Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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S60 Gattin des Senatspräsidenten Hendschke, der hochbedeutenden Gründerin der Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin, zuerst die jüdische Elementarschule, hierauf bis junt 14. Jahre eine Töchterschule ihrer Vaterstadt, in der französische und deutsche Literatur gelehrt wurde. Die häusliche Erziehung, die Henriette erhielt, muß trotz der lückenhaften Schulbildung einen so vorzüglichen Grund gelegt haben, daß sie sich geistig ausgezeichnet entfaltete und durch Strebsamkeit und Fortbildung so gediegene Kenntnisse erlangte, daß sie in jedem Kreis, in den sie trat, als geistig bedeutende Erscheinung galt. Die Lektüre der Klassiker inag namentlich viel zu ihrer geistigen Ausbildung beigetragen haben. Henriette schwärmte für Börne wie nicht minder für die politische Lyrik der Freiheitsdichter Herwegh, Freiligrath, Alfred Meißner und Karl Beck. Von ihrem Vater hatte sie die begeisterte Liebe für das deutsche Vaterland und hohes Interesse für Politik geerbt. Der Freiheitstraum des sturmbewegten Jahres 1848 hatte sich nur zu bald als trügerisch erwiesen, und die Reaktion trat in Preußen ans Ruder. „Das Kind ist die Mutter der Frau." Das hervorragende, pädagogische Talent Henriettens bekundete sich frühzeitig. Als sie kaum 18 Jahre alt war, verlor sie durch den Tod eine sehr geliebte, zehn Jahre ältere Schwester, an deren drei kleinen Kindern sie mehrere Jahre mit hingebungsvollster Treue Mutterstelle vertrat. 1849 übersiedelte die Familie Benas nach Posen, und dort vermählte sich Henriette 1853 mit ihrem Vetter Dr. Goldschmidt, dem Sohn der „Märchentante", der seit einer Reihe von Jahren als deutscher Prediger der israelitischen Gemeinde in Warschau angesteUt war. Dessen erste glückliche Ehe hatte der Tod nach sechs Jahren gelöst, und drei Knaben waren in zartestem Alter zurückgeblieben. Der Herzensbund mit Henriette hatte den so früh verwaisten Kindern Dr. Goldschmidts eine treue, fürsorgliche und aufopfernde Mutter gegeben. Frau Goldschmidt hat ihre Aufgabe, diese zu tüchtigen Männern zu erziehen, in idealster Weise erfüllt, so daß die ihrer Obhut und Fürsorge einst anvertrauten Kinder als Männer samt ihren Frauen und Kindern in Verehrung und Dankbarkeit zu ihr ausgeblickt haben. Ungeachtet dessen, daß Dr. Goldschmidt durch seine segensreiche Wirksamkeit in Warschau veredelnden und bildenden Einfluß ans die Gemeinde ausübte und sich eine ebenso angesehene als angenehme Stellung errungen hatte, erfüllte die Gatten bei ihrer leidenschaftlichen Liebe für das deutsche Vaterland eine brennende Sehnsucht, nach Deutschland zurückkehren, ihre Söhne zu deutschen Männern erziehen zu dürfen. Als nun 1858 die Stelle eines Rabbiners in Leipzig frei wurde, bewarb sich Tr. Goldschinidt um diese und erhielt sie. Die Aussicht, fortan in einer Metropole geistigen und musikalischen Lebens wirken p können, war hochbeglückend für die Gatten. Ihre Hoffnungen und Erwartungen sollten sich auf das schönste erfüllen. Hier begann für die Gatten ein neues reiches Leben. Ihr Haus wurde bald der Sammelplatz eines erlesenen Kreises gleichgesinnter Freunde, bedeutender Männer und Frauen; jüngere Gelehrte, ausstrebende Talente und nicht zuletzt die erwachsene Jugend gesellten sich zu diesen, und alle wurden von dem Zauber, der von der geist- und anmutsvollen Hausfrau ausging, gefesselt. Die ersten Anzeichen einer Bewegung der Frauen, welche die Erringung einer größeren Selbständigkeit der Frauenarbeit und Frauenbildung anstrebte und zum Ziele hatte, gingen zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von Leipzig aus. Als Luise Otto-Peters 1864 in Leipzig den Frauenbildungsverein ins Leben rief, aus dem im folgenden Jahre der Allgemeine deutsche Frauenverein hervorging, war zunächst ins Auge gefaßt worden, alle Hindernisse zu