Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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56Ö linfcebeutenbe, .Wenn auch rührige Masse. Ihr Ideal war dasjenige, welches in Deutschland, wo es niemals viel zu bedeuten hatte, eine Generation hinter Lilienthal zurücklag; es war die Generation der Postmendelssohnianer, eines David Friedländer, Herz Homberg, Joel Loewe, Aaron Wolfsohn, Wolf Heidenheim und noch eines Moses Philippson und Michael Creizenach, eines Zeitalters, in dem ein hebräisches Gedicht mit kunstgerecht gedrechselten Versen, die Erklärung einer schwierigen Stelle in Jbn Ezras Pentateuchkommentar, besonders die Entdeckung einer geschickt versteckten Ketzerei, und vor allem anderen die Entdeckung eines grammatischen Gesetzes als die höchste Blüte der Bildung galten. Mit diesen Männern hatte wohl Lilienthal das Ziel, aber nicht die Methode gemein. Außerdem stand er hinter ihnen darin zurück, daß sie ihr Publikum kannten und er nicht. Ein Exemplar von A. B. Lebensohns Gedichten, von I. B. Loewinsohns Apologetik „Zeugnis in Israel", von M. A. Günzburgs Uebersetzung von „Robinsohn Crusoe" und später von Abraham Mappus „Der Heuchler", in die Dachstube des Bachur in Volozhin geschmuggelt, wo es von Hand zu Hand wanderte, bis es ganz zerlesen war, konnte mehr durchsetzen als die auf die Bedürfnisse süddeutscher Juden zugeschnittenen Schulen. Das Verhältnis Lilienthals zu diesen Männern ist nicht ganz klar. Sie stellten sich zu ihm freundlich, wie aus einem Briefwechsel mit M. A. Günzburgs) zu ersehen ist, denn sie erwarteten von seinem Einflüsse Regierungsanstellungen; andererseits war ihnen sein Versuch, sich mit den Rabbinern des alten Schlages auf guten Fuß zu stellen, nicht sympathisch. Die Vertreter der hebräischen Renaissance standen den Talmudisten so feindlich gegenüber wie David Friedländer, Herz Homberg und noch I. M. Jost. Diese Stimmung sehen wir in Benjamin Mandelstamms „Chazon la-Moed", Wien, 187733). Hingegen ist es kaum denkbar, daß diese Männer ein Recht gehabt haben sollten, ihn für den Erlaß judenfeindlicher Gesetze verantwortlich zu machen33) oder gar, wie Henry Gersoni34) ihm die Kenntnis der Absicht, ein Einverständnis mit der rusfischen Regierung zum Zwecke der Bekehrung der Juden zum Christentum zuzuschreiben. Gersoni (1844—1897), der selbst sukzessive der griechisch-katholischen und der anglikanischen Kirche angehört hatte und dann in Amerika Rabbiner wurde,33) ist sicherlich nicht der Mann, dem man eine solche Ungeheuerlichkeit Nachreden dürfte. Ueberdies hat Marcus Jastrow ihr auf Grund der ihm von Ch. S. Slonimsky gewordenen Mitteilungen ausdrücklich widersprochen33). Pauline Wengeroff, die sich seiner als Kind erinnert, erzählt mit großem Enthusiasmus von dem Eindrücke, den sein Besuch in Brest-Litowsk hervorgerufen hat,37) und Leon Trachtenberg, der langjährige Korrespondent der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", spricht von ihm mit hoher Achtung33). Zum Schlüsse mag noch eine interessante Anekdote erwähnt werden, weil sie ein ganz vorzügliches Beispiel der Wanderanekdote bietet und in der Kritik talmudifcher Geschichtsquellen gegen die Halävy-Schule verwertet werden kann. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" erzählt, daß Lilienthal einmal mit dem katholischen Erzbischof von Cincinnati, Purcell, bei Tische zusammen war. Der Erzbischof offerierte ihm Schinken und 3h „Ost und West", X, S. 377 bis 382. 1910. **) Jewish Enchclopedia, VIII, S. 289. „Der Israelit" 1908, Nr. 22. 33) „Independent", New Jork, 20. Februar und 12. März 1896: The Renaissance among the Russian Jevvs. 34) „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1876, S. 210. 3H Jewish Enchclopedia, V, S. 641. M) „American Hebrew", 10. April 1896. 