Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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563 „Doktor Selbinger gestern abend mit schwerer Diphtherie in hiesigem Kreiskrankenhaus ausgenommen. Bitte den Vater vorbereiten, Frau soll nach des Kranken dringendem Wunsch nichts erfahren. Vater sofort Herkommen. Berger, Chefarzt.' Schwer fiel des alten Mannes Hand, die das Papier hielt, ans die Schreibtischplatte nieder — sekundenlang saß er wie erstarrt. Dann raffte er sich ans. „Ich muß augenblicklich fort!" „Sachte, sachte," mahnte umsichtig der andere. „Daß nur das Frauchen nichts merkt! Wir gehen jetzt zusammen fort — bei mir zu Hause steht schon der Schlitten angespannt. Gebe Gott, daß wir den Zug noch erreichen!" Professor Selbinger hatte so viel Selbstbeherrschung, der inngen Frau ruhig zu sagen: „Der Herr Rabbiner entführt aich zu einer Schlittenfahrt nach dem Kankeler Forst." Das Wort war unglücklich gewählt. „O, Väterchen, da wollten wir doch heute mittag zusammen ,in. Wenn die Herren ein Viertelstündchen warten, komme lch mit, das Wetter ist herrlich." „Viel zu rauh für dich, Kind," beschied ihr der Schwiegervater hastig. Er war schon auf der Treppe, länger hätte er hren klaren, fröhlichen Augen nicht standgehalten. „Armes eänd!" murmelte er beim Hinuntergehen. Dann kein Gedanke nehr an sie'— er dachte nur noch an den Sohn. Viel zu langsam liefen die wohlgenährten, phlegmatischen tzferde. Der Professor saß mit der Uhr in der Hand. „Kutscher, chneller! Wir müssen den Eilzug noch erwischen, einen Taler rrinkgeld, wenn wir noch zurecht kommen." Der Rabbiner, der es sich nicht hatte nehmen lassen, ihn zu >egleiten, saß wie auf Nadeln; solches Tempo war er nicht gevöhnt. „Der Zug hat übrigens immer etwas Verspätung," röstete er. Als sie die Höhe beim Ehausseehause erreichten und >cr Bahnhof dicht vor ihnen lag, fuhr drunten der Zug ein. nne Minute später hatte er die Station bereits passiert nnd roch wie eine schwarze Schlange über die weiße Ebene weiter. Der Professor stöhnte laut und der Kutscher fluchte heimlich. \a, wenn der alte Herr Rabbiner nicht dabei gewesen wäre, a hätte er wohl anders znfahren wollen; so aber war er um as Trinkgeld gekommen. „Wann geht der nächste Zug?" „Um halb eins," erwiderte der Rabbiner kleinlaut. „In zwei Stunden — Herrgott!" Unwillkürlich trat das Wort, das er sonst beharrlich mied, auf Selbingers Lippen. Der Schlitten hielt am Stationsgebäude, der Rabbiner ' hätte sich aus Decken und Pelzen und kletterte heraus, der l wdere zögerte noch. „Bester Herr Rabbiner, wie lange Zeit brauchen wir mit tun Schlitten?" „Bis zur Kreisstadt?" Der wegkundige Kutscher übernahm die Antwort. „Unter viertehalb Stunden kommen wir nicht hin. Die t Haussee liegt tief, und der Schnee ist da stellenweise furchtbar ' isammengewcht." „Also besser. Sie warten den nächsten Zug ab, dann sind - ie ein Uhr zwanzig in der Kreisstadt." Sie traten in das kleine, dumpfe, überhitzte Wartezimmer. ' er Professor reckte seine Hünengestalt und atinete schwer; wie llte er das aushalten, dies zweistündige Warten! Nach einer Weile erschien der Stationsvorsteher. Er sah t'.nst und wichtig aus. In der Hand hielt er ein offenes Dev schenformular. „Eben ist eine Depesche gekommen, Herr Professor." Selbinger hatte ihm das Blatt aus der Hand gerissen und lns: „Professor Selbinger. Herzlähmung drohend, höchste Geiahr. Sofort kommen. Berger." Ueber seine Schulter weg hatte der Rabbiner mitgelesen, er legte die Hand auf seinen Arm und redete zu ihm. Was ihm gerade einfiel, Bibelworte und menschliche Trvstgründe, aus gutem, teilnehmendem Herzen geschöpft, alles durcheinander. Professor Selbinger saß in sich zusammengesnnken und hörte kein einziges Wort. Seine Gedanken wandelten weitab. Der