Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229225--71780-3284140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ 561 als die „Großmutter der deutschen Frauenbewegung" gefeiert, und im Frühjahr 1914 verlieh ihr König FriedrichAugust den Maria-AnnachOrden für ihre Verdienste um das Erziehungswesen. Frau Goldschmidt hat das Leid aller derer erfahren, die ein hohes Alter erreichen. Von dem großen und glänzenden Kreise, der sie einst umgab, sind ihr fast alle in die Ewigkeit vorangegangen. Dankbaren Herzens hat Frau Goldschmidt vor wenigen Monaten die fünfzigjährige Jubelfeier jener großen Bewegung begangen, die in allen deutschen Gauen ungezählte Anhängerinnen und Verehrerinnen geivonnen hat und in ihr von Anbeginn bis zur Stunde eine ihrer bedeutendsten Vertreterinnen besitzt. An den gewaltigen Ereignissen der Gegenwart nimmt die Greisin noch den lebhaftesten Anteil. Möge der verehrungswürdigen Frau, die in schönster Weise Deutschtum, Judentum und echtes Menschentum verkörpert, ein ungetrübt freundlicher Lebensabend beschieden sein. Das walte Gott! Die Lriegshilkskommillmn der berliner Milchen Gemeinde. Bericht über die Kri egshilfskommifsion, die unter der tatkräftiijen, aufopfernden Leitung des Herrn Justizrats B. B r e s - l a il e r steht (in der letzten Nummer des „Berliner Gemeindeblattes"), ist so wichtig und interessant, daß ein Auszug daraus auch an dieser Stelle gerechtfertigt erscheinen mochte. Die Zahl der Bewilligungen vom August 1914 bis Juli 1915 erreichte die Ziffer von 7596, jeden Monat durchschnittlich 630, mit Ausnahme des September, die eine -ungeheuer große war. Au Geldunterstütznngen wurden 134 548 Mark bewilligt; 23*29 Fälle wurden an andere Abteilungen verwiesen, 655 abgelehnt. Bors den Unterstützungen wurden 7256 wiederholt (von 4200 Parteien), zwei davon 14mal; die meisten halten sich in bescheidenen Grenzen 2 bis 3mnl. Die Staatsangehörigkeit der Bittsteller erstreckte sich auf Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, sehr wenig auf andere Länder, und zwar auf Deutschland etwa 80 %, auf Oesterreich-Ungarn 14 auf Rußland 5 %. Die Zahl der Kriegsteilnehmer oder deren Angehörigen betrug 1144 Deutsche, 186 Oesterreich-Ungarn. In der Abteilung für Frauen- und Jugendfürsorge lourden verteilt: 9 975 Lebe nsnl itt elf che i n e a 1,— Mk., 4 694 Gemüsescheine a 0,50 Mk., 9 051 Brotmarken, 12 926 Mlchkarten, 1 300 Kohlenscheine, 15 721 Speisemarken, 890 Wochenkörbe mit Lebensmitteln, dazu viele Zentner Kartoffeln, Gemüse und Materialwaren, die der Abteilung zur Verfügung gestellt worden waren. Außerdem sind in der Pessachwoche an Stelle von Lebensmitteln, die schwerer zu beschaffen waren, mit Zustimmung der Hauptkommission 2734 Mk. in bar ausgezahlt worden. Aus dem Bericht sei folgendes hervorgehoben: „Um der großen, bei Beginn des Krieges einsetzenden Arbeitslosigkeit zu steuern, richtete die Abteilung in den ihr zur Verfügung Gottesdienst, der 11. Armee. In der Mitte Rabbiner Dr. Jacob Sänger. gestellten Räumen Kaiferstraße 10 eine Arbeitsstube für jüdische Frauen und Mädchen ein. Mit 12 Maschinen, einem Zuschneider und der Leiterin wurde die Arbeit ausgenommen. Es gelang sehr bald,größere Arbeitsausträge zu erhalten, so daß nicht nur immer mehr Maschinen — sondern auch Handarbeiterinnen eingestellt und mit