Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 48 Berlin, 26. November 1915 Allgemeine eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-^)reis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. - Postscheckkonto 32*. Vegrun-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk üilosse» SerUn» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion «nd Expedition find an die Adreffe: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Zukunstsfragen des deutschen Judentums. Von Dr. Willy Cohn, zurzeit im Felde. — Die Woche. — Max Lilienthal (1815—1882). Zum hundertsten Geburtstag seiner Geburt. Von Gotthard Deutsch. — Vizepräsident Dr. Gustav Kohn. Worte des Gedächtnisses von Dr. Heinrich Schreiber. — Die fleischlosen und die fettarmen Tage. Von Fanny Cohn. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Zwischen Vater und Sohn. Erzählung von Regina Reißer. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Görlitz, Hamburg, Leipzig, Essen, Frankfurt a. M., Diez a. d. Lahn, Wien, Sofia. — Von Rah und Fern. Lulmnttskrssen des deutschen Judentums. Von Dr. Willy Cohn, zurzeit im Felde. Es gibt wohl keine Frage, die für den, der jetzt ein Jahr in Feindesland weilt, nicht ein anderes Aussehen bekommen hätte, und nur ganz verhärtete Menschen werden sich dem Einfluß dieser großen Zeit entziehen können. So haben auch die Probleme des deutschen Judentums für den Soldaten ein ganz anderes Bild gewonnen als für den Zivilisten. Dem, der schon vorher auf dem Standpunkt des deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens stand, hat sich dieser Standpunkt geweitet und gefestet. Nun haben wir schon ein Jahr mit unseren christlichen Kameraden Leid und Freud geteilt, sind mit ihnen aufs innigste zusammengewachsen, haben in ihr Seelenleben ein tiefen Blick tun dürfen, wie sie in >das unsere. — Was ist da natürlicher, als daß ein gründliches Sichverstehen die Folge war? Bon Tag zu Tag wächst die Erkenntnis, daß nur durch ein regeres Verstehen auch für die Zukunst Mißverständnisse beseitigt werden können. Der Bauer, der sonst vielleicht den Juden nur als Pferdehändler kennengelernt hat, gewinnt jetzt im Kriege Vertrauen zu jüdischen Kameraden, die auch andere Jnteresieu haben, als möglichst viel Geld zu verdienen, und die mit demselben Opfermut alle Strapazen ertragen wie er selbst. Der Offizier, der im Frieden nur mit Juden in Berührung kam, wenn er Geld brauchte, er lernte Charaktere kennen, die voll höchsten Idealismus sind, und er wird wohl in Zukunft mit abfälligen Urteilen über Juden und Judentum vorsichtiger sein und von Fall zu Fall seine Meinung bilden. Und schon das ist viel wert. Gerade unter diesen Sammelurteilen hat unsere Gemeinschaft am.meisten gelitten. Wer einmal einen Juden kennengelernt hatte, der seiner Art nicht entsprach, übertrug dies auf das Judentum, und so wurde aus dem Urteil ein Vorurteil. Wir wissen ganz genau, daß es in unserer Gemeinschaft eine Reihe von Elementen gibt, die wir gern entbehren möchten oder die wir zum mindesten anders sehen möchten, als sie sind. Darum wollen wir auch nicht alles und jedes loben, was in unserer Mtte vorgeht. Gerade auch dieser Krieg hat uns auf manche unserer Fehler aufmerksam gemacht, an deren Beseitigung wir zum Helle des Judentums arbeiten wollen. Nicht immer finden die erhabenen Grundsätze unserer Religion auch Männer, die sie verstehen und nach ihrem Geiste leben. Es liegt nicht in dem Wesen unseres Glaubens, uns selbst in den Himmel zu heben, wie ich das oft vor dem Kriege habe beobachten können. In der eigenen Brust, in der eigenen Seele heißt es nachforschen, ehe man die Schuld anderen gibt. Wenn wir von unseren christlichen Mitbürgern Verständnis unserer Art fordern, dann müssen wir auch ihrer Art größeres Verständnis entgegenbringen. Die Mehrzahl der deutschen Juden lebt, wie es einmal durch die Entwicklung von Jahrhunderten geworden ist, in den Städten und geht hier in ihrer großen Maste dem Kaufmannsberufe nach. Für die meisten Juden ist der Bewohner des platten Landes ein Mann aus einer anderen Welt. Sein Jdeenkreis ist nicht der seine. Wollen wir noch tiefer als bisher im deutschen Wesen wurzeln, wollen wir uns Bodenständigkeit in des Wortes bester Bedeutung erwerben, so lasten wir unsere Söhne deutsche Bauern werden, lasten wir sie wurzeln in der Scholle, aus der uns immer wieder neue Jugendkvaft erwächst. Und dies nicht bloß auf eine Generation hinaus, sondern auf viele. Was der Vater ist, soll auch der Sohn werden. In unserem Glauben spielt die Tradition eine so bedeutende Rolle, lasten wir diese Tradition auch ins Leben hinübergreifen. Nur wer absichtlich die Dinge verkennen will, kann leugnen, daß dem Judentum der Gegenwart etwas Unstetes anhaftet, daß es beweglich sich stets veränderten Verhältnissen anpaffen kann. Darin liegt gewiß ein großer Vorzug, aber auch ein großer Nachteil. Die Wurzel geht hierbei leicht verloren. Das Heimatsgefühl weiß nicht mehr, wo es haften soll. Und die Heimat ist alles, das wissen wir am besten, die wir sie nun ein Jahr entbehren wüsten. Der Zug, der im Judentum von Ost nach West geht, gereicht ihm nicht zum Glück. Der Durchschnittsjude des Ostens steht nicht auf dem Kulturstandpunkt des westlichen Juden. Kommt nun der Ostjude rasch zu Geld, so sucht er die Metropolen des Reiches und des Westens auf, ohne innerlich sich schon zu einem Vollkulturmenschen entwickelt zu haben, denn diese Entwickelung kann sich nur durch Generationen langsam vollziehen. Durch sein Geld nun nimmt er in jenen Orten eine bedeutsame Stellung ein, setzt aber die Gesamtentwickelung herab. Es ist dasselbe Problem, das Georg Hermann in „Jettchen Gebert" zur Darstellung gebracht hat. In die alt-jüdische Patrizierfamilie kommt der Jüngling aus dem Osten, der nur Geldmensch ist. und indem er das arme, aber hochstehende Jettchen heiratet, zieht er ihre Familie zu sich herab. Hier heißt es einen Riegel vorschieben zum Segen des deutschen Jlidentums, dmn sonst ist alle Arbeit umsonst, die darauf hinauszielt, das deutsche