Stationsvorsteher stand abwartend daneben und sah ans, als habe er noch allerlei auf dem Herzen, was er gern an den Mann gebracht hätte. Aber der Rabbiner machte ihm ein Zeichen und mit unterdrücktem Seufzen schlich er hinaus. Nach einer Viertelstunde folgte ihm der Rabbiner; er dachte, es sei besser, den Mann da drinnen jetzt allein zu lassen. Und er hatte recht. Der saß, den Kopf in die Hand gestützt und die Rechte mit eisernem Griff um die Tischkante geklammert — abgestumpft für die Eindrücke der Außenwelt. Eine Flut von Gedanken wirbelte durch sein Hirn — immer neue, immer andere, immer wilder, erbarmungsloser. Er fühlte förmlich, wie sie da drinnen hinter der Stirn hämmerten und tobten. Sein Sohn im Sterben! (Schluß folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Beiträge zur Wissenschaft des Judentum s. Bon Dr. Simon $ x t c b m a n n , Rabbiner der Synagogengemeinde Lublinih (Oberschlesien). Breslau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung (Bnrasch u. Niesen selb) 1913. — Es ist ein Buch von nur wenigen Bogen, das Friedmann uns beschert hat, und dennoch ist es reich an wirklichem Inhalt. Eine Auslese ans den vielen wissenschaftlichen Artikeln stellt es dar, die der Verfasser während seiner langjährigen Amtszeit in den verschiedensten Zeitungen veröffentlicht hat, imb er tat recht daran, diese Fülle von scharfsinnigen und seinen Bemerkungen, von vortrefflichen Beobachtungen tit Buchform herauszugeben und sie so der Vergessenheit zu entreißen. Alle Gebiete der jüdischen Literatur hat er bedacht. Neben Artikeln, die sich mit biblischen Fragen beschäftigen, finden sich zunächst Abhandlungen zur Geschichte, zur talmudischeu Literatur und zur Liturgie. Sie alle verraten, ans welchem tiefen und reichen Borne der Gelehrsamkeit der Verfasser schöpft, und die Erklärungen 31t oft recht dunklen nnd schwierigen Fragen dürfen sehr wohl daraus Anspruch erheben, daß sie in der gelehrten Welt beachtet werden. Ohne den Wert der anderen Abschnitte dadurch herabmindern 311 wollen, seien hier die Bemerkungen zur Biographie Rabbis u n d R a w s und der Bericht über den M i d r a s ch a u s d e m achten I a h r h u n d e r t besonders hervorgehoben. Auch die Apologetik kömmt zu ihrem Rechte, wenn Friedmann im Artikel über Z i n s nnd W 11 ch e r i m Indent u nt den von Judenfeinden erhobenen Anschuldigungen auf wissenschaftlicher Grundlage entgegentritt. Schließlich fehlen auch nirgends die Beziehungen und Hinweise aus den erhabenen Lehrinhalt unserer Religion, auf deren Boden das Buch erwachsen ist, deren unvergängliche Größe es kündet. So sei denn diese Sammlung von Abhandlungen nicht nur ihres wissenschaftlichen Wertes, sondern auch des warmen, echt religiösen Empfindens wegen, das aus jeder Seite spricht, angelegentlich empfohlen; und es kann ihrer Verbreitung nur dienen, wenn schließlich noch aus die schlichte, ungekünstelte Art nnd Sprache des gelehrten Verfassers hingewiesen wird, die auch dem Laien verstatten,. das Büchlein mit bleibendem Nutzen zrt lesen. G 0 l d m a n n, Oppeln. Sprrchssal. Von sehr geschützter Seite wird uns geschrieben: „Unter den Schriften, die die 500jührige Jubelseier des preußischen Königshauses an das Licht gebracht hat, steht das Buch von Otto H intze: „Die Hohenzollern und ihr Werk. Fünfhundert Jahre vaterländischer Geschichte" (Berlin, Paul Pareh), obenan. Nicht nur seines Umfanges wegen (685 Seiten), sondern weil der Verfasser, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, als der Nachfolger der Historiographen Treitschße und Koser angesehen werden kann. Es war gewiß keine leichte Aufgabe, eine preußische Geschichte in einem Bande zu schreiben, dabei allen wissenschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden und mit