87) Memoiren, I, 118 et seq. 38j „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1900, Nr. 10. Lilienthal erwiderte prompt: Davon will ich auf Ihrer Hochzest essen, Herr Erzbischof33). Die Anekdote war wohl eine anderen Zeitung entnommen, und man hatte vergessen, daß die „Allgemeine Zeitung" selbst schon mehrere Jahre zuvor dieselbe Geschichte ohne Nennung eines Namens von einem Rabbiner und einem Bischof erzählt hatte43). Der englische Schauspieler Sir Squire Bancroft erzählt sie dann als ein Ereignis, das sich zwischen dem englischen Chief Rabbi Adler und einem nicht näher bezeichneten Kardinal zugetragen habe44). Ohne Nennung eines Namens als eine Affäre, die sich zwischen einem Rabbi und einem Priester in Philadelphia zugetragen habe, erzählt sie die „Wiener Nationalzeitung"43), während nach dem Tode des letzten Erzbischofs von Philadelphia, Ryan, die Personen wieder deutlicher hervortreten und in dem Rabbiner Krauskopf und dem verstorbenen Erzbischof repräsentiert werden.43) Im Falle Krauskopfs könnte nachgewiesen werden, daß die Geschichte schon in der Zeitung gedruckt war, als er ein achtjähriger Knabe war; im Falle Lilienthäls ließe es sich geschichtlich erweisen, daß tatsächlich einmal der Vorstand seiner Gemeinde Aufklärung darüber verlangte, ob ein Gerücht, daß er die Speisegesetze überireten habe, wahr sei. Heute würde so etwas nicht Vorkommen, obwohl bei dem Genüsse des Schweinefleisches das altjüdische Gewissen noch immer rege ist. Ja, wenn man die Anekdoten von Hillel aus alten Zeitungsberichten nachprüsen könnte! Halovys Bewunderer, die neulich erst44) die unfehlbare Wissenschaftlichkeit des großen Meisters gegenüber den Dilettanten Frankel, Graetz und I. H. Weiß festgestellt haben, hätten einen schweren Stand. Vtzeprälldriil Dr. Gultao Lohn. Worte des Gedächtnisses von Dr. Heinrich Schreiber. 3 m Frühjahr, zu Pessach, haben wir seinen sünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert; im Herbst daraus, kaum daß die Sukkoth abgeräumt ist und der rauhe Wind den Blätterschmuck zu Boden wirbelt, ist mit Dr. Gustav Köhn eine Zier der Wiener Judengemeinde entlaubt worden. Leicht, allzu leicht verfehlen wir Menschen den natürlichen Maßstab der Dinge; wir greifen daneben und darüber. Und so haben wir, verführt durch das glückliche Vorbild des älteren lebensfrischen Präsidenten unserer Gemeinde, geglaubt, daß auch die Kraft des fünfundsiebzigjährigen Vizepräsidenten noch auf Jahre hinaus reichen lind unverbraucht für die Wohlfahrt der Gemeinde schassen werde. Sein jugendliches Gehaben, sein arbeitsfroher, nimmermüder Geist hat uns darin bestärkt, und gerade in der letzten Zeit hat er Uebermenschliches geleistet. Der Krieg hatte eine gewaltige Arbeitslast auf seine Schultern gelegt, da es galt, mehr denn je dem Leid, Elend und Ungenrach zu steuern, welche das große Weltgeschehen über tausend und aber tausend unglückliche Glaubensgenossen verhängt hat, daneben die Fülle der laufenden Agenden zu ordnen, die Obsorge für die unversehrte Fortführung der Gemeindeangelegenheiten, die durch mancherlei Lücken in den Reihen der zu den Waffen gerufenen Bestellten unsäglich erschwert ist. Dr. Gustav Kohn stand mit wundervoller Tatkraft an seinem Platze; er war seither mehr noch wie zuvor überall; er hat seiner Gesundheit nicht geachtet, hat die sonst gewohnte, an den Quellen des Sprudcks gesuchte Erholung gemieden, ist ganz in dem Dienst seiner werktätigen 39) „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1876, S. 407. 4°) „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1867, S. 80. u) The Bancrofts. Recollections ol Sixty Years, 1909. 43) 1912, Nr. 22. 43) „Philadelphia Preß", 11. Juni 1915; nachgedruckt fet vielen jüdischen Zeitungen Amerikas. 44) „Der Israelit", Nr. 38. .; .