Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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' Die W o h l t ä t i g k e i t s - z entrale der Berliner Kauf m a n nschaft (Flotttvellslraße 4) hat an die ihr als Mitglieder angeschlossenen Geschästsh ä u s e r die Bitte gerichtet, die Wohlsahrtsorganisat i o n e n so weitgehend zu unterstützen-, wie e s irgend möglich ist. Um eine möglichst zweckmäßige und wirksame Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel zu ermöglichen, muß indessen an der Zent r -a l i s a t i o n festgehalten lverden, für die sich die Wohltätigkeitszentrale der S\ a u f in annschaft in Gemeinschaft mit anderen Organisationen, nne insbesondere der „Zentrale für private Fürsorge", seit Jahren einsetzt. Diese Zentralisation ist nicht derart gedacht, daß etwa alle Mitglieder der Wohltätigkeitszentrale ihre Verbindung mit den in nraktischer Liebestätigkeit stehenden Vereinen aufgeben und ihre Gaben lediglich durch Vermittlung der Wohltätigkeitszentrale verteilen lassen. Dadurch würde eine Entfremdung zwischen Gebern und Empfängern eintreten, die dem wohltätigen Sinn eher Abtrag tun, als ihn fördern würde. Es soll im Gegenteil eine engere innere Beziehung zwischen den Spendern und den Wohltätigkeitsvereinen dadurch angebahnt werden, daß die Wohltätigkeitszentrale die bei den Firmen eingehenden Gesuche bearbeitet und die Firmen durch ausführliche Berichte erheblich stärker für die Wohltätigkeitsbestrebungen interessiert, als es durch die Gesuche selbst geschehen kann. Die von der Wohltätigkeitszentrale der Berliner Kaufmannschaft und anderen Stellen für notwendig gehaltene Zusammenf a s s n n g soll i n n e r h a l b der einzelnen Organisationen und Gemeinschaften geschehen. So ist es z. B. jetzt vielfach üblich, daß die Leitungen einzelner einem größeren Vereine angeschlossener Anstalten eigene Weihnachtssammlungen veranstalten. Diese werden vielfach überreich bedacht, während andere leer ausgehen. Das kann vermieden und eine gleichmäßige Berücksichtigung der Hilfsbedürftigen herbeigeführt werden, wenn die Sammlungen a n s sch l i eß l i ch von der Hauptleitung der Organisationen ausgehen. Ferner ist es, um eine Mittelverschwendung zu verhüten und einen Ausgleich zu ermöglichen, unbedingt geboten, daß die einzelnen Organisationen die Bescherungslisten vergleichen. Die „Zentrale für private Fürsorge" hat in Gemeinschaft mit der „Wohltätigkeitszentrale der Kaufmannschaft" einen derartigen Austausch im vorigen Jahre in großem Umgänge durchgeführt und wird es auch in diesem Jahre wieder un. Der Ausschuß der Wohltätigkeitszentrale der Berliner Kaufnannfchaft wendet sich nun in diesem Jahre abermals an die Wohlätig.keitsverekne mit einem Rundschreiben, in dem gebeten wird, üe zum Wohle der Hilfsbedürftigen so dringend notwendige Weihwchtsfür sorge dadurch zweckmäßig zu gestalten, daß bei den Sammlungen eine Zentralisation innerhalb der " r ga nisationen d u r ch g e f ü h r t wird und diese sich an dem - istenaustausch beteiligen. Wenn die Vereine dieser Anregung entprechen und die Kaufmannschaft nach Kräften gibt, wird sich die um der Wohltätigkeitszentrale der Berliner Kaufmannschaft ani.estrebte wirksame Fürsorge für die Bedürftigen ermöglichen lassen. E. S. Berlin, 16. November. Am 11. d. M. sprach im Verein ür jüdische Geschichte und Literatur Herr Dozent Dr. I. El- 'vgen über „Bilder aus der jüdischen Vergangenheit im Lichte der Gegenwart". Daß die russische Regierung, obwohl Hundertausende jüdischer Krieger für das Vaterland kämpfen, Pogrome und udere Vergewaltigungen der Juden zuließ, ist eine in der Geschichte ast einzig stehende Tatsache. Daß die leitenden Kreise Englands urd Frankreichs von einem freiheitlichen Rußlaird und der nach dem Kriege folgenden Erlösung der Juden redeten, ist ein gar eigenartiges Beispiel der Kriegspsychose. Dem denkenden Betrachter der jüdischen Geschichte bietet der jetzige Krieg eigentlich nur unerhebliche Uebcrraschungen. Leute, welche oft über ein Menschenalter