Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229225--71783-3284143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
564 der Erzählung auch noch die Würdigung der Personen und Ereignisse zu verknüpfen. Ter Verfasser ist bemüht gewesen, die Geschichte des preußischen Staates so objektiv und leidenschaftslos, als es einem Historiker überhaupt möglich ist, darzustellen. Daß ihm das trotzdem nicht gelungen ist, beweist der Widerspruch, den das Werk in katholischen Kreisen gesunden hat. Die Unterrichtsverwaltung, die das Buch den Lehrern zu besonders ermäßigtem Preise zur Verfügung gestellt und als Prämie für den Zollerntag bestimmt hat, hat schließlich — um des Burgfriedens willen — die Leiter der Schulen mahnen müssen, bei der Verwendung des Buches mit Vorsicht zu verfahren. Ob der Widerspruch der Katholiken berechtigt ist, das zu entscheiden ist nicht unsere Sache. Juden werden nur selten erwähnt. Bei der Wirksamkeit Hardenbergs betont der Verfasser, daß die schon längst erwogene bürgerliche Gleichstellung der Inden in Aussicht genommen wurde, die dem mit einem modernen Staatswesen unverträglichen Zustande ein Ende machen sollte, wonach die Inder: als Fremde angesehen wurden. Auch sie sollten jetzt gleichberechtigte preußische Staatsbürger loerden. Für die 30er Jahre erwähnt der Verfasser den wachsenden Einfluß des jüdischen Geistes und französischen Radikalismus, deren Wortführer Börne und Heine von Paris aus wurden. Die antisemitische Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts ist mit Stillschweigen übergangen; wo aber die Wirksamkeit von Johann Jacoby, Marx und Lassalle berührt wird, wird ihre jüdische Abkunst ausdrücklich hervorgehoben." * B erline r F ü r s o r ge a r be i t i m K r i e ge. Der von der .,Z e n t r a l e für private F ü r f o r ge" geplante Ausbildnngsknrsus für soziale Helfer und Helferinnen, aus den vor kurzem hingewiesen wurde, wird in der Zeit vom 2 2. November bis 15. Dezember d. I., abends 8 bis 10 Uhr, im Aulagebände der Universität veranstaltet. In neun Vorlesungen soll eine Darstellung der in Berlin sowohl für K r i e ger s a m i l i e n lind andere d u r dj den Krieg wirtschaftlich Geschädigte wie auch für K r i e g s b e s ch ä d i g t e u n d H interbt i ebene von Gefallenen getroffenen Maßnahmen unter dem Gesichtspunkt gegeben werden, welche Aufgaben den einzelnen Trägern der Fürsorge —- Staat, Gemeinde, Selbsthilfe und private Wohlfahrtspflege - zufallen und wie sie ineinandergreifen und sich ergänzen. Die M a ß n a h m c n v o u Staat u n d G e m e i n d e werden von Amtsgerichtsrat Dr. F r i e d e b e r g und Ntagistratsrat L i e b - recht behandelt werden, denen sich Professor Dr. Biesalski in einer Vorlesung über Grundfragen und Heilmethoden der Kriegsbeschädigtenfnrsorge anschließt. Von den bestehenden gesetzlichen Fürsorgeeinrichtnngen in ihren Beziehungen zur Kriegsfürsorge wird die ö f f e n t i i ch e 91 r m enpsle g e (Stadtrat D o f l e i n, Vorsitzender der Armendirektion) und die S o z i a l v e r s i ch e r it n g (Gertrud Israel, Schriftführerin des Ortsausschusses der Vertrauensmänner für die Angestelltenversi-clxrung) behandelt werden, lieber die Selbsthilsebestreblnrgen in den A r beit e r g e w e r k s ch aste n wird Adolf Go H eu (Vorsitzender der Berliner Berlvaltungsstelle des Metallarbeiterverbandes), in den A n g e st e l l t e n o r g a n i s a t i o n e n Karl Schlich (Geschäftsführer des Bundes der technisch-industriellen Beamten) sprechen. Bier Abende loerden sich mit AMaßnahmen der p r i v a t e n Wohlfahrtspflege beschäftigen. Neben der allgemeinen Wohlfahrtspflege und den besonderen Aufgaben der Hinterbliebenen- und der Jugendfürsorge finden Vorlesungen über die Kriegsfürsorge der A r be i t g e b e r sowie der ge me i n - u ü tz i g e n A r b e i t s v e r n: i t t l u u g statt. Zu den Vortragenden gehören: Tr. Gertrud Bäu m e r , Dr. jnr. Frieda D u e nsing, -Helene S i m o n , Heinrich G r ü n se l d , i. Fa. F. V. Grünfeld, Siddy Wronsky (Abteilungsleiterin der Zentrale für private Fürsorge), Edith Klausner (die Leiterin der weiblichen Abteilung des Zentralvereins für Arbeitsnachweis zu Berlin). Tie Liebestätigteit der religiösen Gemeinschaften wird von hervorragenden Vertretern der verschiedenen Konfessionen behandelt werden. Den Abschluß des Lehrganges bildet ein sozialwissenschaftlicher Ausblick von Professor Dr. I a st r o w: „Die S t e l l u n g d e r Wohlfahrtspflege in: S t a a t s le b e n nach Beendigung des K r i e g e s". — Einführung und Schluß liegen in den Händen des Vorsitzenden der Zentrale für private