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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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566 Judentum innerlich immer mehr zu heben. Die ungeheueren Menschenreservoire des Ostens gießen, falls sie nicht daran gehindert werden, Jahr für Jahr ihre Massen nach dem Westen aus. Wir wollen unsere jüdischen Glaubensgenossen des Ostens, die vielleicht durch diesen Krieg zu Deutschland in engere Beziehungen treten, in jeder Weise zu heben suchen, ihre Entwicklung, wo es immer geht, unterstützen und fördern, aber wir wollen und müssen auch zwischen ihnen und uns eine Scheidelinie errichten, wollen wir nicht das deutsche Judentum auf das empfindlichste schädigen. Sie in die Gemeinschaft des deutschen Judentums aufnehmen, hieße das Judentum zu einem undeutschen machen, und auf dem „deutsch" liegt der Schwerpunkt und soll er liegen. Schwere Probleme birgt die Judenfrage des Ostens in sich; wenn wir ihre Lösung versuchen, so müssen wir immer in erster Linie unser deutsches Judentum in den Vordergrund treten lassen, wollen wir keinen Selbstmord an unserer Art begehen. Die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes, für das unzählige deutscher Juden ihr Blut in diesem heiligsten aller Kriege geopfert haben und viele noch opfern werden, diese Grenzen sind für uns auch innerliche. Ueber sie wollen wir nicht hinausschielen nach den Juden anderer Länder. Mag der jüdische Franzose Franzose sein, der jüdische Engländer Engländer, wie wir eben Deutsche und nur Deutsche sind. Mit jenen verbindet uns kein Band mehr und darf uns nie mehr eins verbinden. Was jetzt unter dem Zwang der Verhältnisse eingetreten ist, es muß auch bleiben, wenn die Landesgrenzen sich einmal für den Weltverkehr wieder öffnen werden. Aus das energischste müssen wir von allen denen abweichen, die ihre Staatsangehörigkeit wechseln, bloß vielleicht, weil sie glauben, daß sie in einem anderen Lande besser und schneller zu Gelbe kommen. Verräter am Vaterlande sind sie und Verräter am Judentum, gegen dessen heiligste Grundsätze sie handeln. Zwischen ihnen und uns ist das Tafeltnch auf ewige Zeiten zerschnitten. Die bangste Frage, die uns hier draußen oft beschleicht, ist die: „Wird der Antisemitismus nach dem Kriege wiederkommen?" Augenblicklich herrscht Burgfriede im deutschen Land, und soweit man es von hier aus verfolgen kann, wird er ehrlich gehalten. Was wird aber nachher? Im Kampfe mit dem Feinde haben sich deutsche Juden das Portepee des Offiziers erworben, haben mit Stolz das schwarzweiße Band an die Brust heften dürfen! Welch größeren Schmerz könnte es für all diese Helden geben, wenn der alte Haß wieder aufslammte? Wie oft mag dieser Wunsch aus dem Biwakzelt, aus dem Unterstand zum Himmel emporgestiegen sein bei all denen, die ihren Glauben wie ihr Vaterland lieben? Wird er in Erfüllung gehen? Keiner kann es heute sagen! Ob es der Fall sein wird, wird weniger von denen abhängen, die im Kampf stehen als von denen, die zu Hause geblieben sind. Die Not des Vaterlandes heißt es zu der eigenen machen, es heißt die Hände rein halten von allem Unlauteren, persönliches Wohl hinter dem der Allgemeinheit zurückstellen! Wer durch die Not des Vaterlandes sich bereichert, ist nicht wert, ein Deutscher genannt zu werden! Mag er hinterher auch die größten Summen für vaterländische Zwecke opfern, das wäscht den Makel nicht ab, der an ihm hasten bleibt. Das Vergehen des einzelnen wird der Gesamtheit zum Vorwurf gemacht, die dafür büßen muß. Nur rastloses Arbeiten an unserer Vervollkommnung kann uns jenem Ziele näher führen. Wer rastet, der rostet! Bescheiden im Hintergrund bleiben, die Stimme nur dann erheben, wenn es etwas zu sägen gilt, nicht auf die Macht des Geldes pochen: das mögen die Leitsätze für das deutsche Judentum der Zukunft