im fremden Lande wohnten, ja sogar dort geboren und mit den Einheimischen durch vielfache Bande verknüpft waren, werden nun plötzlich „feindliche" Ausländer, in ihrer Bewegungsfreiheit, im Gebrauche ihres Vermögens behindert und von ihren seitherigen Freunden im Stich gelassen. Niemand schützt sie vor der Wut eines aufgehetzten Pöbels. Das alles in England, dem Musterland freiheitlicher Gesinnung und Betätigung. Waren denn nicht die mittelalterlichen Juden in derselben Lage? Der heutige „feindliche" Ausländer kann mit dem Ende des Krieges rechnen und hat ein Vaterland. Dieses aber fehlte bis zum Anfang de s 19. Ja h rh u n de r t s dem Juden — und er sollte gleich dem gehetzten Wild nirgends heimisch werden. Erinnern die englischen Konzentrationslager für deutsche und österreichisch-ungarische Staatsangehörige nicht gar zu deutlich an das Ghetto? Hier und dort sollte der „feindliche" Ausländer angeblich gegen die Verfolgungswut der einheimischen Massen geschützt werden. Unter den Augen der russischen Behörden wurde das deutsche Gesandtschaftshaus von dem russischen Pöbel von Grund aus zerstört. Wer denkt da nicht an die planmäßige Zerstörung der Synagogen im Mittelalter? Nicht nur der Feind, auch seine Heiligtümer sollen vernichtet werden. Gewisse Städte darf während des Krieges der „feindliche" Ausländer nicht betreten. Wie war aber vor 1848 der Besuch von Wien den meisten Juden, zumal ausländischen, erschwert! Im fünfzehnten Jahrhundert erklärte ein Ritter, der wegen Plünderung an Juden vor ein Neuenburger Gericht vorgeladen wurde, daß das positive Recht gegen die Juden öfter sortsallen müsse — und die Richter fanden diese Auffassung nicht unbillig. Lautete die Sprache englischer Gerichte anders, als es sich um den Schutz der Deutschen gegen die Gewalttätigkeiten und Plünderungen des englischen Pöbels handelte? Wie leicht wurden im Mittelalter die Massen durch leere Gerüchte, durch geschickte Demagogen zir den schrecklichsten Ausschreitungen veranlaßt! Welche unsinnigen, verlogenen Gerüchte wurden zumal am Anfang des Krieges verbreitet! Selbst die einst ton Juden vorgeworfene Vrunneuvergiftung sollten laut Meldung einer deutschen Zeitung französische Aerzte jetzt begangen haben. Die geistreichen, wohldisponierten Ausführungen, die noch andere interessante Vergleiche enthielten, mochten auf die Hörer einen tiefen Eindruck, der in allgemeinem Beifall Ausdruck fand. &&& Berlin, 16. November. Die „Jüdische Korrespondenz" in Wien berichtet in Nr. 10 vom 21. Oktober 1916 über eine Unterredung, betressend das jüdische Schulwesen, zwischen dem Reichsratsabgeordneten Dr. I. Steinhaus und dem Referenten der deutschen Zivilverwaltung Reichstagsabgeordneten Dr. Haas in Warschau. Dr. Haas sollte sich dahin geäußert haben, „daß der Jargon als Unterrichtssprache nur während eines Uebergangsstadinms Geltung haben solle, d. h. bis die Schulkinder sich die polnische Sprache derart angeeignet hätten, daß sie den ganzen unterricht im Polnischen genießen könnten. Die Entscheidung in dieser Angelegenheit unterliege wohl der deutschen Reichsregierung bzw. dem Oberkommando. Dr. Haas habe jedoch versprochen, diesen Standpunkt bei der Regierung aufs wärmste zu befürworten". Dr. Haas ermächtigt, darauf hinznweisen, daß die Behauptungen in der Veröffentlichung, soweit sie ihn betreffen, unrichtig sind. Berlin, 16. November. Verspätet eingelanfene amerikanischjüdische Blätter bringen eine Londoner Meldung, wonach am letzten K o l n i d r e - A b e n d die Frauengalerien sämtlicher Londoner Synagoen geschlossen bleiben mußten und auch in den Männerabteilungeu ganz besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen und ein strenges Ueberfüllnngsverbot erlassen wurde. Die Polizei hat diese Maßnahmen mit. der Befürchtung begründet, daß ein eventueller Zeppelinangriff während des Kolnidre-Gottesdienstes eine Panik Hervorrufen könnte, deren Folgen unabsehbar wären. Gleichzeitig wird aus London gemeldet, daß der Lord-Mayor von London in voller Amtsunisorm