Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Älacht der Anonymität ein Ende, m der man es, ihm und euch zum Schaden, erhält!" Wie er sich das denkt, ist mir nicht klar. Ich glaube indessen in meinem Namen und im Namen vieler Tausender deutscher Juden für einen, jüdischen Staat innerhalb oder unter dem Schutze Deutschlands oder Oesterreichs mich höflich, aber entschieden bedanken zu müssen. Gleichfalls reinzionistisch ist der Jüdische NationalLalender7 8). Er enthält hübsche wilder, z. B. von Wolfjohn und Herzl, einzelne gute Gedichte, die freilich schon anderweitig bekannt waren, z. B. von Hugo Zuckermann, unbedeutende historische Aufsätze, z. B. über Glücket von Hameln, fönst nur die üblichen zionistischen Betrachtungen. Straucher kommt z. B. zu dem Schluß (S. 93): „Für uns nationalgesinnte österreichische Juden steht es fest: Im Völkerstaate Oesterreich ist auch Kaum für die nationale Entwicklung des jüdischen Volkes, mit dem Bestände und der Zukunft Oesterreichs ist das Schicksal der jüdischen Nation untrennbar verknüpft!" Also ähnlich unklar wie Birnbaum. Denkt er wie die Seinen wirklick) an einen jüdischen Staat im Osten Europas? Auch hier können wir nur bekennen, daß uns davon kein Heil zu kommen scheint. Segels wiederholt einen schon in „Ost und West" abgedruckten Aufsatz. Er stellt Morija und Golgatha, den heiligen Berg der Juden und der Christen, gegenüber (in einer Polemik gegen einen Artikel des Herrn Arthur Brausewetter) und verbindet damit eine Darlegung des Gegensatzes zwischen Judentum und Christentum. Er bemerkt (S. 13): „Die Linie, welche von Morija nach Golgatha führt, verläuft in der gerade entgegengesetzten Richtung. Und hier stoßen wir auf den Punkt in der christltchen Lehre, der dem Juden ewig unfaßbar und unzugänglich bleibt." Und ferner S. 17: „Die Golgathageschichte hat für das Gewissen der Juden aber auch noch andere unüberwindliche Schwierigkeiten und unübersteigbare Höhen. Um nur eine zu erwähnen: die Kreuzigung Jesu erscheint im Grunde als ein entsetzlicher Justizirrtum, einem verhängnisvollen Mißverständnis entsprungen." Wir wollen diesen beiden Sätzen nicht widersprechen, aber bescheiden tlich möchten wir doch fragen: War es nicht genug, daß diese eben nicht neue Auseinandersetzung in einem Aussatz einer Zeitschrift dargestellt wurde, mußte sie durchaus in einer besonderen Schrift nochmals dem Publikum vorgeführt werden? Gleichfalls ein Wiederabdruck aus Zeitjchriftenartikeln ist Wohlgemuths Buch9 *). Es sind gelehrte Arbeiten, in denen der deutschpatriotische Ton angenehm auffällt. Ost wird sogar das Haßgesühl gegen andere Völker sehr stark ausgedrückt; anderseits wird vor dem allzu großen Haß gewarnt und der Grundsatz der Gerechtigkeit als der von allen zu beobachtende aufgestellt. Sehr merkwürdig ist, daß der Verfasser es ablehnt, eine Parallele zwischen deutschem und jüdischem Geiste zu ziehen. Der bekannte orthodoxe Standpunkt des Verfassers tritt selten so stark hervor, daß er Andersgesinnte kränkt. Eine Notwendigkeit, die gut geschriebenen Artikel in einem Buche zu vereinigen, kann ich freilich nicht einsehen. Wohin sollen wir kommen, wenn jeder Schriftsteller seine Journalartikel in einem Werke vereinigt? Wenn aber doch etwa eine neue zweite Auflage des Werkes erscheinen sollte, so würde der Verfasser gut tun, die Anmerkung auf S. 99 zu streichen. Sie lautet: „Ein sehr charakteristisches Beispiel ist Lessing, der aus seiner Eigenart heraus völlig unfähig war, die Bedeutung der sranzösischen Klassiker für den romanischen Volkscharakter zu würdigen und sie daher in feiner „Hamburgischen Dramaturgie" so ungerecht behandelt hat." Denn dieser Satz ist ganz falsch. Lesftng hat nicht die Bedeutung der französischen Klassiker geleugnet, sein Kampf galt im wesentlichen Voltaire. Diesen maß er an Shakespeare und kam dadurch zur Verurteilung des ersteren. 7) Jüdischer Nationalkälender auf das Jahr 5676. 1915—1916. Wien 1915. R. Löwit Verlag 8) Morija und Golgatha. Von Binjamin Segel. IV. Tausend. Verlag von M. Poppelauer, Berlin C. 1915. 9) Der Weltkrieg im Lichte des Judentums. Von Dr. I. Wohlgemuth. Berlin. Verlag des Jeschurun. 