Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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574 abgedruckt lverdeu, sind den Lesern der „Allgemeinen Zeitung" schon bekannt, da sie hier im Erstdruck erschienen. Die beiden anderen sind Neujahrs- und Versöhnungsbetrachtungen, mit dem ganzen Schwünge vorgetrogen, der den bekannten Hamburger Redner charakterisiert. Tie eine ist im Jahre 1914 wirklich gehalten, von der zweiten, die für Neujahr und Versöhnungstag bestimmt ist, wird nicht ausdrücklich gesagt, ob und wann sie vorgetragen wurde. Sie enthalten das innigste Bekenntnis von Gottes Größe und Heiligkeit, gehen nicht eigentlich ans den Krieg ein, obgleich die schwere Zeit natürlich den Grnndton angibt, und verkünden die Lehre von dem Fortschreiten des Menschengeschlechts sowie die Hoffnung aus Gleichberechtigung Israels mit anderen Völkern in der Zukunft und ans die Verwirklichung der Messiasidee. Aehnlicher Art, nur mit noch stärkerer Betonung des deutschen Sinnes, eines wirklich echten Patriotismus, sind die Predigten Walters'7), in denen noch ganz besonders die Pflicht empfohlen wird, für die Verwundeten und für die Angehörigen der Gefangenen ausreichend zu sorgen. Eine umfassendere Sammlung gibt Salomon Stein^), in der neben dem Religiösen auch das Politische hervortritt; neben einer Rede zum 70. Geburtstag des Königs Ludwig 111. von Bayern findet sich auch eine Eidesbelehruug am 28. März 1915. Mehrere der Predigten sind Betrachtungen über die Psalmen 120/128, andere bestimmten Festtagen gewidmet. Der Verfasser beklagt an manchen Stellen die Nichtübereinstimmung zwischen Lehre und Leben; er wendet sich energisch gegen den „Vorwurf des rachsüchtigen Judengottes" (S. 100). Alan sieht schon aus der letzteren Stelle, daß die Ausdrucksweise des Verfassers mancherlei Bedenken erregt, aber den Gesinnungen, die er vorträgt, wird man seine Zustimmung nicht versagen. Aus einer bündereichen.Sanunlung, die bei einem süddeutschen Verleger erschienen ist, ist zunächst ein Bündchen hervorzuheben, das sich auf jüdische Dinge bezieht"). Die Kriegsnovellen von Richard Ries beginnen mit einer stimmungsvollen Skizze ,,Pogrom". Das traurige Schicksal der Familie eines angesehenen Juden wird darin dnrgestellt: die Ermordung der Mutter, der Selbstmord der Tochter, die dadurch der Schande entgeht, der Tod des unglücklichen, schon früher geblendeten Vaters, der in den Flammen seines Hauses zugrunde geht und in seinem Tvdeskamps das Glaubensbekenntnis auszusprechen nicht müde wird. Außer dieser Skizze enthält das Buch noch zwei andere sehr gute, von denen die eine das gemeine Betragen eines französischen Verwundeten gegen seine hilfsbereiten deutschen Kameraden, das andere den Selbstmord eines Unteroffiziers erzählt, der seinen Vater, einen Oberförster in Ostpreußen, und seine Braut verloren hat. Es sind traurige Geschichten, aber gut erzählt. Die Sammlung „Matkabüa" ist sehr zu empfehlen^). Man findet darin allerlei Gedichte von Ri-eßer, Löwenberg, eine anmutige Probe aus einem Roman Gttlingers, Poesien Zuckermanns u. a. Wozu auch Kayserlings Aufsatz „Teilnahme von Juden an portugiesischen Entdeckungen" ausgenommen worden ist, verstehe ich nicht recht: ob wirklich der jüdische Soldat, der im Felde für sein deutsches Vaterland ficht, an derartigen Zeugnissen eines fernliegenden Wissens Gefallen findet? Unter den gefallenen Poeten jüdischen Glaubens ist Walther Heymann gerade in neuerer Zeit viel gefeiert worden. In sein menschliches Fühlen gewährt ein eben erschienenes Buck/') Einblick. Die darin abgedruckten Feldpostbriefe vom 21. August 1914 bis zum Januar 1915 gewähren eine lebendige Schilderung der Märsche und Kämpfe, sprecheil auch von dem mühseligen Dienst, von Essen und 17) Ter Weltkrieg im Lichte der Zehn Gebote und des Buches Null). Predigten, gehalten cm den beiden Tagen des Wochensestes 1915 in der Synagoge 311 Bromberg von Rabbiner Tr. G. Walter. Berlin, Verlag von M. Poppelauer. 1915. 1H) Gottesdienstliche Vorträge aus dem Kriegsjahr 1915. Von Dr. Solomon Stein, Tistriktsrabbiner in Schweinfurt. 