magnus statt. — Essen, 19. November. Der israelitische Männerwohltätigkeitsver ein „Ch ew r a K ad di sch a" hielt im Gemeindehause seine Generalversammlung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende der verstorbenen Mitglieder und mit besonders herzlichen Worten der auf dem Felde der Ehre Gefallenen. Der gesamte Vorstand und die besondere Kommission wurden durch Zuruf wiedergewählt. In Rücksicht auf die Zeitverhültnisse wurde von einem alten Brauch, das Stiftungsfest zu begehen, wie im Vorjahre, Abstand genommen. Statt dessen wurde beschlossen, die zahlreichen Mitglieder oder deren Angehörige, die im Felde stehen, durch Liebesgaben zu erfreuen. Die erforderlichen Mittel sollen durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden. Eine in der Versammlung aufgelegte Liste ergab einen ansehnlichen Betrag. Infolge des Krieges sind die Wohltätigkeitsvereine der Shnagogengemeinde naturgemäß finanziell außergewöhnlich stark belastet, so daß die Kassen nahezu erschöpft sind. Außerordentliche Zuwendungen werden in dieser schweren Zeit mit besonderem Danke entgegengenommen. L. Frankfurt a. M., 19. November. Fünf den ersten jüdischen Kreisen angehörende Herren sind soeben von einer im Aufträge zweier bekannter jüdischer Organisationen unternommenen Erkundungsreise nach Russisch-Polen Zurückgekehrt und schildern die dort empfangenen Eindrücke. Die Einnahme von Warschau und die damit verknüpfte Lostrennung der polnischen Hauptstadt von Petersburg und Moskau haben für die jüdischen Massen in Polen entsetzliche Folgen gezeitigt. Etwa 80 000 Rubel monatlich waren vorher von den jüdischen Hilfskomitees jener Städte zur Unterstützung und Speisung der Hungernden zur Verfügung gestellt worden, während natürlicherweise die von deutscher Seite seither aufgebrachten Hilfsgelder auch nicht im entferntesten ausreichen, den Ausfall zu ersetzen. So herrscht überall grauenvolles Elend, und die wackeren Männer, die durch Einrichtung von Volksküchen in Warschau und anderen polnischen Städten die jüdischen Massen vor dem Aeußersten zu schützen sich bemühen — die Warschauer "Efra" verabreicht allein zurzeit täglich 25 000 Mittagsessen —, sehen in ratloser Angst dem nahenden Winter mit seiner wachsenden Not entgegen. Die polnische Industrie ist aus Mangel an Rohstoffen völlig stillgelegt, so daß die Anzahl der jüdischen Arbeitslosen in Warschau allein auf etwa 50 000 Mann geschätzt wird. Die anerkennenswerten Bemühungen, jüdisch-polnische Arbeiter der ja an Arbeitermangel leidenden deutschen Industrie zuzu» führen, haben aus verschiedenen Gründen ein nennenswertes Ergebnis nicht erzielt und werden leider zur Linderung des Notstandes praktisch kaum ins Gewicht fallen. So gebieten denn einfachste Menschenpflicht, jüdische Bruderliebe und deutsche Gesinnung jedem, der von diesem beispiellosen Notstand Kenntnis erhält, in seinem Kreise zur Hilfe anzuregen und selber nach Kräften zu helfen. Ein besonderes Eingreifen verlangt, nach Meinung der erwähnten Herren, die trostlose Lage der Rabbiner und Gemeindebeamten aus den vom Kriege heimgesuchten polnischen Städtchen. In Warschau befinden sich nahezu 200 geflüchtete Rabbiner, darunter ganz hervorragende, in geistiger Arbeit ergraute Persönlichkeiten mit ihren kinderreichen Familien. Ihre Gemeinden, durch den Krieg schwer geschädigt, zum Teil fast zertrümmert, fiitb vorläufig nicht imstande, die Rabbiner zu unterhalten, und eine einflußreiche Stelle, die hier in würdiger Weise eingreift, gibt es nicht. Tie Heimkehr