Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229225--71781-3284141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 und Jyrmtcn geleistet wird, die auch sonst schon einen guten Teil ihrer Zeit freudig und opferbereit der Gemeinde opfern. Herr Justizrat 33 reslauer , der dem Ganzen vorsteht, hat sich damit ein unverfängliches Denkmal gesetzt. WM Lwischkn Vater und Sohn. Erzählung von Regina N e i ß e r. (Nach einem vorhandenen Stoff bearbeitet.) (Fortsetzung.) er Sohn antwortete nicht und versprach auch nichts. Als ) er nachmittags im Schlitten saß, um vorher noch auf Praxis ju fahren, machte der Professor oben das Fenster auf. „Wann kommst dn wieder, Edivin?" Neben ihn drängte sich ein schmaler Fraueukvpf an die beeiste Scheibe und winkte und nickte. „Adieu, Schatz, amüsiere dich gut nach der ernsten Sitzung und komm' nicht zu spät heim!" Dem jllngen Doktor war nicht behaglich zumute, ihn fröstelte trotz Pelz und Wintersonne, und er freute sich selber .schon auf sein warmes Bett und ungestörte Nachtruhe daheim, aber einen Scherz hatte er immer noch bereit. „Wollen sehen," rief er lachend hinauf. „Morgen früh zum Kaffee bin ich sicher da, verlaßt euch darauf! Sorg' dich nicht, Frauchen, du hast ja den Papa. Ter ist ein besserer Gesellschafter wie ich. Los!" .hin stillen uralte er sich das freudig überraschte Gesichtchen seiner Frau, wenn nur die Teezeit die wohlbekannten Schlittenglocken vor der Tür binrmeln würden. Und das zufriedene Knurren des Alten. Mittlerweile ging die junge Frau dem Schwiegerpapa um den Bart wie ein Kätzchen. „Tu warst doch auch einmal jung, Papa. Edwin hat's ja schwer genug gehabt die letzten Wochen. In der Kreisstadt trifft er heute alle seine guten Bekannten, das wird ihm gut tun und ihn aufheitern." Abends klingelte richtig draußen der Schlitten, aber nur der Kutscher kam mit den müden Pferden zurück; diese sollten etwas Ruhe haben, sie waren seit gestern früh siebzehn Stunden unterwegs gewesen. „Unseren Herrn werden die anderen Herren wieder mit zurückbringcn," meldete er. Rosa Selbinger setzte sich ans Klavier und spielte und sang dem Schwiegerpapa den heimlichen Aerger fort. Dann holte sie das Halmabrett und ließ den alten Herrn eine Partie nach der anderen gewinnen. So wurde er ganz vergnügt und merkte nicht, daß die Stunden rannen. Als es elf schlug, brachte sie ihm den Schlummergrog, er faßte sie um die zierliche Taille. „Ein kluges junges Frauenzimmer überlistet den klügsten Alten," sprach er, ihr zärtlich die Wange streichelnd. „Nun ist dein Edwin richtig bei seinen Skatbrüdern sitzen geblieben." Sie lachte fröhlich und zündete ihm sein Licht an. „Die anderen haben ihn auf dem Gewissen, die machen es immer so. Aus Mitleid für die Pferde — sagen sie. Das Mitleid kennen wir. Gut, daß ich dich habe, Väterchen, so ist mir wenigstens nicht bange. Morgenfrüh fahren wir beide aus. Gute Nacht, Bäterchen!" Ein paarmal in dieser Nacht fuhr die junge Doktvrsfrau aus wirren Träumen auf: ihr war, als habe sie jemand gerufen. Aber lvenn sie sich vollends ermunterte und beim Schein des Nachtlämpchens nmsah, war ihres Mannes Bett immer noch leer. Tie Kinder schliefen fest und ruhig. Zusammenschauernd zog sie die Decke höher herauf. „Der tut sicksts aber ordentlich an," murmelte sie schlaftrunken. „Papa wird schelten. Wenn er wenigstens vor acht käme, der arme, liebe Kerl, daß ich ihn herausflunkern könnte!" Und dann schlief sie wieder ein, ein Lächeln um die Lippen. Frühmorgens