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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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begründen und in ihm die wahrhafte Begründung einer Kulturwelt stiften wird. Der gerechte Krieg ist die Vorbereitung des ewigen Friedens." Die Schrift muß als hochbedeutsame Erscheinung gepriesen werden; manches, was gegen einzelne Behauptungen zu sagen wäre, mag hier unterdrückt sein. Getragen von tiefem sittlichen Ernst, erfüllt von der innigsten Liebe zum Judentum und von wahrer Begeisterung für das Deutschtum, spricht sie ebenso zu unserem Geiste als zu unserem Herzen, steigert unsere Verehrung für den Verfasser und stärkt uns zu mutigem Ausharren in den schweren Kämpfen der Gegenwart. Sehr willkommen ist eine neue Veröffentlichung des Verbandes der Deutschen Inders). Wie zu den vorausgegangenen jüdischen Festen, so wird hier für die hohen Feiertage des Jahre 1915 eine Sammlung dargeboten, für die außer Baeck wohl sämtliche Feldrabbiner kurze Beiträge beigesteuert haben. (Außerdem werden einzelne Gedichte abgedruckt, eines von Iben Esra, ein anderes von A. Bernstein, sehr schöne und erhebende Stücke, ein drittes, das wundervolle Gedicht zur Versöhnungsfeier, von Gabirol in der Uebertragung von Michael Sachs.) Die Atehrzahl der Beiträge sind selbständige Betrachtungen zu den verschiedenen Festen, meist in der Form von Predigten: L. Baerwald begnügt sich mit der Uebersetzung des Prophetenabjchnitts aus Jesaias zum Versöhnungstage, dem er eine kurze Einleitung vorangestellt hat. Ich will an den einzelnen Stücken keine Kritik üben; etwas eigenartig berührt der Beitrag E. Levys: „Du hast uns auserwählt", der freilich diese Auserwähltijeit nicht bloß auf die Juden, sondern auch auf die Deutschen überträgt. Arthur Levy, der sonst so viel von den Greueln des Krieges Zu berichten wußte, spricht hier anmutig von „des Krieges Sonnenseite". Der hübschen Auswahl ist weiteste Verbreitung und schöne Wirkung zu wünschen. Der Verfasser der dritten Schrift^), Bankdirektor in Krakau und ein führender Mann in der Stadtverwaltung, plädiert für die Einheit zwischen Polen und Juden und wehrt sich gegen die Angrisse, die Brandes u. a. gegen Polens und Galiziens christliche Bevölkerung geschleudert hatten. Wenn er auch Zugibt, daß manche Ausschreitungen vorgekommen sind, so will er doch die Schuld im wesentlichen der russischen Regierung, nicht aber dem polnischen Volke aufwälzen. Er schließt seine Darstellung, für die wir ihm sreilich die Verantwortung überlassen müssen, mit den Worten: „Dreiundeinhalb Millionen Juden, mehr als in irgendeinem Lande der Welt, leben Hunderte von Jahren in Polen, kamen hier Zu Stellung und Ansehen, zu Wohlstand und Glück. Daß in dieser großen Masse auch Armut und Elend zum Vorschein kommen, hängt das nicht mit Armut und Elend anderer Volksschichten zusammen? . . . Verhelft durch eure Stimmen und euren Einfluß auf die öffentliche Meinung der Welt, daß Polen unbeeinflußt von fremden Strömungen sich national befreie und wirtschaftlich erstarke, und ihr verhelfet auch den Farben und Polen zum Genüsse ihrer inen schlichen Würde, ihrer bürgerlichen Freiheit und ihrer wirtschaftlichen Erstarkung." Mit Polen und Galizien hat es eure ganze Anzahl anderer Schriften zu tun. Blumenthals*) Schrift über Galizien ist ein Mittelding zwischen Kriegsberichten und Erzählung. Der Hauptteil der ganzen Schrift „Die Schlacht bei Lemberg" ist eine Art von Kriegsberichterstattung, rn der der persönliche Anteil des Verfassers ziemlich ruhmredig erzählt wird. Die Wichtigkeit des Aufsatzes besteht in dem Nachweis von dem schier unglaublichen Spionenwesen, das in Galizien herrschte; daran sind freilich glücklicherweise weniger die Juden als die Geistlichen und die Bauern beteiligt. Von dem unendlichen Wüten der Russen bei ihrem langen Verweilen in Galizien geben andere Skizzen merkwürdige Kunde. Höchst wichtig in dieser Beziehung ist die Skizze „Unter russischer Herrschaft", nach den Berichten des Großhändlers M. Die entsetzliche Art, mit der die Russen mit Eigentum und Leben reicher und armer Juden und Nichtjuden umgingen, wird hier nach 2) Ein Gruß der Feldrabbiner an die jüdischen Kameraden im deutschen Heere zu den Herbstseiertagen 1915. Herausgegeben vom Verband der Deurschen Juden. ») Polen und Juden. Ein Appell von Herman Feldstein mit einem Vorwort von Hofrat Josef Sare. Verlag des Obersten polnischen Nationalkomitees. Druck: Earl Herrmann, Wien IX, Alserstraße 50. 