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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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559 das Schreiben am Sabbat zu gestatten, sondern auch um die! hohe Regierung zu vergewissern, daß, wenn sie den Juden das Recht einräume, Aemter zu bekleiden, nicht am Ende ein jüdij scher Dorfbürgermeister als Polizeichef sich weigern würde,! einen Haftbefehl am Sabbat zu unterschreiben, wodurch es einem Vagabunden gelingen könnte zu entwischen"). König Ludwig wechselte jedoch seine Methoden so rasch, wie seine ipätere Beraterin, Lola Mvntez, ihre Anbeter. Ain l6. SePannber 1835 war jüdischen Schülern öffentlicher Schulen das schreiben am Sabbat zur Pflicht gemacht; am 31. August u>38 wurden sie dieser Verpflichtung in Gnaden enthoben. Ebenso wurde die frühere Begünstigung der Liberalen in Ungnade verwandelt, und die bekannte königliche Order vom .:3. Oktober 1838 verlangte, daß „nur den echten mosaischen Glaubenslehren und Zeremonialsatzungen treu anhangende, nicht verderblicher Neologie huldigende Kandidaten" als Rabviner ernannt werden"). Die intime Geschichte dieser Bewegung ist noch nicht geschrieben worden, und so wissen wir nicht, warum einige Jahre vorher, wie uns Rabbi Wolf Hamburger in der Vorrede zu seinem „Simlath Binjamin"") mitwilt, seine Jeschibah polizeilich geschlossen wurde, während einige nähre später sich die der Neologie huldigenden Rabbiner der besonderen Aufmerksamkeit einer wvhliüblichen königlich bayerischen Polizei zu erfreuen hatten. Jedenfalls war Rußland durch seinen niesandten am bayerischen Hofe von diesen Vorgängen unterrichtet"), und ohne Zweifel war die Idee einer Synode der bayerischen Regierung empfohlen worden, da der bayerische Minister Fürst v. Oettingen-Wallerstein sich im Landtage beklagte, daß die Juden nicht die geringfügige Summe von von 3000 Gulden für ein Konsistorium aufbringen mögen?*) Nikolaus, von dem zeitgenössische Memoiren erzählen, daß er vom Exerzierplatz in den Palast zurückgekchrt, seine erstarrten Hände an dem Rücken der Damen des Hofes wärmte, indem er sie hinter ihre Kleider schob, wa.r gewohnt, bei der Durchführung seiner Absichten rasch zuzugreifen. Er erließ das Gesetz vom 13. April 1835, welches durch kaiserlichen Be-; uhl die Juden dem Ackerbau, dem Handwerk und der weltlichen! Bildung zuführen, d. h. sie rusfifizieren wollte. Westeuropäische! Juden, die den halbasiatischen Despotismus nicht kannten, glaubten an ehrliche Absichten, und daraus floß die Aktion Ludwig Philippsons, der dem Grafen Uwarow den Vorschlag machte, durch Verbreitung weltlicher Bildung die Juden, so wie! das in Deutschand geschehen war, ihrer Umgebung geistig j näher zu bringen. Lilienthal glaubte ebenfalls an das llniversalmittel, das Seine Durchlaucht der Fürst v. Octtingen-Wallerstein empfohlen hatte. Er hatte die Ehrlichkeit der Regierung und die Bereitwilligkeit der Bevölkerung zu hoch ein- 16) Achawa, Jahrbuch, 1865, S. 127 bis 128. „Monatsschrift", 54, T. 264 bis 265. 17) Döllinger, Neue Folge, Bd. 22, S. 427. — „Allgcm. Zeitung d. Judentums" 1838, Nr. 153. — Creizenach: „Chisuk Hathorah", S. 1. 18) Fürth, 1840. w) „Monatsschrift", 57, S. 494. 1913. "") „Allgcm. Zeitung d. Judentums" 1837, S. 301. geschätzt. Das letztere Moment würde auch bei günstigeren politischen Verhältnissen der Regierung dem Vorhaben schwere Hindernisse bereitet haben. Das deutsche Judentum gilt den polnischen und russischen Glaubensgenossen als ein verwässerter Artikel. Lilienthal erzählt es uns selbst in zwei interessanten Anekdoten. Auf den Rat der Gesinnungsgenossen in Wilna besuchte er persönlich Woloshin, um dem Direktor der dortigen Jeschibah, Rabbi Isaak ben Ehajim, Reb Jtzele, für das Projekt der modernen Erziehung zu gewinnen. Reb Jtzele lud ihn ein, Kiddusch zu machen, und als er sich dessen entledigt hatte, sagte der Rabbi: „Ihr sprecht das Hebräische aus wie ein Pro-- selyt." Noch schlimmer spielte ihm ein Vertreter des alten Judentums, Rabbi Nechemjah, in Riga mit. Als Lilienthal von seinem ersten Besuche nach St. Petersburg zurückkehrte, wollte Nechemjah alle Neuigkeiten wissen. Lilienthal war voll von Enthusiasmus über die Aussichten, aber Nechemjah schüttelte den Kopf. Lilienthal könne schon darum nichts ausrichten, weil ... er wolle das in einer Anekdote Vorbringen. Einmal wollte der Kaiser einen Juden haben, um sich über jüdische Fragen zu informieren. Er schickte an die jüdische Gemeinde einen Brief mit dem Aufträge, ihm einen Vertreter zu schicken. Die Juden wollten begreiflicherweise einen günstigen Eindruck machen, suchten einen Mann heraus, der gut Russisch sprechen konnte, ließen ihn rasieren und steckten ihn in Kleider neriester Mode und schickten ihn so zum Kaiser. Als der Kaiser seiner unsichtig wurde, sagte er: Dich wollte ich ja nicht. Ich habe doch der Gemeinde den deutlichen Auftrag erteilt, mir einen Juden zu schicken. (Schluß folgt.) Aus Henriette Goldschmidts jungen und alten Tagen. Z u i h rem 90. Gebu rtstag a m 2 3. Nove m b er 19 1 5. Von Regina Neiß« r. enriette Goldschmidt, deren 70. und 80, Geburtstag bog deutschen und jüdischen Frauen festlich begangen worden ist, verdient auch an ihrem 90., den sie in seltener körperlicher Frische feiert, ein Wort der Ehrung in diesen Blättern, die ihrer schon früher manchmal dankend und rühmend gedacht haben. Sie wurde am 23. November 1825 in Krotoschin als die Tochter des angesehenen Großkaufmanns Benas geboren. Geistige Interessen waren ein Erbgut ihrer Familie. Schon ihr Großvater besaß neben hoher jüdisch-theologischer moderne deutsche Bildung, so daß er „der deutsche Benas" genannt wuvde. Wie Henriette in den dem Andenken ihres 1888 Heimgegangenen Gatten gewidmeten „Gedenkblättern" berichtet, zählte dieser Großvater zu den Jüngern Moses Mendelssohns. Während der Vater durch sein Streben vorbildlich für seine vier hochbegabten Kinder wurde, konnten diese, frühzeitig der Mutter beraubt, durch die Frau, die berufen war, sie ihnen zu ersetzen, keinerlei geistige Anregung empfangen. Eine „Märchentante", eine Frau von geistiger Begabung, versammelte die geistig überaus regsamen, lebhaften Geschwister an den Sonnabendnachmittagen um sich und weckte durch ihre Erzählungen in deren Herzen die Liebe zur Poesie. Henriette besuchte mit ihrer jüngeren Schwester Ulrike, der späteren K.'."3p* 'ri'Wffa-

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