Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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571 Das ist schon etwas für fleischlose Tage. Eier werden wir wohl nur für ältere, kränkliche Personen und für Kinder verwenden dürfen; ihr Preis ist zu hoch. Und im Dezember, Januar, wenn die Hühner ihr Legegeschäft einschränken, werden Eier noch knapper als gegenwärtig. — Für den jüdischen Haushalt wird sich auch das Fehlen von Minichfetten, d. h. Pslanzenbutter und -Oele, recht fühlbar machen. Ebenso fehlt uns der Schmalzlieferant für den Winter: die russische Gans. Auf Geflügel, mit Ausnahme der Hühner, erstreckt sich das Fleischverbot nicht. Allein wer kann jetzt eine Gans erstehen? Ich habe mich selbst überzeugt. 1 Pfund Gänsefleisch kostet 2 Mark; 1 Pfund Gänsefett tHant) 3,75 Mark, während Gänseflomen 5 Mark das Pfund kosten. Für ausgebratenes Schmalz werden gar 10 Mark das Pfund verlangt!! Das find märchenhafte Preise; die kann sich nur leisten, wer nicht mit seinen Einnahmen zu rechnen nötig hat. Der jüdischen Hausfrau fehlen also die Pflanzenfette nicht nur, sondern auch das Gänsefett. Das Rinderfett, Kalb- und Hammelfett ist ebenso teuer wie Butter. Und ist nicht mal in ungemischtem Zustand Verwendbar. Kalbsfett, gewiß, ja, aber davon gibt es kaum etwas. Also was tun? In einem bemerkenswerten Aufsatze behandelt Prof. Dr. A. Magnus-Levy im „Berk. Tagebl." diese Frage. „Wie soll man jetzt essen?" Der Verfasser, weit entfernt, mit der sonst üblichen Schönfärberei das Publikum, gleich einem Kinde, dem man eine bittere Medizin zu geben hat und gut zuredet, zu behandeln, nimmt das Thema, wie es genommen werden muß. Er resümiert: „Es fehlt unserer Nahrung an Fett und an den konzentrierten eiweißhaltigen Nahrungsmitteln, d. h. an Fleisch und Eiern, an Milch und Milchprodukten. Reichlich stehen uns zur Verfügung: 1. Kartoffeln — unbeschränkt, 2. Zucker — reichlich, 3. zurzeit: Obst,' Aepfel, Birnen, Gemüse. Diese Nahrungsmittelgruppe enthält im wesentlichen Kohlenhydrate, d. h. Stärke und Zucker. Für das Manko an Eiweiß im Fleisch usw. haben wir keinen ausreichenden Ersatz. Nach ärztlichem Befunde kann eine starke Eiweißbeschränkung bei Gesunden wohl möglich und für den Volkskörper als Ganzes nicht gesundheitsgesährlich sein. Das Manko ist bei reichlicher Aufnahme an Zucker und Stärke teilweise ersetzbar." Jedoch bilden unsere bisherigen Gewohnheiten in der Ernährungsart hier ein Hemmnis. Das Mengenverhältnis der Nahrungsmittel, die wir statt der bisher gewohnten zu uns nehmen müssen, ist sehr merkbar. Man kann, wie die Erfahrung lehrt, Fleisch und Eier durch Fisch, Milch, Brot und Kartoffeln, durch Gemüse, Nudeln und andere Mehlspeisen auszugleichen suchen. Unser Magen wird schließlich darauf zu reagieren lernen. Bei Fleisch, Eiern, Fett hat der Magen keine besondere Anstrengung zur Verarbeitung dieser Stoffe nötig, sie sind auch nicht besonders voluminös. Bei der veränderten Ernährungsweise durch Gemüse, Kartoffeln wird den Verdauungsorganen eine 4—lüfache Arbeit zugemutet. Ein Gramm Schmalz oder Oel ist doppelt so viel wert wie ein Gramm Zucker oder Stärke. (Das Verhältnis ist 2,2 : 1.) Der Nährwert von Fleisch, Fett ist zehnmal so groß wie der des gleichen Gewichts Kartoffeln und zwanzigmal so hoch wie der der meisten Gemüse und Obstarten. 100 Gramm Schmalz enthalten tatsächlich 100 Gramm Fett und kein Wasser, 100 Gramm Zucker ebenfalls 100 Gramm Nährstoffe (jedoch vom halben Kraftgehalt). 