4) Galizien. Der Wall im Osten. Kriegserzählungen. Von Herm. Blumenthal. Verlag: Georg Mütter. München 1915.; den zuverlässigen Mitteilungen in ihrer ganzen Schau derhastrgkeii dargelegt. , i^, w*fcu! Adolf Grabowski spricht über „Polen" v) in einer ausführlichen j Abhandlung einer Wochenschrift für „konservativen Fortschritt" (einer Bezeichnung, mit der wir nichts Rechtes anzufangen wissen, da sie nach unserem Dafürhalten einen Widerspruch in sich birgt). Der Verfasser will den Haß der Polen gegen die Juden -nicht aus der Tatsache erklären, daß die Juden 1911 bei den Dumawahlen die Mehrheit erlangten, auch nicht daraus, daß die Polen über das russophile Benehmen der Juden in Polen entrüstet gewesen seien, sondern daraus, daß zwischen Polen und Juden ein starker Gegensatz bestehe. Er fordert bei einer etwaigen Verbindung Polens mit Deutschland Einwanderungsbeschränkungen gegen die Ostjuden und warnt die deutschen Truppen, sich allzu eng an die Juden anzufchließen. Er sagt: „Für das vorrückende Heer liegt die Neigung dazu sehr nahe; denn mit dem Juden ist sprachliche und, da er schnell seine Dienste anbietet, auch geschäftliche Verständigung möglich. Der Pole steht hierbei schon seiner Unkenntnis des Deutschen wegen abseits. Dennoch ist der Pole wichtiger als der Jude, weil er der Herrenmensch ist im Vergleich zum Juden." Er meint vielmehr, man könne auch diejenigen Polen, die gar nicht so feindlich gegen Juden gesinnt seien, gewinnen, und gibt als seine eigentliche Gesinnung den Satz an: „Mit der Polensrage zusammen muß die östliche Judenfrage gelöst werden. Wollen wir, daß jedes der beiden Völker sich eines gesicherten Daseins erfreut, so müssen wir die Juden vor den Polen sichern. Die Absicht, ein Volk auf das andere loszulassen, damit ein Volk das andere anffresse, liegt uns fern. Diese Sicherung der Juden wird freies Selbstvevwaltungsrecht in nationaljüdischen Angelegenheiten umfassen müssen." Was er unter nationaljüdischen Angelegenheiten versteht, sagt er nicht ausdrücklich; meint er darunter Gemeinderecht, Selbstbestimmung in religiösen Angelegenheiten, so geben wir ihm recht; von einem Nationaljudentum dagegen wissen wir nichts und wollen wir nichts wissen. Birnbaum b), der die Ostjuden, d. h. die in Rußland, Galizien, in der Bukowina, in Nordostungarn und in Rumänien lebenden, auf 9 Millionen unter den überhaupt existierenden 14 bis 15 Millionen berechnet, bezeichnet sie folgendermaßen: „Die Ostjuden sind keine Deutschen, ebensowenig wie sie Russen oder Polen sind. Sie sind auch keine Nurglaubensgemeinschast. Sie sind nichts von dem, als was sie eine dreifach gefälschte Information seit Jahrzehnten der Oesfentlichkeit einredet. Sie sind ein Volk, den anderen Völkern kongruent und kommensurabel." Er leugnet, daß die Juden Rußlands den Feinden, d. h. den verbündeten Deutschen und Oesterreichern, hochverräterische Dienste geleistet haben, gibt aber allerdings zu, daß sie den Deutschen ein gewisses Zutrauen entgegenbrachten. Er verlangt daher, daß sie nicht etwa der deutschen Kultur einfach Zugeführt werden. Eine „Assimilation" sei nicht möglich; die Juden müßten daher als besonderes Volk betrachtet werden. Er sagt (S. 26): „Aber endlich einmal sollte man sich doch darüber klar werden, daß man es hier mit einem Volke zu tun hat, das in seiner nationalen Eigenart ausgeprägter ist als seine Nachbarn, diese Eigenart zäh festhält, auch immer mehr den Willen zu dieser Unnachgiebigkeit in sich ausbildet, und daß man sich zu diesem Volke als Volk irgendwie stellen müsse. Endlich einmal sollte man doch einsehen, daß mit dem alten System seiner formalen Zuzählung zu der Nation, die gerade obenauf ist, gebrochen werden müsse, weil dieses System notwendigerweise immer wieder Komplikationen ergibt, wie die sind, die ein unerfreuliches Kapitel der galizischen Geschichte der letzten Jahrzehnte gebildet haben. Endlich einmal sollte man doch auch erkennen, wie vorteilhaft es für den österreichischen Staatsgedanken wäre, wenn dort, wo er natur- und geschichtsgemäß noch vielfachen Hemmungen von außen und innen gegenübersteht, ein Volkselement, das ihn ebenso natur- und geschichtsgemäß zu stützen berufen ist, Raum gewänne." Und noch deutlicher (S. 32): „Schasst und gebt dem ostjüdischen Volke das nationale Lebensrecht, ohne das ihm alle anderen Rechte in wesenlosem Scheine versinken! 5) „DaS neue Deutschland", Wochenschrift Kr konservativen Fortschritt, Jahrg. 4, Nr. 1-4, 16. Oktober 1915. 6) Den Ostjuden ihr Recht. Von Dr. Nathan Birnbaum. Wien 1915. 1915. R. Löwit Verlag.

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