Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 durch die Kraft der Tradition dem Judentum so stark zugehört, läßt sich kaum ausdenken! Die hierher Verschlagenen werden mit Gottes Hilfe einst wieder heimkehren, sie werden ihre Zerstörten Häuser wieder ausbauen. Doch der Bruch mit der Tradition würde sich schwer wieder heilen lassen. Gehört ja gerade Tradition zu jenen Bollwerken, die schwer errichtet und getroffen, aber, wenn einmal angetastet, schwer wieder hergestellt werden können. Wein sollte die hohe Ausgabe, diesem Unglück vorzub-engen, eher zufallen als in erster Linie dem gesetzestreuen Judentum! Doch mehr, jeder, der sich Jude fühlt und jüdisch denkt, muß es sich zu seiner Pflicht machen, diesen überzeugungsstarken Juden ihre Ueberzeugung zu erhalten, ihren Willen, auch hier als Juden sich zu fühlen und zu leben, möglich zu machen. Daher gestatten wir uns in Anbetracht dieser mißlichen Lage unserer Glaubensbrüder, die einer schnellen Abhilfe bedarf, folgenden Dorschlag zu unterbreiten: Es möge sich ein Komitee bilden, das es in die Hand nimmt, diese jungen Leute solchen Arbeitgebern zuzuweisen, die -es ihnen ermöglichen, der: Sabbat zu erhalten. Das würde heißen: Segen stiften für die Gesamtheit unseres Judentums! Baneth. Rabbiner I. Weinberg. Zuschriften in der obigen Angelegenheit bitte zu richten an Herrn Rabbiner Dr. Baneth, Charlottenburg, Suarezstraße 39. Berlin, 23. November. Die Akademie der Wissenschaften zu Stockholm hat den Nobelpreis der Chemie für 1915 dem Professor Tr. R. W i l l st ä t t e r - Berlin-Dahlem, der, wie wir jüngst mitteilten, nach. München berufen ist, für seine Untersuchungen der Farbstoffe im Pflanzenreich, in erster Reihe der Chlorophhlle und Anthozhane, zugeteilt. Zugleich kommt aus Wien die Nachricht, daß der Privatdozent der Wiener Universität, Tr. Robert Barany, der gegenwärtig in Transkaspien kriegsgefangen ist, den Nobelpreis für Medizin erhalten hat. Mit diesen beiden Gelehrten ist diese hohe Auszeichnung bis jetzt an sieben Juden verliehen worden. Die anderen fünf sind: Albert Michelson in Chicago, Gabriel L i p P m a n n in Paris, Paul Ehrlich in Frankfurt sowie die Träger des Friedenspreises Fried und Asser. Berlin, 23. November. Dem Tätigkeitsberichte der Zionistischen Bereinigung für Deutschland entnehmen wir, daß die finanziellen Beiträge der deutschen Zionisten während des letzten Jahres, obwohl eine sehr große Zahl von Zionisten im Felde steht, den Betrag von fast 200 000 Mark ausmachen. Hiervon sind etwa 70 000 Mark Hilfsgelder für Palästina, 60O00 Mark Spenden für den Jüdischen Nationalfonds, 22 009 Mark Beiträge für den Zionistischen Zentralfonds, 26 000 Mark Unterstützungsgelder für die innerhalb Deutschlands durch den Krieg in Not geratenen Stammesgenossen, der Rest Schekel und Landesbeitrüge. Zum Chanukasest versendet die Zionistische Bereinigung, wie im vorigen Jahre, an sämtliche -im Felde stehenden jüdischen Soldaten, deren Adressen ihr mitgeteilt werden, Chanukapakete mit Liebesgaben. J. H. Görlitz, 21. November. Dienstag, den 16. d. M., starb nn hochbetagten Alter von 87 Jahren der frühere Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Tr. Siegfried Freund. Nur etwa 1K> Jahre war es ihm vergönnt, von den Mühen eines überaus tätigen und in jeglicher Hinsicht reich gesegneten Lebens auszuruhen. Länger als 57 Jahre hat er in unserer Gemeinde gewirkt und Liebe und Verehrung bei seinen Glaubensgenossen und auch Andersgläubigen gesunden. Die reichen Gaben seines Verstandes und feine tätige Fürsorge stellte er nicht nur in den Dienst seiner Gemeinde, sondern seine Wirksamkeit erstreckte sich weit über den Kreis seines geistlichen Amtes. Aufopferungsvoll und weitblickend widmete er seine Kräfte dein Wöhle der Allgemeinheit, ganz besonders, wenn es sich um den Kultursortschritt und um die Volksbildung handelte. So fand sein segensreiches Wirken allseitige Anerkennung. Auch die Behörden zogen ihn gern zu Rate und schätzten sein Urteil. Bei feinem Abschied aus dem Amt überreichte Herr Oberbürgermeister S n a y dem Scheidenden in der Synagoge den Roten Adlerorden Hl. Klasse mit der Schleife. Dr. Freund war ein hervorragender Bildner der Jugend und ein leuchtendes Beispiel den Erwachsenen. In der Geschichte unserer Gemeinde wird er als deren eigentlicher Begründer fortleben und unvergeßlich bleiben. Im Jahre 1829 zu Schmiegel (Provinz Posen) geboren, wurde er im Jahre 1856 als Rabbiner nach Görlitz berufen. Sowohl bei seinem 25jährigen Amtsjubiläum wie auch bei seinem 40- und 50jährigen Amtsjubiläum wurde er unter Teilnahme aller Kreise unserer Stadt gefeiert, die