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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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567 englischenParlament, in welchem sowohl imLberals imUnterhause die Abgeordneten den Ministern die furchtbarsten Wahrheiten sagen, sie der gänzlichen Unfähigkeit, Pflichtvergessenheit, Unklarheit über die einzuschlagenden Wege und Unsicherheit über das zn erreichende Ziel anklagen, sich aber hüten, den Frieden zu fordern, und wenn sie von Frieden reden, als Vorbedingung dafür die Niederwerfung Deutschlands heischen, hat einer der Abgeordneten diejenigen für naiv erklärt, welche die Dauer des Krieges nicht mindestens für sechs Jahre annehmen. Wäre diese Annahme richtig, so wäre ihre Folge eine völlige Erschöpfung von ganz Europa. Freilich ist es mit Deutschland gut bestellt; offiziöse Erklärungen haben uns darüber beruhigt, daß auch innerhalb vieler Jahre ein Mangel an Munition, ein Fehlen von Rohstoffen, besonders der unentbehrlichen Baumwolle, nicht eintreten kann; aber wie wird es möglich sein, bei der immer drückender werdenden Teuerung, bei der übermäßigen Anspannung aller Kräfte, bei dem ungeheuren Verbrauch an Menschen, diese entsetzlichen Leiden auszuhalten? Auch der größte Heroismus kennt seine Grenzen. Wir waren am Anfang des Krieges überzeugt, daß Deutschland siegen müsse, wir wollen von dieser Ueberzeugung nicht lassen; aber die ganz unerwartet übermäßige Darier des in der Weltgeschichte noch nie dagewesenen Ringens fast aller Nationen erschöpft die Kräfte dermaßen, daß auch das unentwegteste Vertrauen einigermaßen erschüttert wird. Aber wir dürfen nicht wanken und weichen. Das Gerede davon, daß die Feinde für die Kultur und für die Freiheit streiten, läßt uns kalt. Wir sind felsenfest davon überzeugt, daß nicht wir die Barbaren sind, daß nicht wir diesen frevelhaften Krieg heraufbeschworen haben, daß wir vielmehr die Angegriffenen sind, und daß wir die gerechte Sache verteidigen. Freilich sind wir durch den Gang der Weltgeschichte genugsam belehrt, daß nicht immer die Gerechtigkeit triumphiert, daß häufig genug die Ungerechtigkeit den Sieg davonträgt, wenn sie über einen stärkeren Arm gebietet; diesmal aber sind wir von der frohen Ueberzeugung getragen, daß auf unserer Seite Gerechtigkeit mit Stärke gepaart steht, und daß wir der Welt unseren Willen, der diesmal eins ist mit dem Triumph des Rechtes, rufzwingen werden und müssen. Nicht bloß der Bestand unserer Nation, sondern, wie wir meinen, die Existenz der ganzen Welt längt davon ab. Wir können es allerdings wohl begreifen, daß die anderen Völker trotz aller ihrer Verluste an Land und Leuten, an Geld rnd Waffen ihre Sache noch nicht verloren geben. Man hört ron Zusammenkünften englischer und französischer Diplomaten ind Heerführer in Paris, Zusammenkünften, bei denen man mch Vertreter Italiens und Rußlands erwartet. Es verlautet, 'aß in diesen Vereinigungen der Plan einer großen allgemeinen Offensive festgestellt worden ist. Gegen Ende November soll nefer große Angriff losgehen. Wir müssen, wenn auch nicht hne Bangigkeit, so doch ungebeugten Mutes die kommenden reignisse abwarten, aber nichts kann in uns die frohe Zuersicht erschüttern, daß, wie schon so oft, in Flandern, in lordfrankreich, in den Vogesen und an der italienischen Grenze > lle diese neuen Anstrengungen an dem ehernen Wall unserer ' eggewohnten Truppen zerschellen werden. Unsere Helden, für ie wir kein Wort finden können/ das würdig ist, ihre Entrgnng, ihr Ertragen der ungeheuersten Anstrengungen aus- ' «drücken, werden — des sind wir sicher — auch von neuem > >re unvergleichliche Kraft bewähren. Wird nun aber dieser i eue Ansturin wirklich der letzte sein? Wird endlich bei unseren Gegnern die Ueberzeugung däinmern, daß wir unbesieglich sind? i ie Friedenssehnsucht ist gewiß bei unseren Gegnern ebenso ckgemein wie in vielen deutschen Kreisen; aber werden sie sich endlich zu der Überzeugung aufraffen, daß sie nichts vermögen? In Amerika ist es ziemlich