Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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568 5 0 0 0 0 0 Mar k, «die das jüdisch-amerikanische Hilfskomitee aufgebracht hat, an ein aus Vertretern der zionistischen und der chasidischen Richtung zusammengesetztes Komitee eingetroffen. Diese Summe wird dein schlimmsten Elend wenigstens eine vorläufige Linderung schaffen können. * Endlich lassen wir die nachstehende Notiz abdrucken, die sehr bestimmt auftritt, freilich mit den uns gewordenen Informationen nicht übereinstimmt: Die jüdischen Soldaten i nt deutschen Heere. Nach Aufführung in der „Jüdischen Dolkszeitung" in Breslau erhielten bis Anfang November dieses Jahres das Eiserne Kreuz erster Klasse 28, das Eiserne zweiter Klaffe 4766 jüdische Soldaten. Andere militärische Auszeichnungen erwarben sich 589 Juden. Zu preußischen Offizieren wurden 483, zu bayerischen Offizieren 176, zu württembergischen 21 und zu sächsischen 21 befördert. — 2070 starben den Heldentod fürs Vaterland. Insgesamt wurden über 8000 gefallene, verwundete und ausgezeichnete jüdische Soldaten mit Namen und Daten aufgeführt. Max Lilirnthal (1815 - 1882). Zum hundertsten Geburtstag seiner Geburt. Von Gotthard Deutsch. ' (Schluß.) an konnte damals mit drei Parteien in Rußland rechnen. Zunächst waren die Talmudisten der alten Schule, deren Judentum in korrekter prosaischer Erfüllung der rituellen Pflichten und in eifrigem Studium der rabbinischen Literatur bestand, zu berücksichtigen. Sie mochten in gewissem Maße das Judentum vorstellen, das in Lilienthals Heimat ein halbes Jahrhundert vor seiner Geburt geherrscht hatte und etwa in Meschullam Zalman Kohen, dem letzten Fürther Rabbiner der alten Schule (1740-- 1820), seinen Vertreter hatte. Dieses Judentum hatte seinen Vertreter in Reb Jtzele von Volozhin, der die Jeschibah von seinem Vater Chajim ererbt hatte, der seinerseits als Schüler Eliah Wilnas das typische litauische Judentum repräsentierte, das sowohl gegen den Mendelssohnschen Geist des Westens als auch gegen den überspannten exzentrischen Mystizismus des Südens Opposition machte. Eliah Wilna (1720—1797) und Ezechiel Landau (1713—1793) waren die entschiedensten Vertreter dieser Richtung. Dieser Klasse konnte ein junger deutscher Gelehrter nicht imponieren, der nicht sofort, wenn man ihn nach der Erklärung Rabbenu Nissims oder Samuel Edels oder Maharam Schiffs über die Abschließung eines Kaufvertrages durch die Uebergabe der Kaufsumme (Baba Mezia, 48, b) fragte, die Antwort aus dem Gedächtnisse geben oder nicht augenblicklich eine so wichtige Gewissensfrage, wie die eines „gesäuerten" Topfdeckels amPessachfeste auf einen „ungesäuerten" Topf gelegt, nach „Schach" und „Bach" und „Ture Zahab" aus dem Gedächtnisse entscheiden konnte sOrach Chajim, 451, 14). Daß er ein Doktor war. ob der Philosophie oder Philologie oder Physiologie, konnte die Sache nur schlimmer machen, denn wenn er ein Doktor ist, sagt ein moderner jiddischer Humorist in einem solchen Falle, „känn er a Kränk". Die Sachlage wird klarer, wenn wir wissen, daß Reb Jtzeles Schwiegersohn, Hirsch Loeb, oder wie er mit dem offiziellen Namen hieß, Naphtali Zebi Jehudah Berlin (1817 bis 1893), den Lilienthal bei seinem Besuche in Volozhin kennen lernte, noch vierzig Jahre später in einem Briefe an Alexander Zederbaum sagt: „So wie Nahrungsmittel, die an und für sich unschädlich sind, das Opferfleisch durch Berührung verunreinigen, so muß auch weltliche Bildung, obwohl nichts Ketzerisches in ihr sein mag, die Heiligkeit der talmudischen Lehre beeinträchtigen"^). Auch nach -dem Tode Rabbi Hirsch Loebs war