1915. Verlag von I. Kaussmann, Frankfurt a. M. 10) Krank am Kriege. Kriegsnovellen von Richard Ries. 1915. Reuß u. Ritta, Konstanz. 2") Makkabäa. Jüdisch-literarische Sammlung von Louis Lamm. Verlag Louis Lamm, Berlin. 21) Walther Heymann, Kriegsgedichte nnd Feldpostbriefe. 1915. München, bei Georg Müller. Trinken, von Rauchen und Wachen. Allgemeine Gedanken sind selten. Einer (S. 101 ff.) mag hier wiedergegeben werden: „Auf eine Frage, die nlir gestellt wurde, will ich hier noch antworten: Man verstünde jetzt die Märtyrer besser, ihre Freude, zu leiden für Christus, der für sie gelitten hat. Doch meine Ansicht über Martyrium ist die: Leiden zu fühlen und zu tragen, ist an sich kein besonderes Verdienst; durch dm Zweck kann es wohl dazil werdell. Aber es ist doch ein gewisser Genuß darin, im Schmerz, im Leidtragen, lind gerade das Märtyrertum für andere als erlösendes Verdienst zu preisen und zur Nachahmung zu empfehlen, ist ein Punkt, wo ich der Kirche nicht recht folge. Es ist -gut, aus dem Gefühl für andere hinaus zu handeln, aber das Handeln ist wichtiger als das Leiden. Etwas anderes ist es, wenn mir jemand durch sein mutiges Ertragen seelisch das Einverständnis, die Liebe usw. bekundet. Um das Christentum als Lehre, als Kirche, um ihre Zeitgenossen haben sich also die Märtyrer auch in meinen Augen eher ein Verdienst erworben. Aber eins, das auch genußreich ist. Ich kann nicht recht glauben, daß darin ein Verdienst liegt, das als Hilfe den Gläubigen zugute kommt. Aber halbwegs stimmt ja soviel überein. Die Willenskraft, die Seelenglut, die Leiden überwindet, schätze ich als einen Teil des Handelns ein. Also lieber handeln, als leiden wollen. Schassen und so viel leiden, wie fein muh — aber immer wirkend und genießend vorwärts. Leben (auch im Leid) ist ein unerhörtes Glück. Darum kann auch das notwendige Opfer des Lebens eines sein." Auch in dem letzten Brief findet sich eine Stelle, die der Mitteilung wert ist; sie lautet (S. 134): „Mein Leben wäre ganz Anfang, wemsts bald enden sollte. Wie es auch komme, mir ist Frieden in der Seele. Leben herrlich, verwundet heimkehren — schwer schön. Sterben — schab' um zehn ungeschriebene Bücher. An mein Weib denk' ich dabei anders. Als wäre es für mich nicht so schwer, als ohne sie leben. Für Hunderte sterben — herrlich!" Die Gedichte, die den Anfang des Buches ausmachen, sind hübsche Stimmungsbilder, ernste Klänge, herrührend von einem, der mit dabei war. Nirgends Feigheit, auch nirgends bramarbasierende Heldenhaftigkeit; ein ernster Sinn durchzieht alle Verse. Es ist schwer, ein besonders charakteristisches daraus zu wählen. So möge hier das letzte stehen: Den Hinterbliebenen. Mutter, es kommt nicht nach Haus, den du geboren — Frau, von allen Männern ist deiner gefallen — Kinder — ihr habt euren Vater verloren! Eine große Mutter ist unser Land. Heldentod hat eine sanfte Hand. Kinder — werdet wie er, macht ihm nicht Schand'! Das Büchlein von Martin Proskauer^) ist recht lesenswert. Gleich die erste Skizze, von der das Werk den Namen hat, ist sehramüsant. - Ein Händler will einen hohen Offizier bestechen und läßt zu diesem Zwecke beiihm seine Brieftasche mit 3000 Rubeln. Erwirb wegen dieses Bestechungsversuchs vor Gericht gefordert, verteidigt sich damit, daß er die Tasche verloren, wird sreigesprochen, da er nachweist, daß er den Verlust angezeigt habe, kommt wieder in den Besitz seiner Tasche, bemerkt aber zu seinem Staunen, daß sich in ihr nur noch 1000 Rubel befinden. Jüdischen Inhalts ist sodann noch eine andere Skizze „Das Gebetbuch": Ein kleines Mädchen nimmt, wie es meint, einem russischen Offizier das Gebetbuch fort, das dieser ihrem Großvater, bei dem er einquartiert ge^ wesen, weggerissen. Statt dessen hat es den russischen Geheimkodex für Funkentelegraphie erwischt und wird königlich belohnt. Auch die übrigen Skizzen, teils grausige Kriegserinnerungen enthaltend, teils von hübschem Humor durchlebt, empfehlen sich genügsamen Lesern. 22) 3000 Rubel. Kriegsgeschichten von Martin ProSkauer. Egon Fleische! u. Co. Berlin 1915.