beseitigen, die der Frau zur freien Entfaltung ihrer Fähig- > feiten entgegenstehen. Frau Goldschmidt schloß sich bald dieser neuen Bewegung an, und somit eröffnete sich ihr et, c neue reiche Wirksamkeit außerhalb ihres Hauses. Schon 1867 wurde sie zum Vorstandsmitglied, später zur zweiten Vorsitzei den des Allgemeinen deutschen Frauenvereins gewählt. In der Folge hat sie sich in dessen Versammlungen durch ihre meiste - und musterhaften Reden, mit denen sie in den verschiedenste, deutschen Städten die Frauen für die sie und ihre Gesinnung! - genossinnen beseelenden Ideale begeisterte, betätigt; oft ist s e von bedeutenden Männer- und Frauenvereinen auch zu Vo - trägen berufen worden. In Leipzig selbst hielt sie im Wint,r 1870/71 einen Zyklus von Vorträgen über „Die Stellung bu Frau bei den alten Kulturvölkern". Ihr liebevolles Erfassen der Lehre Friedrich Fröbels, die j' ganz ihrem Ideal der Erziehung und Bildung des weibliche i Geschlechts zu seiner „menschheitpflegenden Bestimmung" en - sprach, zeitigte 1871 die Begründung des „Vereins für Fam - lien- und Volkserziehung" in Leipzig, dessen Musteranstalte i Zeugnis ablegen, daß die Lebensarbeit seiner begeisterte . Jüngerin, die gleich dem Meister im Erziehungsberuf den Kulturberuf der Frau erkannte, der Verbreitung seiner Lehu gehörte. Von der jüdischen Elementarschule in Krotoschin bis?, n den von ihr geleiteten und erteilten Lehrkursen, von den Ideal, > ihrer Jugend, die sich auf Emanzipation ihrer Glauben - genossen beschränkten, bis zu dem Ideal ihres gereiften Alter, die Befreiung der Frau von Vorurteilen, Unwissenheit m 7 Gcistesträgheit, welch ein interessanter innerer Entwicklung Prozeß, wieviel geistige Arbeit, wieviel Selbststudium! Frau Goldschinidt hat auch eine reiche schriftstellerisch' Tätigkeit entfaltet. Eine lange Reihe von Jahren war sie eii eifrige Mitarbeiterin des Organs des Allgemeinen deutsche, Frauenvereins „Neue Bahnen", mehrere ihrer Vorträge sil 7 im Druck erschienen. 1882 veröffentlichte sie „Ideen üb weibliche Erziehung im Zusammenhang mit dem Syster, Friedrich Fröbels". Die „Allgemeine Deutsche Biographie" ea hält eine treffliche Studie über „Fanny Lewald" aus ihr,. Feder, und ihre literarischen Kritiken werden hochgeschätzt. Frau Goldschmidt hat jedoch durch ihr ganzes Leben d, , Beweis geliefert, daß, wenn die Frau sich großen Aufgab, - für die Gesamtheit widmet, sie dessenungeachtet auch d ' Pflichten der Hausfrau gewissenhaft zu erfüllen vermag ur ■ ist hierin ihrem Geschlecht ebenfalls vorbildlich geworden In ihrem Familienleben glücklich und befriedigt, ihrem Gatt, > treu und fürsorglich zur Seite, ihm ebenbürtig an Geist ui 7 Gemüt, mit ihm strebend und teilnehmend an seiner Arbe> hat sie auch aus ihre Untergebenen erzieherisch-fördernden Eu fluß ausgeübt. Ihre aufopfernde Pflege breitete einen ve klärenden Schimmer über die lange Leidenszeit, die dem Toi , ihres Gatten voranging. In den „Gedenkblättern" hat s, dem treuen Lebensgefährten 1888 ein Denkmal der Liebe g widmet. Nach seinem Heimgange fand sie Trost in der Arbc, an ihrem Werke einer veredelnden Mädchenerziehung. Sie beteiligte sich an den internationalen Frauenkongresfen 1896 ui 7 1904 in Berlin und wurde dort hoch geehrt. In dankbarer Anerkennung ihrer Lebensarbeit wurde c > ihrem 70. Geburtstage in Leipzig eine „Frau-Dr.-Henrietl - Gvldschmidt-Stiftung" begründet und an ihrem 80. Geburt b tage verlieh ihr König Friedrich August die Carola-Medail, Das letzte Lebensjahrzehnt hat der ausgezeichneten Frau mH reiche Freuden gebracht. Ein junger Doktorant der Leipziger Universität ha - „Fröbels Erziehungslehre" zum Thema seiner Dissertation ge wählt. Am 29. Oktober 1911 sah Frau Goldschmidt ihr Leben -- werk durch die feierliche Eröffnung der Hochschule für Frau n in Leipzig gekrönt. Bei der Tagung des „Jüdischen Frauenbundes" in Leipzig im Frühling 1913 wurde die edle Grers n