der Ausgabe von Heimarbeit an Mütter begonnen w erden konnte. In den Wintermonaten hat noch der städtische Arbeitsnachweis in der Gormannstraße für ca. 30 Frauen laufend Heinrarbeit gegeben. Seit zwei Monaten ist ein Militärauftrag von 90 000 Mundschützern in Bearbeitung, mit der Verpflichtung, täglich 1000 Stück zu liefern. Der große Betrieb erforderte größere Arbeitsräume, die vom Gemeinde- Vorstand in dem alten Krankenhaus, Auguststvaße 17, zur Verfügung gestellt wurden. — Uebrigens konnten von den gänzlich ungelernten Arbeiterinnen 60 während der Arbeitszeit so gut ausgebildet werden, daß sie in Fabrikbetrieben lohnende Arbeit fanden. Vom September 1914 bis August 1915 wurden in der Nähstube 23976,53 Mk. an Löhnen gezahlt: beschäftigt wurden 371 Personen. Ter Durchschnittslohn betrug 2,75 Act. Für des Nähens unkundige Frauen, die auch sonst keinerlei Berufsbildung besitzen, richtete die Abteilung F eine Strickansgabe ein. Mit dem Kriegsausschuß für warme Unterkleidung wurde ein Abkommen getroffen, nach welchem durchschnittlich 1 bis VA Zentner- Wolle pro Woche geliefert und für die daraus gefertigten Strümpfe 0,75 Mk. für das Paar vergütet werden. Die Abteilung zahlt den Strickerinnen 1,— Mk. für das Paar. An Löhnen wurden in der Strickausgabe vom November 1914 bis August 1915 7161,40 Mk. ausgezahlt , für Strümpsestricken sind au 190 Personen, die 8490 Paare angefertigt haben, im Durchschnitt 44,70 M. bezahlt worden. Endlich hat die Abteilung F auch Lehrerinnen, Schriftstellerinnen und kaufmännischen Angestellten geeignete Beschäftigung nachgewiesen. Sogleich bei Beginn ihrer Tätigkeit richtete die Abteilung auch eine Kleiderkammer ein, in der die gespendeten Kleidungsstücke an Bedürftige ansgehändigt werden. Auch diese Einrichtung nahm sehr bald einen so großen Umfang an, daß die Kleiderkammer in die kostenlos überlassenen Räume Neue Friedrichstraße 40—41 verlegt werden mußte. Da die gespendeten Sachen den Anforderungen bei weitem nicht entsprachen, mußte viele Hunderte von Stiefeln sowie auch Knabenanzüge neu nngeschafft werden. In der Kleiderkammer ist an Hand einer Kartothek jederzeit festzustellen, was jeder Bittsteller bekommen hat. Es wurden 3429 Personen mehr oder minder vollkommen eingekleidet, worunter auch die Schützlinge der Armen-, Waisen- und Durchreisenden-Kommission der Gemeinde, nach einem mit diesen Kommissionen getroffenen Abkommen, sich befinden. Der Gesamtbetrag der von der Hilfskommission verwendeten Gelder erreichte die Summe von 170 589 Mark 95 Pf." Man sieht aus diesen wenigen Zahlen, welche Summen von einer besonderen Kommission (denn die gewöhnliche Armenkommisston hat vermutlich noch mehr verwendet, da sie im Zeitraum vom April 1913 bis 31. März 1914 345 717 M. 30 Pf. und in den zwei ersten Monaten des Etatsjahres 1914/15 über 20 000 M. verteilt hat) bewilligt und verausgabt, welche ungeheure Tätigkeit entfaltet worden ist. Um einen Begriff von der Arbeit zu geben, welche die Kommission zu bewältigen hatte, sei darauf hingewiesen, daß eine einzige Abteilung LI nicht weniger als 37 Sitzungen hatte. Es ist hier eine Tätigkeit entwickelt worden, die geradezu vorbildlich genannt werden muß. Man kann gar nicht dankbar genug aus diese segensreiche Wirksamkeit Hinweisen, die freiwillig, ehrenamtlich von vielbeschäftigten Männern