es auf der Jeschibah in Volozhin verboten, Zeitungen und nichtrabbinische Bücher, selbst in hebräischer Sprache, zu lefen22). Der Direktor der in ähnlichem Geiste geleiteten Jeschibah in Telzi, Eliezer Gordon (gestorben in London 13. Februar 1910), verbot seinen Jüngern sogar, die Bibel zu lesen, weil solche Lektüre zum Modernismus führt22). Als Ezechiel Lipschütz zum Rabbiner von Kowno gewählt werden sollte, wurde von den hervorragendsten Rabbinern der alten -Schule eine Agitation gegen ihn eingeleitet, weil er weltliche Bildung besaß. Der Führer der Gegenpartei, Rabbi David Friedmann von Karlin (gestorben 17. Februar 1915), sagte nach dem Berichte des New Yorker „Morgen-Journal* 2'): „Er geht nit gegen dem oder jenem Row. Dos is aber bei ihm a Prinzip. Der Row tor nit sein vun die heitige neigebildete. Worum? Dann kumt a Sof zu die Rabones. Oib in heitigen Dor gefinnen sich noch Rabonim gebildete wos es schobt noch seier Rabones nit, wet awekgehn noch a Dor un die Amrazus wet kenigen, un Rabonim mit Bildung nor ohn Toireh welen jarschenen dem Kiste Horabones." Rabbi Lipschütz zog es auch vor, die Stelle nicht anzunehmen. Konnte Lilienthal mit diesem Schlage nicht fertig werden, so wurde seine Wirksamkeit von der chafidischen Partei als eine systematische Verführung zur Apostasie betrachtet. Es ist in neuester Zeit Mode geworden, mit dem Chasidismus zu kokettieren. Während in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die freigerichteten Geister, wie Josef Perl in seinem „Meaalleh Temirin"22) und Isaak Erter in seinem „Hazofeh"22), die Geißel ihrer -Satire gegen diese rohe Versinnlichung des religiösen Gedankens schwangen, hat man in neuerer Zeit aus einem gewissen antimodernen Sentiment, dem Kulturzionismus, heraus, im Chasidismus mystische Poesie gesehen22). S. I. Horowitz hat in einer sehr methodischen Arbeit über das Verhältnis des Chasidismus zur rabbinischen Orthodoxie22) diese Illusion gründlich zerstört, doch ist sie selbst bei dem entschieden rationalistischen und antinationalistischen David Philipson noch ein historisches Dogma, denn er schreibt dem Gründer der Sekte, Israel Bescht, edle und reine Motive zu, die erst von seinen Nachfolgern zu einem Zerrbilde wurden22). Bildungsfeindlichkeit war natürlich bei den Chasidim ein Glaubensartikel. Wenn Mendel Schneiersohn zu der Konferenz kam, so tat er es ebenso wie Reb Jtzele, weil er dem Gebote des Kaisers nicht zu widersprechen wagte. Man wußte ja übrigens, daß man sich mit der Polizei wohl abfinden könne, und das gelana auch. Man schickte die Kinder nicht zur Schule, bezahlte die Lehrer, damit ste die Sacke nicht zur Anzeige brächten. Kam ein Inspektor, so waren die Kinder verreist oder krank, die Bücher, die zum Unterricht vorgeschrieben waren, bei dem letzten Brande untergegangen, und in Volozhin suchte man die hoffnungslosesten Schwachköpfe heraus, um aus ihnen eine Klasse zum Studium der russischen Sprache zu bilden, die gerade Unterricht hatte, wenn der Herr Inspektor kam, während die anderen gerade mit dem Talmud beschäftigt waren22). Die eimigen, die mit Lilienthals Arbeit sympathisierten waren die Aufklärer, die „Maskilim", damals noch eine an Zah 21) „Hameliz" 1885, Nr. 9. — Moses Reines: „Dor va-Chakamaw" HI, S. 11. 22) „Jiddisches Tageblatt", New York, 6. August 1912. 22) „Fraind" 1908, Nr. 135. 2') 3. April 1913. 25) Wien. 1819. 2°) Als Sammlung erschienen, ebendort 1858. -r) Martin Buber: „Die Geschichten vom Rabbi Nachman". Frau:' furt a. M. 1906. 2S) Ha-Eschkol, VI, S. 41 bis 58. Krakau 1909. 22) Philipson: „Max Lilienthal", S. 12. 2") „Hazefirah" 1903, Nr. 227-