die Wertschätzung, derer er sich erfreute, bezeugte. Die Krönung seines Wirkens fand er in der Errichtung des neuen prächtigen Gotteshauses unserer Gemeinde, das er im März 1911 zu seiner größten Freude und Genugtuung einweihen konnte. Welch einer Liebe und Wertschätzung der Verewigte sich erfreute, davon legt die Anteilnahme der Gemeinde und der Behörden an der am Freitag, den 19. d. M., stattgefundenen Trauerseier beredtes Zeugnis ab. Herr Oberbürgermeister S n a y, mehrere Stadtverordnete und Magistratsmitglieder, Schuldirektoren und die Vertreter der anderen Religionsgemeinschaften wohnten der Trauerfeier in der Synagoge bei. In einer sehr gehaltvollen Rede schilderte der jetzige Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Berger, das segensreiche Wirken des Entschlafenen und entwarf ein treffendes Charakterbild dieses Mannes, der ein Vertreter des Judentums, des Deutschtums und wahrer Menschlichkeit gewesen ist. In seinen Lehren und bei seinem Wirken rückte er nicht nur immer das uns Trennende mit anderen Bekenntnissen in den Vordergrund, sondern er wies auch immer aus das Verbindende hin. Obwohl er ein Hüter der Tradition unseres jüdischen Glaubens war, hat er doch den Bestrebungen der Neuzeit Rechnung getragen und seinen besonderen Einfluß für die würdevolle Gestaltung des Gottesdienstes eingesetzt. Mit innigen Dankesworten an den Toten und mit dem Gelöbnis, ihn zum Vorbild zu nehmen, schloß Herr Rabbiner Dr. Berger die tief ergreifende Trauerrede. Im Namen > des Deutschen Rabbinerverbandes sprach Herr Rabbiner Dr. Posen er aus Kottbus dem Entschlafenen den Dank für seine treue Mitarbeit im Verbände aus. Mit dem El-mole-rachamim- Gebet, rezitiert von Kantor Geerling, und Chorgesang schloß die eindrucksvolle Trauerfeier in der Synagoge. Nach kurzer Feier in der Halle des Friedhofs wurde die irdische Hülle Dr. Freunds dem Schoß der Erde übergeben. Ehre seinem Andenken! M. Hamburg, 19. November. Die Stistungsschule von 1815, deren Direktor Anton R e e länger als 40 Jahre gewesen ist, feierte den 360. Geburtstag des bewährten Pädagogen in würdigster Weise. Am Morgen legten ein Vorstandsmitglied, der zeitige Direktor Professor Kutnewsky, ehemalige und jetzige Lehrer und Lehrerinnen einen Kranz rtirf das Grab des unvergeßlichen Schulmannes, der aus der einstigen jüdischen Freischule die simultane Realschule geschaffen hat. Um 1 Uhr fand dann in der Schule in Gegenwart des Herrn Schulrats Professor Tr. B r ü t t, des gesamten Vorstandes mit Herrn Professor Dr. Säen ge r und Herrn Professor Dr. Heskel usw. und in Anwesenheit ehemaliger Schüler eine Gedächtnisfeier statt, bei welcher der Reichstagsabgeordnete Tr. S. Heckscher, ein früherer Schüler der Anstalt, die Rede hielt. Er feierte Dr. Ree als Künder des deutschen Idealismus. Deutschland schöpfe heute seine unwiderstehliche Kraft im Kampfe gegen eine Welt von Feinden aus Bismarckscher Kraft und aus Schillerschem Geiste. Anton Ree habe in diesem Geiste die Liebe zur Freiheit und zum Vaterlande, im Lessingschen Sinne die Duldung gelehrt. Selbst in einer Zeit der alles beherrschenden Tat dürfe man die Macht des deutschen Idealismus, im Felde und daheim, nicht unterschätzen. Er bat die Schüler, in Erinnerung an die Hafenstadt Hamburg und an Anton Ree mit ins Leben hmausznnehmen, daß die Ideale den unerreichbaren Sternen gleichen, nach denen der Kapitän sein Schiff steuere. Hierauf enthüllte Herr Professor Dr. Kutnewsky nach einer kurzen Ansprache ein prächtiges Bild des Dr. Ree, welches Frau Tr. Boor, eine der vielen Verehrerinnen des bedeutenden Pädagogen, der Schule geschenkt hat und welches eine Zierde des neuen Gebäudes sein wird. Der Direktor versprach, in gleicher Liebe wie Tr. Ree seine Schüler zu Deutschen zu erziehen, und ließ die erhebende Feier mit dem Liede „Deutschland, Deutschland über alles" schließen. Leipzig, 19. November. Am 9. d. M. starb nach kurzem Leiden der Ingenieur und vormalige Eisengießereibesitzer David Magnus im 80. Lebensjahre. Am 29. Juli 1836 geboren, kam er Anfang der sechziger Jahre nach Leipzig und begründete in Eutritzsch eine Eisengießerei, die er vor einigen Jahren eingehen ließ, als er sich wegen zunehmenden Alters zur Ruhe setzte. In Eutritzsch war Magnus lange Jahre Mitglied des Gemeinderates und Vorsitzender verschiedener Vereinigungen. Nach Einverleibung des Vorortes 1890 betätigte er sich im Leipziger öffentlichen Leben, wo er lange im Vorstände der Ortskrankenkasse war. Politisch gehörte Magnus der nationalliberalen Partei als sehr eifriges Mitglied im Vorstand an. Eine besondere Wirksamkeit entfaltete er in der jüdischen Gemeinde.