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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 kamen eine polnische und vier deutsche Gemeinden; drei von ihnen erwählten Lilienthal als ihren Rabbiner, so daß er abwechselnd in ihnen predigen sollte. Er hoffte offenbar im freien Lande die Ideale des vormärzlicheu Judentums verwirklichen zu können und ging im Jahre 1846, ein Jahr nach seiner Ankunft, an die Gründung eines Konsistoriums, das den Titel Beth Din führte. Die Institution war eine Seifenblase. Zu einer Neugründung war die Jndenheit des Landes, die auf dem Pietätsgefühl der Tradition aufgebaut werden mußte, am allerwenigsten der richtige Platz. Auch sonst muß Lilienthal Grund gehabt haben, mit seiner Stellung unzufrieden zu sein, denn er gab sie bald auf, um sich der Leitung einer Privatschule zu widmen, die damals bei einein jüdischen Publikum, welches noch von Hause an die jüdische Schule gewohnt war. eine Notwendigkeit war. Im Jahre 1855 nahm er einen Ruf an die Gemeinde Bne Israel in Cincinnati an und trat so wieder in die seelsorgerische Tätigkeit ein, der er bis zu feinem am 5. Jlpril 1882 erfolgten Tode treu blieb. Cincinnati war die Pioniergemeindc des Westens. Der erste Jude, ein Engländer, namens Joseph Jonas, kam 1817 in Cincinnati an, und zwei Jahre später konnte man den ersten Gottesdienst an den hohen Festen feiern. Im Jahre 1824 war die Zahl der Juden bereits so gewachsen, daß man eine Gemeinde bilden konnte. Da die englischen Juden, wahrscheinlich weil sie ihre Rabbiner und Vorbeter zumeist aus Polen bezogen, dem polnischen Minhag folgten, blieb die neue Gemeinde auch diesem Minhag treu. Mit dem Anwachsen des aus Deutschland eingewanderten Elementes bildete sich dann im Jahre 1842 eine Gemeinde, die dem deutschen Ritus folgte und sich Bene Jefchurun nannte. Diese Gemeinde wählte im Jahre 1854 Jsaac Mayer Wise zu ihrem Rabbiner. Wise, der ein Jahr später als Lilienthal in Amerika ankam, wurde mit dem letzteren vom ersten Augenblicke an befreundet und nach Albany, New Pork, empfohlen, von wo er nach sechsjähriger Tätigkeit nach Cincinnati berufen wurde. Wise und Lilienthal blieben während ihres gesamten Wirkens Freunde. Lilienthal hatte Wise als Mitglied seines ephemeren „Beth Tin" ausersehen, und in Cincinnati beteiligte er sich an der Herausgabe des „American Jsraelite", gegenwärtig die älteste und gelesenste jüdische Zeitung Amerikas, und an ihren: deutschen Beiblatte, „Die Deborah", ein Jahr später, 1855, gegründet, deren Redaktion anfangs Lilienthal zumeist selbst führte. Ebenso war er später Wises neidloser Mitarbeiter bei der Gründung des Hebrew Union College, der ersten im Jahre 1875 gegründeten Rabbinerbildungsanstalt in der Neuen Welt. In religiöser Beziehung machte Lilienthal die Wandlung mit, welche fast alle aus Deutschland eingewandertcn Rabbiner durchmachten. Als er in New Port seine Stelle antrat, sprach er sich scharf gegen die kurz vorher abgchaltcnc Rabbinerkonferenz in Frankfurt a. M. und ihre destruktiven Tendenzen aus. Als der Nachhall der Bewegung von 1848 sich bei den zahlreichen deutschen Einwanderern in New Jork fühlbar machte, war auch Lilienthal, wie wenigstens David Einhorn in seiner Zeitschrift'') berichtet, eines der tätigsten Mitglieder in dem freidenkerischen Verein der Lichtfreunde. In Cincinnati nahm er anfangs eine konservative Stellung ein. Die Reformen, welche in seiner Gemeinde eingeführt wurden, bewegten sich zumeist aus dem ästhetischen Gebiete, wie sie I. N. Mannheimer in seinem Gebetbuche einführte. Erst etwas später führten zwei Faktoren zu einer mehr durchgreifenden Aenderung. Da bei der starken Zuwanderung deutscher Elemente die polnisch-englischen Mitglieder bald in die Minderheit gerieten, entspann sich ein Kampf um die beiden Riten. Zugleich trat das bürgerliche