sein. Dann wird auch der alte Haß auf ewig verstummen. Die Woche. ' Berlin, den 23. November 1915. nsere diesmalige Uebersicht kann kurz sein: An der Kriegslage hat sich wenig geändert. Noch ist das Schicksal Serbiens nicht entschieden. Trotz aller Unbilden der Witterung: Schnee und Regen, und trotz der furchtbaren Schwierigkeiten, die das Terrain bietet, schreiten die deutschen, österreichisch-ungarischen und bulgarischen Truppen, welch letztere auf 500 000 Mann gebracht sein sollen, immer weiter vor. Das ist der Unterschied zwischen uns wnd unseren Verbündeten einer- und unseren Gegnern anderseits. Bei den letzteren, insbesondere den Italienern, macht das Wetter ein Abflauen oder Aufhören der Operationen nötig, bei uns werden die Schwierigkeiten einfach konstatiert, aber der unerschütterliche Heldenmut der Truppen bleibt bestehen und überwindet alle Mühseligkeiten. Die erlangte Beute an Mannschaften und Material wird immer größer, die Serben sind auf einen ganz kleinen Teil ihres Besitzes beschränkt; man spricht davon, daß ihre einzige Rettung ist, entweder sich nach Albanien zurückzuziehen, wo sie entweder unfreundlich ausgenommen werden oder gar den Aufstand der Albanier zu gewärtigen haben, oder nach Montenegro, dem an Hilfsmitteln entblößten, ausgehungerten Lande, wo sie schließlich dem Hungertode preisgegeben sein dürften. Auch Monastir, die letzte größere Stadt der Serben, ist bedroht. Man redet davon, daß sie bald in unsere Hände oder in die Gewalt der uns verbündeten Bulgaren geraten wird. Auch lauten die Nachrichten dahin, daß die französischen Truppen, auf welche die Serben noch immer ihre letzte verzweifelte Hoffnung setzen, bald eingeschlossen werden oder schon eingeschlvssen sind, so daß also von hier kein Entsatz für das unglückliche Volk kommen kann. Unterdessen setzen die Ententemächte ihre Bemühungen an Griechenland fort. Aus dem Werben und Locken, wie es früher üblich war, ist mm ein Drohen geworden. Es kommt alles darauf an, ob Griechenland, d. h. der König Konstantin, der eine uns sympathische souveräne Politik treibt, jedenfalls das Heer hinter sich hat und unseren Feinden nicht den Gefallen tun will, ein parlamentarisches System zu befolgen, festbleiben wird oder kann. Venizelos und seine Partei scheinen auf einen offenen Widerstand in Griechenland zu verzichten, denn man spricht davon, daß sie sich bei den künftigen Wahlen nicht beteiligen wollen. Es ist davon die Rede, daß sie entschlossen sind, einen Aufstand in Kreta zu proklamieren und diese Insel von Griechenland loszulösen. Griechenland selbst soll durch eine Blockade genötigt werden, die Ententemächte in sein Land zu lassen. In I ta l i e n hat die Offensive an Entschiedenheit verloren. Die Italiener, die, wie ihre Bundesgenossen, den Oesterreichern (denn offiziell sind wir Deutsche an diesem Feldzuge gegen Italien nicht beteiligt) als Verbrechen anrechnen, daß sie durch Luftschiffe Festungen oder befestigte Städte beschießen, haben mit unerhörter Ruchlosigkeit G ö r z, die offene Stadt, erheblich verletzt, wenn nicht geradezu zusammengeschossen — die österreichischen Luftschiffe haben mit einem erfolgreichen Angriff auf Verona, Brescia und Belluno geantwortet. Gewiß ist es uns schmerzlich, wenn wir hören, daß diesen alten Kulturstätten, an die sich für so manche liebe Erinnerungen und der Gedanke an wunderbare Kunstdenkmäler knüpfen, verletzt werden, aber anders geht es nun einmal nicht in diesem unheilvollen Kriege. Was soll nun werden? Ist wirklich, wie so manche Politiker sagen, die Entscheidung vom Westen nach dem Osten verlegt? Der ägyptische Plan, die Bedrohung der Landenge von S n e z, taucht immer wieder auf. _JBo und wann wird die Entscheidung fallen? Vor dem Wann bangt uns noch mehr als vor dem Wo. In dem

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