still geworden. Von neuen Differenzen hat man nichts gehört; der Zwischenfall, der darin bestand, daß sich auf einem torpedierten italienischen Schiffe auch einige Amerikaner befanden, die mit vielen anderen den Tod gefunden haben, hat bisher zu keinen Weiterungen geführt. Amerikas Handelstätigkeit wird durch England immer weiter eingeschränkt; jetzt ist auch der Paketverkehr mit Deutschland unmöglich gewordeü, doch scheint das Aufhören dieses Verkehrs keine Vergeltungsmaßregel der Vereinigten Staaten, sondern eine Folge des widerrechtlichen Verfahrens Englands zu sein. Auch hier hilft kein Klagen, sondern das traurige Muß des Wartens ist die einzige Losung, die wir auszugeben vermögen. Die „Frankfurter Zeitung" bringt folgenden Bericht aus Jerusalem: Die Blätter der Entente und ganz besonders die englischen Zeitungen geben sich seit Ausbruch des Krieges die größte Mühe, um tendenziöse Nachrichten über die Lage der Juden in Palästina zu verbreiten. Der Z>veck ist durchsichtig. Einerseits null man bei den amerikanischen und europäischen Inden den Glauben erwecken, als seien die in der Türkei und hauptsächlich in Palästina lebenden gerben allerlei Erpressungen seitens der türkischen Regierung ausgesetzt. Hauptsächlich wird es sich aber bei den Engländern unr ein politisches Manöver handeln, durch «velches vorgespiegelt werden soll, daß einem jüdischen Palästina unter den« Schutze der Triplcentente, deren Progrianuu bekanntlich noch vor dein Eintritt der Türkei in den Krieg die Verteilung Syriens und Palästinas umfaßt hat, eine bessere Zukunft bevorstehc. Die türkische Botschaft in Berlin erachtete es deshalb für zeitgemäß, auf das entschiedenste diese und auch die in der englischen Presse verbreiteten falschen Nachrichten über die heiligen Stätten des Christentums, wonach Klöster, Schulen nnd Gebethäuser in Kasernen umgewandelt sein sollen und Schießübungen gegen den Oelberg in Jerusalem abgehalten werden, zn dementieren. An der ganzen Sache ist bloß so viel «vahr, daß die Juden Palästinas ebenso wie die übrige muselmanische und christliche Bevölkerung des Reiches mit patriotischem Sinn f r e i >v i l l i g verschiedene Schulgebäude zu Hospitälern umgewandelt haben. Es ist allgemein bekannt, daß die Juden in der Türkei unter ottomanischem Schutz volle bürgerliche Gleichberechtigung genießen. Aber gerade in diesen« Kriege hat die ottomanische Regierung durch «virklich hochherzige Einzelverfügungen das «värinste Wohlivollcn auch für die palästinensische Jndenheit bekundet. Die eine Tatsache allein, daß eiwa 20 000 russische Untertanen in schwerer Schicksalsstunde ohne erhebliche Formalitäten das türkische Staatsbürgerrecht erwerben und in der ihnen lieb gewordenen zweiten Heimat ungehindert verbleiben konnten, bildet einen historisch denkivürdigen Akt, dessen politische Tragweite zurzeit gar nicht abschätzbar ist. Was würden auch diese 20 000 russische Untertanen gemacht haben, «vcnn ihnen nach bekaimtcnr Vorbilde der Befehl erteilt worden wäre, daß sic innerhalb 2t Stunden in ihre „Heimat" znrückkehren müßten! Tie ottomanische Regier«,ng hat verfügt, daß die neu aiifgenommenen russischen Inden auch von der Entrichtung der üblichen EinbürgevnngSgebühren dispensiert sein sollen. * Die „Reichspost" in Wien läßt sich telegraphieren: Der heilige S h n o d gegen die Ernennung von jüdischen Offizieren. B u k a r e st, 10. November. Dem russischen Blatt „U t r o R o s s i j a" zufolge hat der heilige Synod in Beantwortung der Anfrage des russischen Kriegsministers, ob man vom religiösen Standpunkt Juden zn Offizieren ernennen könne, sich gegen eine solche Ernennung ausgesprochen. * Die „National-Zeitung" berichtet: Eine Hilfsaktion amerikanischer Juden für Polen. Die große Not, unter der die jüdische Bevölkerung inPolen leidet, hat zu einer großen Hilfsaktion jüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten geführt. Wie den „Jüdischen Nachrichten" aus Warschau berichtet wird, sind soeben

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