100 Gramm Kartoffeln enthalten jedoch nur 20 Prozent Nährstoffe bei 80 Gramm Wasser. In Obst und grünem Gemüse sind nur 5—lOProzent feste Stoffe enthalten bei SO—95Prozent Wasser, ohne weitere Nährkrast. Um 50 Gramm Fett zu ersetzen, gehört die 5—6fache Menge an Marmelade oder Obstmus oder aber 300 Gramm Kartoffeln und 250 Gramm Gemüse oder Obst. In der folgenden Tabelle ist angegeben, wie groß die Menge der verschiedenen Nahrungsmittel etwa sein müßte, um die Kraftlieserung mit 50 Gramm Butter gleichwertig zu machen. Und es ist ersichtlich, welch ^roße Mengen Vegetabilien der Magen des verwöhnten Großstädters verarbeiten muß. Gleichwertig Wassergehalt 42 Gramm Schmalz oder Oel .... 0,0 % 50 „ Butter .15,0 „ 150 „ Brot .33,0 „ 180 „ Pflaumenmus ...... 60,0 „ 450 „ Kartoffeln .80,0 „ 750 „ Aepfel ..90,0 „ 1000 „ Kohlrabi.95,0 „ Es kann nur hierbei der Rat gegeben werden, die vermehrte Nahrungsaufnahme in einem Zustande dem Magen zuzuführen, der dessen Arbeitsleistung wesentlich zu erleichtern imstande ist. Kartoffeln sollen in zerkleinerter Form (Brei) un>d verschiedener Bereitung, Butter, Fett, Milch, gereicht werden. Auch mit Gemüse zusammen gekocht gibt es eine bessere Ausnutzung im Darmkanal. Dann sollten viel Kartoffelklöße, süße Speisen, Graupen, Grieß gegeben sowie die Brotkarten voll ausgenutzt werden. kriegsliterstur. Von Ludwig Geiger, vni. iefc lieber sicht ist einer ganzen Reihe ausschließlich jüdischer Schriften gewidmet. Am Anfang steht, wie billig, eine treffliche Arbeit des Altmeisters Hermann Cohens. Sehr schön wird darin die Aehnlichkeit des deutschen und jüdischen Geistes auseinandergesetzt. Ein prächtiges Wort steht S. 11: „Maimonides ist das Wahrzeichen des Protestantismus tm mittelalterlichen Judentum." Trefflich wird der Einfluß Luthers und seiner Bibelübersetzung auf die deutsche Lyrik nachgewiesen; nicht minder schön der Idealismus der deutschen Musik. Ganz ausgezeichnet ist die Würdigung Mendelssohns und die Betonung von dessen schiefer Behauptung, daß nur das Gesetz für Israel das Erbe der Offenbarung sein sollte. Cs wird dann gezeigt, wie sich bei den deutschen Juden die Predigt und die Wissenschaft des Judentums entwickelte. In den Schlußpartien des hochbedeutenden Werkchens wird die Gegenwart berührt. Es heißt (S. 3 7): „So sind wir in diesen Zeiten eines epochalen Völkerschicksals auch als Juden stolz darauf, Deutsche zu sein; denn wir werden uns der Aufgabe bewußt, die alle unsere Glaubensgenossen auf dem Erdenrunde von der religiösen Bedeutung des Deutschtums, von seiner Einwirkung, von seinem Rechtsanspruch auf die Juden aller Völker, und zwar ebenso für ihre religiöse Entwickelung wie für ihre gesamte Kulturarbeit überzeugen soll. So fühlen wir uns als deutsche Juden in dem Bewußtsein einer zentralen Kulturkraft, welche die Völker im Sinne der messianischen Menschheit zu verbinden berufen ist; wir dürfen den Vorwurf von uns abweisen, als ob es unsere geschichtliche Art wäre, die Völker und die Stämme zu zersetzen. Wenn es wieder einmal zum ernstlichen Bestreben nach internationaler Verständigung und wahrhaft begründetem Völkerfrjeden kommen wird, dann wird unser Beispiel als Vorbild dienen dürfen für die Anerkennung der deutschen Vormacht iw allen Grundlagen des Geistes- und des Seelenlebens. Und ohne diese bereitwillige Voraussetzung glauben wir nicht an -eine zureichende Unterlage für eine aufrichtige Verständigung." Noch ein anderer Satz mag hervorgehoben werden (S. 45): „Das Deutschtum muß zum Mittelpunkt eines Staatenbundes werden, der den Frieden der Welt *) Von deutscher Zukunft. 1. Stück: Deutschtum und Judentum. Von Hermann Cohen. Verlag von Alfred Töpelmann. Gießen 1915. "