1915. An diese politischen Betrachtungen reihe ich eine Anzahl erbauliches Die Feldbibell9) ist eine Zusammenstellung von deutschen Uebersetzungen aus den 5 Büchern Moses, den geschichtlichen Büchern, den Propheten und den Hagiographen. Welche Uebersetzung zugründe gelegt ist, wird nicht gesagt. Bei der flüchtigen Durchsicht sind mir keine störenden Mißverständnisse ausgefallen. Man kann die kleine Sammlung nur willkommen heißen; gewiß wird mancher im Felde Stehende aus ihr Belehrung und Erbauung schöpfen können. Samuels Kriegsvorlesungen") sind gedankenreich und tief, wie alles, was wir von diesem tüchtigen Manne erhalten. Es sind Vorlesungen, die aus biblischen Quellen den Geist der gegenwärtigen Zeit darzulegen versuchen. Der Verfasser begnügt sich nicht, damit Kriegsgeschichte zu erzählen oder politische Kombinationen anzustellen,' sondern sucht mit Benutzung ernster wissenschaftlichen Arbeiten deutscher und ausländischer Dichtungen den Geist der Zeit zu erkennen. Gr sagt Juden und Christen, Deutschen und Ausländern oft streng seine Meinung und bekundet ein reiches Wissen und eine selbständige, keine Autorität scheuende Meinung. Bei einem so gedankenreichen und eigenartigen Werke ist es schwer, wenn nicht unmöglich, einzelne Stellen anzuführen, die den Gedankengang des Ganzen wiedergeben. Ich begnüge mich daher, zur Charakteristik des Werkes eine Stelle aus den: Schluß des Buches S. 73 hier abzudrucken: „Und wir glauben gezeigt zu haben, daß es kein Zufall ist, wenn es mit seiner Bibel die schwerste Prüfung, die ihm jemals auferlegt worden, zu überstehen hosft und mit Bibelgeist und Bibelwort seine Söhne in die heiße Feldschlacht sendet. „Ist die Bibel denn nicht mehr ein morgenländisches Buch, reden da nicht die Propheten der Juden, die Apostel der Jüngergemeinde?" Nicht wir fragen so; ein Theologe, wie Adolf Deismann, hat dargetan, die Bibel sei ein kerndeutsches Buch geworden, der Gott dieses Buches, den man so gern als jüdischen Nationalgott bespöttelte, hat nationaldeutsche Züge erhalten, ja, ein deutscher Gott hat sich , im heiligen Kriege aus dem Bibelworte offenbart. Ist dies aber nicht ein Rückschritt? fragt der Gelehrte. Darf es denn so etwas, wie. einen Volksgott oder eine Volksreligion geben, mit dem klaren Empfinden: er sagt uns etwas anderes als unseren Gegnern? Das Wort vom deutschen Gott, so lautet seine Antwort, symbolisiert nur jene Stählung, jene Heroisierung unserer Religion, die uns die harte Zeit gebracht hat; den größeren Anteil, fügen wir hinzu, hat daran die alte, wieder zu Ehren gekommene Bibel Israels. Wir stimmen Deismann zu, wenn er sich allen Einwänden zum Trotz auf Hebräer 11, 16 beruft, wo Paulus den Gläubigen versichert: Darum schämt sich Gott ihrer nicht, sich ihren Gott nennen zu lassen; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet." Der Dank, den Coblenz") in seiner Predigt zum Jahrestage des Kriegsanfangs ausdrückt, ist der für die wunderbare Hilfe, die Gott den Deutschen in dem bisherigen Verlauf des Krieges geleistet. Das Gelöbnis ist das der Tat, es besteht darin, daß die Nation sich vornehme, auszuharren bis zum endgültigen großen Erfolge. Mit Worten Euckens und Goethes wird dieses Gelöbnis erläutert. Die Predigt ist ein treffliches Stück oratorischer Kunst. Die vier kleinen Hefte Leimdörfers^),14),15),16) sind sinnvolle, schön geschriebene Betrachtungen. Zwei davon: „Jsmael" und „Biblisches Drama eines Vierverbandes", die hier nochmals *9) Lamms Jüdische Feldbücherei, Nr. 6: Feldbibel für den Völkerkrieg 1914/15. Verlag Louis Lamm, Berlin. ") Bibel und Heldentum. Fünf Kriegsvorlesungen, gehalten in den akademischen Kursen zu Essen im Wintersemester 1914/15. Von Rabbiner Dr. S. Samuel. Berlin. Verlag von Louis Lamm. 1915. 12) Dank und Gelöbnis. Predigt, gehalten am 1. August 1915 als dem Jahrestage des Kriegsansangs über 1. Buch Samuel 7, 12 in der Synagoge zu Bielefeld von Rabbiner Dr. Coblenz. Unsere Gottesheiligung. (Keduschah.) 1. Neujahr. Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer, Hamburg. Druck von Ad. Mala u. Sohn Nachs., Preßburg. 1914. 14) Kriegspredigt 1914. Deutschlands und Israels Lied, gehalten au: Neujahrsfeste (22. September) 5675 von Dr. D. Leimdörser. Rabbiner und Prediger zu Hamburg. Hamburg 1914. Glogaus Buchhandlung, Bleichenbrücke 6. 15) Jsmael, Kriegsbetrachtung 1914. Von Dr. D. Leimdörfer. Hamburg 1914. Glogaus Buchhandlung, Bleichenbrücke 6. 16) Biblisches Drama eines Vierverbandes, Kriegsbetrachtung Juni 1915 von Dr. D. Leimdörfer. Frankfurt a. M. 1915, Kaufmanns Buchhandlung.