Fürsorge, Dr. phil. Albert Levy. Ein Stundengeld wird nicht erhoben. Für die auf den Namen des Hörers ausgestellten Einlaßkarten ist eine Einfchreibegebühr von 1,50 Mark zu entrichten. Die Karten sind vom Mittwoch, den 1 0. No v e ln b e r , ab in der Geschäftsstelle der Zentrale für private Fürsorge, Fl o t t w e l l st ra ß c 41, 3 im irrer 2, täglich tum 11 bis 2 Uhr erhältlich. Zustellungen durch die Post erfolgen nur gegen vorherige Einsendung des Betrages zuzüglich Porto auf eigene Gefahr des Empfängers. Sehr verehrter Herr Redakteur! Herr Nt P., der „mehr Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit" verlangt, ist über den von mir in Nr. 44 Ihrer geschätzten Zeitung erschienenen Artikel „Der Weltkongreß" sehr ungehalten. Ihm ist —entgangen, daß schon im Frühling dieses Jahres in den großen jüdischer: Zeitungen Deutschlands die Frage eines jüdischen Weltkongresses überaus eifrig behandelt wurde. Der Vorschlag, einen jüdischen Weltkongreß zu veranstalten, den ich nur unterstützen und gutheihen kann, ohne mich durch den Vorwurf der Naivität oder der geschichtlichen Unkenntnis auch nur im geringsten beirren zu lassen, stammt nicht von mir und ist bereits zum Mittelpunkt einer große:: diesbezüglichen Literatur geworden. Die Argumente, die dagegen angeführt werden, lassen sich durch den Hinweis darauf widerlegen, daß es ernstliche Sorge der Juden aller Länder ist, den russischen Juden zu. helfen. Sie wissen es, sehr geehrter Herr Redakteur, daß ich Ihnen meinen Artikel schon vor ca. fünf Monaten übersandte, also lange bevor die Alliance ihr Rundschreiben in die Welt schickte. Daher erübrigt es sich, daß ich mich zu dem diesbezüglichen Vorwurf, den Herr M. P. gegen mich erhebt, äußere. Uu: Herrn M. P. genauer äuse inanderzu setzen, warum ich der: Vorschlag eines jüdischen Weltkongresses gutheiße, will ich ihn: derraten, daß es gerade die traurige „Wirklichkeit" der religiösen und politischen Lage der Juden ist, die mich einen Ausweg suchen läßt. Gerade lveil ich auf den: Standpunkt stehe, jüdische Geschichte lvitt nicht allein gekannt, sondern auch nachempfunden und weitergelebt sein, gerade darum kann ich mich nicht bei der traurigen „Wirklichkeit" meiner östlichen Glaubensbrüder beruhigen. Mei:: jüdisches Genüssen bäumt sich dagegen aus. Daß wir auch in religiöser Beziehung vorwärts kommen müssen, lehrt uüch gleichfalls die „Wirklichkeit", und nur diese. Ein jede: Rabbiner sieht wohl diese Notwendigkeit ein. Wie aber sollen wi: vorwärts kommend Indem wir etwa alles seinen Gang gehen lassend Bleibt nicht da das Richtigste doch der Versuch, zunächst einmal eine Einigung über die schwierigsten Fragen unter den Rabbinern herbeizusühren? Ist dieser Versuch deshalb zu verwerfen, lveil er bisher noch niemals zu einen: gewünschten Erfolg geführt hat? Sollten wir nicht gerade deshalb unsere Kräfte verdoppeln, um dieses Ziel zu erreichen? Herrn M. P. bitte ich, uns einen Weg, der aus dem Elend der äst' lichen Glanbensbrüder herausführt, zu Zeigen, einen Weg, der dir religiöse Einheit aller Juden hx mögliche Aussicht stellt. Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. * Die Ze n t r a l k o n f e r e n z a m e r i k a n i sch e r Rabbiner sendet uns ein Schreiben von: 13. Oktober 1915, in dem folgende Er klärung sich befindet, die wir gern zum Abdruck bringen: „Die Zentralkonserenz amerikanischer Rabbiner hat in ihrer Versammlungvom 28. Juni bis 6. Juli 1915, gehalten in Charlevoir. Mich., den Beschluß gefaßt, der Familie I it lins Nodenb e r g s ihr herzliches Beileid bei dem Tode dieses bedeutenden Mannes aus zusprechen. Durch die bloße Tatsache, daß er eine so außerordentlicl hervorragende Stelle in der literarischen Welt erlangte, gewann ei Ruhm für seine Glaübensgemeinschaft, aber er erwarb auch Anspruv auf unsere Dankbarkeit durch die sympathische Art, mit der er ir seinen Novellen jüdische Charaktere und Epochen der jüdischen Gr schichte behandelte." Die Erklärung ist unterschrieben von derr korrespondierenden Sekretär Isaak Landmann. Die vorstehende Erklärung erfährt eine' traurige Illustration durä die in der letzten Nummer des „Gemeindeblatts" abgedruckte Notiz, das Frau Professor Nodenberg am 4. Oktober dieses Jahres aus den Judentum ausgetreten ist. Die Fahnenflucht junger Leute, die de Lebenskampf scheuen und Zurücksetzung im Leben fürchten, kann mai so hart man sie verurteilen mag, begreifen; dem Austritt einer alte : Frau gegenüber, der man Pietät für ihren Gatten Zutrauen sollte der als Jude sich Stellung und Ansehen erworben und den Seine' hinterlassen hat, steht man vor einem unlösbaren Rätsel. .