der Rabbiner, die übrigens auch die Voraussetzung, für den Beginn des Wiederaufbaues des Gemeindelebens ist, könnte nur erfolgen, wenn ihr Lebensunterhalt für eine Zeitlang, also mindestens über den Winter hinweg, gesichert ist. Infolge dieser Schilderung sahen sich bereits einige Herren veranlaßt, monatliche Zeichnungen von ganz bedeutenden Beträgen zu eröffnen. Ein Warschauer Komitee wird unter der Mitwirkung einiger deutscher Vertrauensmänner, unter anderen der Herren Feldrab'biner Tr. Arthur Le v y und Kgl. Bibliothekar T. P i ck, über die Verwendung der Gelder zu befinden haben. 22 Diez a. d. Lahn, 19. November. Tie Verwaltung des hiesigen Deutsch-Israelitischen Kinderheims hat beschlossen, in der Anstaltssynagoge, in der Zöglinge morgens und abends das Kaddisch-Gebet für die Verstorbenen verrichten, eine besondere Gedenktafel anzubringen, auf der die Namen der tin Kampfe fürs Vaterland Gefallenen als leuchtendes Vorbild verzeichnet' werden sollen. Während des Trauerjahres und später an jeder Jahrzeit soll das Kaddisch-Gebet für diese Helden verrichtet und ein Jahrzeitlicht angezündet werden. Der dafür zu entrichtende Betrag ist auf 300 Mark festgesetzt, er kann aber aus begründeten Wunsch auch verringert werden. Grstkrrrich-Anggrn. K. Wien, 19. November. Im großen Saale der Wiener Handel-?- und Gewerbekammer hielt vor kurzem Frau Direktor Marie G o l d - färb aus Lemberg einen Vortrag über die Russenherrschast in der galizischen Landeshauptstadt und ihre Bewohner seit den ersten Tagen des September 1914. Die Vortragende schilderte u. a. auch die wiederholten Progrome, die das russische Militär auf Befehl der militärischen Verwaltung in Szene setzte. Die russische Kriegsbehörde erlaubte den Kosaken die unerhörtesten' Skandale. „Das Martyrium der Juden Galiziens," so führte Frau Direktor Gottfarb wörtlich aus, „spottet jeder Beschreibung und übertrifft jede Vorstellung und Schilderung. Tausende einhergetriebene Juden wurden in Lemberg interniert, und nun konnte man in diese Hölle auf Erden Einblick haben. In derselben Zelle starben viele Menschen, Kinder kamen zur Welt, andere verfielen irr Wahnsinn, Glücklichere begingen Selbstmord. Die Größe ihrer Leiden war unüberblickbar. In Eis und Nacht wurden tausende Männer, Weiber, Kinder, Kranke in die weiten Ebenen Rußlands und Sibiriens geschickt. In den Straßen Lembergs konnte man das wachsende Verderben der müßig sich herumtreibenden Jugend von den Gesichtern herablesen. Systematisch wurden das Volk und die Kinder verdorben; horchend und provozierend stand die „Ochrana" da. Nur die väterliche Obhut des Bürgermeisters und die rastlose Tätigkeit des jüdischen Hilfskomitees schützten einen Teil der Jugend vor physischer und moralischer Entartung. Die galizischen Dörfer und Städte sind jetzt verwüstet und eingeäschert; die Männer kämpfend im Felde oder verschleppt in Feindesland, die Frauen der Verzweifllmg überlassen. Tausende braver junger Mädchen siechen in Spitälern dahin, und die Kinder streifen schütz- und obdachlos im verwüsteten Lande umher, bis eine mitfühlende Seele sie der Großstadt zuführt, wo sie Schutz finden." Die Vortragende schloß mit den Worten der Bibel: „Du sollst nicht untätig sein, wenn das Blut deines Nächsten vergossen wird." Unter dem tiefen Eindrücke dieses Vortrages hat sich sofort an Ort und Stelle ein Komitee von Damen der Gesellschaft und einigen Abgeordneten gebildet zum Schutze der jüdischen Jugend in Galizien.

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