Bewußtsein der neuen Einwanderer, die mit einem Schlage der demütigenden Stellung entwuchsen, welcher sie damals noch in den meisten deutschen Staaten, besonders in Bayern, unterworfen waren, stärker hervor. Der Ruf: „Amerika ist unser verheißenes Land" war der Fundamentalartikel des amerikanischen Judentums geworden. Ferner war der Jude der entschiedenste Vertreter der absolutinterkonfessionellen Schule, die keinen Religionsunterricht zuließ. Die Kenntnis des Hebräischen, die bei den jungen Einwanderern fast niemals weiter als bis zur mechanischen Kenntnis des Ritus ging, nahm in der nächsten Generation noch mehr ab. Die Einführung der Landessprache auf breiterer Basis wurde mehr und mehr nötig. Der nächste Schritt waren Konzessionen an die gesellschaftlichen Gewohnheiten der Neuen Welt: die Abschaffung der Frauengalerie, der Kopfbedeckung der Männer, die Einführung des Frauenchores und der Orgel; der Grundton in dogmatischer Beziehung aber blieb der Leitsatz, den Lilienthal bei der Grundsteinlegung des neuen Tempels am 5. Juni 1868 ausgesprochen hat: „Washington ist unser Zion, Amerika unser Kanaan." Im öffentlichen Leben nahm Lilienthal eine hervorragende Stellung ein. Er war Mitglied des städtischen Schulrates, des Aufsichtsrates der neugegründeten Universität von Cincinnati und der medizinischen Schule. Durch glückliche Anlage seiner Ersparnisse brachte er es auch zu erheblichem Wohlstände und seine Kinder gelangten zum Teile zu hervorragendem Reichtnme. Sein Sohn Philipp, der im Jahre 1908 bei einem Automobilunfalle getötet wurde, war einer der führenden Bankiers San Franciscos. Somit hatte Lilienthal den freien Kampf um eine Existenz in dem Lande der Trennung von Staat und Kirche, äußerlich genommen, nicht zu bedauern. Seine geschichtliche Bedeutung hat er jedoch nicht dem glücklichen Amerika, sondern den fünf Jahren unter der russischen Knute zu verdanken. Dieser Tätigkeit seien einige Worte geschichtlicher Würdigung gewidmet. Das Projekt Uwarows ist ohne Zweifel aus der Julirevolution hervorgcgangcn. Die Ereignisse, die sich so unerwartet in der französischen Hauptstadt abgespielt hatten, hatten das mühsam errichtete Bauwerk des Wiener Kongresses wie ein Kartenhaus durcheinandergeworfen und die „Heilige Allianz", die dieses Werk krönen sollte, war als Schrulle eines weltfremden Träumers entlarvt worden. Die süddeutschen Staaten, die geographisch Frankreich am nächsten standen, fühlten den Einfluß zuerst. In der Erkenntnis, daß Talleyrands Legitimitätsprinzip nicht auf sicherem Fundament beruhe, lag die Notwendigkeit, dem Zeitgeiste Konzessionen zu machen, und diese schloß eine Revision der Judengesetzgebung ein, wie ja auch die „Heilige Allianz" die Stellung der Juden zu einem Punkte ihres reaktionären Programms gemacht hatte. Auf die Petition der Juden, die am 9. März 1831 überreicht wurde, antwortete der Landtag, daß die Juden eine Synode ins Leben rufen sollten, die „das pharisäische Joch des Gesetze" abschaffen sollte"). Aehnlich ging es in Bayern, wo der Landtagsabschied vom 29. Dezember 1831 eine „umfassende Revision der über die Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen bestehenden Gesetze" versprach"). Aber auch hier erschien es nötig, daß die Juden zuerst die „Gebrechen und Spaltungen" in ihrer Religion durch eine Versammlung von Notabeln Hinwegräumen sollten"). Solche Notabelnversammlungen wurden denn auch in den verschiedenen Regierungsbezirken zusammengerufen, um die Juden „unseren Sitten" näher zu bringen, und nicht nur den Schülern in der Schule “) Lewin: „Geschichte der badischen Juden", S. 273 bis 243. Rießer: Schriften I, S. 83. «) „Monatsschrift f. G. u. W. d. I.", 54, S. 202 bis 203. 1910. “) Fürst: „Christen und Juden", S. 299. ") Sinai I, S. 204.

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