brachte ihr das Mädchen einen Zettel, den ein Kutscher abgegeben hatte. In Hast und Eile mit Bleistift in zittrigen Buchstaben gekritzelt: „Sorgt euch nicht, wenn ich morgen früh nicht komme. Fahre gleich von hier weiter auf Praxis. Papa soll Sprechstunde halten. Gott befohlen! Küsse die Kinder, lebe wohl!" Es lag etwas in den Worten, es grinste etwas aus den zitternden Buchstaben und drohte zwischen den Zeilen, was Rosa Selbingers Herz mit unbestimmter Angst erfüllte. Das hatte ihr Mann noch nie getan, daß er überhaupt nicht nach Hause kam und seine Sprechstunde versäumte. Was mochte da vorgefallen, wohin mochte er von der Kreisstadt aus gefahren sein? Er hatte nicht geschrieben, wohin, wie sollte sie ihn suchen? Ob sie den Kutscher nach der Kreisstadt schickte? Aber dann konnte Edwin unerwartet nach Hause kommen und Kutscher und Pferde brauchen. — Sie sann und grübelte nach, ohne zu einem Resultat zu kommen, während sie sich eilig frisierte und den Schlafrock überwarf, der in weichen Falten an ihrer schlanken Gestalt herabfiel. Da klingelte es draußen — das war wohl schon der erste Patient, und gleich darauf klopfte es ktirz und herrisch an die Schlafstubentür. Herrgott, der Papa! An den hatte sie in ihrer Sorge und Aufregung gar noch nicht gedacht. Und nun fiel es ihr wie ein Stein vom Herzen. Richtig. Das hatte sich ihr Mann auch wohl überlegt. Der Papa konnte an seiner Stelle die Sprechstunde halten. Er versätimte daheim also nichts und konnte sich vielleicht einen weiten Umweg ersparen. Da wurde sie ruhiger. Mit heiterem Gutenmorgengruß trat sie dem Schwiegervater entgegen, der richtig seinen ersten kräftigen Unmut ans ihre schwachen Schultern ablud. Sie nahm es liebenswürdig hin und schenkte ihm den Kaffee ein. Als er die zweite Tasse getrunken und die von ihren feinen Händen gestrichenen Brötchen verzehrt, hatte sic ihn richtig so weit, daß er seiner Morgenzigarre entsagte und an seines Sohnes Stelle die Patienten abfertigte. Es gab viel zu tun: erst nach neun war er damit durch. Es läutete. Noch einer? „Die Sprechstunde ist aus!" wollte das Mädchen den Draußenstehenden kurz abfertigen, prallte aber an der Vorsaaltür zurück. „Himmel, der Herr Rabbiner." Die kleine jüdische Gemeinde des Städtchens besaß noch keinen akademisch gebildeten Seelsorger. „Kann ich Herrn Professor Selbinger sprechen?" fragte der würdige alte Herr in sichtlicher Hast. Er wurde ins Sprechzimmer geführt. Rosa saß schon am Schreibtisch und machte die Eintragungen, die ihr der Professor diktierte. Sie sprang auf. „Sie, Herr Rabbiner? Doch nicht als Patient?" „Ich . . . ich möchte Herrn Professor zum Spaziergang abholen." Der hypochondrische alte Herr, der au sich täglich neue Krankheitserscheinungen entdeckte, hatte wohl rin besonderes Anliegen und die Gegenwart des jungen weiblichen Assistenten war ihm störend. „Ich gehe schon, Herr Rabbiner." Als sie hinaus war, ging er ihr noch zum Ueberfluß nach und schloß auch die Tür des Wartezimmers. Dann kam er zurück — der Professor sah jetzt erst, wie blaß und verstört der Mann war —, zog ein Papier aus der Tasche und sagte mit peinigender Umständlichkeit: „Es tut mir leid, Herr Professor, aber ich muß Ihnen etwas sehr Betrübendes mitkeilen. Seien Sie ein Mann. Ich komme in schwerer Sache. Ihr Herr Sohn ist erkrankt und liegt im Krankenhause in der Kreisstadt. Bittelesen Sie dieses Telegramm, das ich soeben erhielt."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.