Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 erläutert, wie die Juden in den Kämpfen von 1849 und 1864 gegen Dänemark, 1866 in dem deutsch-österreichischen Kriege vollkommen ihre Pflicht taten und manche Anerkennung dafür fanden. Viel lebhafter — dies zu zeigen ist Aufgabe des vierten Abschnittes — äußerte sich ihre Sympathie für den nationalen Krieg des Jahres 1870. Nun fühlten sich die Juden, gestärkt durch die 1869 erfolgte vollkommene Gleichstellung, gänzlich als Deutsche, strömten massenhaft zu den Fahnen und stritten mit derselben Tapferkeit wie ihre andersgläubigen Landsleute. Es wird im einzelnen dargelegt, wie sie für diese Tätigkeit belohnt wurden. Vielstimmiger als in früheren Kriegen war ihre literarische Beteiligung. Diese äußerte sich in politischen Zeitungen, in Witzblättern, sie bekundete sich in Dichtungen, wie Heinrich Schwarzschilds „Während des Krieges", in Briefen Berthold Auerbachs, in seiner Broschüre „Wieder unser" und in seinem Roman „Waldfried". Der fünfte und letzte Abschnitt geht auf den noch immer dauernden Weltkrieg ein. Die Stimmung der Juden wird auseinandergesetzt, das ganz ungewöhnliche, opferbereite Hindrängen zu den Fahnen, ihre echt deutsche Gesinnung, die sich trotz des säst unmittelbar vor dem Kriege stark sich äußernden Antisemitismus bekundete und trotz mancher Zurücksetzungen, die sie durch Nichtberücksichtiguug ihrer Offiziersgualität erlitten hatten. Es werden die bekanntgewordenen Zahlen der Beförderungen jüdischer Jünglinge und der Ordensauszeichnungen mitgeteilt, es wird auf das Wirken der Feldprediger hingewiesen, es werden die Vorwürfe entkräftet, die man gegen die Juden trotz des „Burgfriedens" zu erheben versucht hat. Mit ganz besonderer Entschiedenheit werden die Anklagen entkräftet, die man den Juden wegen ihrer „Drückebergerei" gemacht hat, wird namentlich das angebliche Einschleichen in die Kriegsgetreide-Gesellschaft nach authentischen Aktenstücken beleuchtet. Aber auch die Unbilligkeit, die noch immer seitens des Reserveoffizierkorps den jüdischen Aspiranten znteil wird — eine Zurücksetzung, die der Willensmeinung des Allerhöchsten Kriegsherrn in keiner Weise entspricht —, wird anfgezeigt und bekämpft. Tie literarische Beteiligung der deutschen Juden am Weltkriege wird mit Hinweis auf viele bedetitende Schriftsteller dargetan und zur Probe wird auf Dichtungen von Hugo Zuckermann und Walter Heymann hingewiesen. Die Schrift schließt mit folgenden Sätzen: „Dies ist die Gesinnung, die die deutschen Krieger jüdischen Glaubens, die die daheimgebliebenen Männer und Frauen belebt, stärkt, erfüllt, die sie befreiend von dem Einzelschicksal, loslösend von eigensüchtigem Begehren zum Allgemeinen emporhebt, die sie von dem Augenblick hinwegträgt zur Ewigkeit. Die deutschen Juden, die sich, dank Moses Mendelssohns unsterblichem Wirken, als Deutsche zu erkennen gelernt haben, die mit ihrer ganzen Kultur in Deutschland wurzeln und die durch Tat und Wort, durch Leben und Gesinnung sich in diesen furchtbar ernsten Zeiten eins fühlen mit ihren Landesgenossen, sie haben ihre Pflicht erfüllt und werden sie weiter üben, solange der Krieg auch dauern mag. Sie haben ihr Blut freudig hingegeben, haben die schwersten Opfer gebracht, werden nie ermüden, alles zu geben, was man von ihnen fordert. Sie preisen dies nicht als besonderes Verdienst, sie verlangen für ihre Pflichterfüllung keinen Extralohn, sie fordern nur Gleichberechtigung im Krieg und im Frieden, freien Raum für die Betätigung ihrer Kraft, nicht Duldung, kein Geschenk, sondern Gerechtigkeit, Anerkennung ihres Glaubens und ihrer Eigenart. Sie geloben in treuer Liebe zu Kaiser und Vaterland, in Verehrung und Heilighaltung der großen deutschen Kultur: Deutsche zu sein mit Deutschen!" Ludwig Geiger. Die Woche. Berlin, den 16. November 1915. an erinnert sich, daß fast seit Beginn des Krieges eine sogenannte Prophezeiung viel verbreitet war, die das Ende des Krieges auf den 11. November 1915 verkündete. Angeregt durch diese Verheißung, unterstützt durch das Glockengeläute, das in den Morgenstunden des 11. November in Berlin erklang, durchliefen die Residenz ungeheuerliche Gerüchte, die.in vielen Stadtteilen das Hissen von Flaggen zur Folge hatten. Es wurde nämlich überall erzählt, Dünabu.rg sei gefallen, sodann, Serbien habe sich ergeben und um einen Separatfrieden nachgefucht. Beide Gerüchte und andere mehr haben sich nicht bestätigt. Und das Morden geht unaufhörlich weiter. Im Westen, Norden, Südosten und im Süden wird weiter gekämpft. Besonders heftig ist der Ansturm der Italiener gegen Görz. Er ist wiederum in glänzender Weise abgeschlagen worden, trotz aller Lügennachrichten der Italiener. Vom Westen liegen so gut wie keine Nachrichten vor, atrßer daß die Franzosen Schauermären von angeblichen Grausamkeiten gegen Gefangene und gegen wehrlose Feinde verbreiten, um den Haß und die Erbitterung ihrer Truppen anznstacheln. Vom russischen Kampfplatz ist wenig zu melden. Aus dem Balkan hört man, daß die Serben immer iveitcr zurückgedrängt werden, daß die von den deutsch-österreichischen und bulgarischen Truppen erlangte Beute an Gefangenen, Munition, Lebensmitteln, Eisenbahnzügen ins Ungeheure geht, daß die Serben bei ihrer kopflosen Flucht große Lazarette und eine Masse gefangener Oesterreicher zurückgclassen haben, daß die Verbindung zwischen den verschiedenen serbischen Armeen zerstört ist. Nach einer freilich unbestätigten Nachricht soll die serbische Regierung, die freilich den Kampi bis anfs äußerste proklamiert, nach Italien geflohen seist Wir müssen die Entwicklung dieser Ereignisse ruhig abwarteu Unterdessen haben unsere Unterseeboote, wenn fit auch, mit Rücksicht auf Amerika, ihre Arbeit an den englischen Küsten eingestellt haben, wackere Arbeit im Mittelländische! und Aegäischen Meer getan, englische, französische, italienisch: Transportschiffe vernichtet. Dabei ist allerdings wieder de: Fall eingctreten, daß auf einem italienischen Dampfer fick verschiedene amerikanische Bürger befanden, die mög lichcrweise untergegangen sind, und es muß vermutet werden daß dadurch ein neuer Anlaß zu Verwicklungen mit Amerika gegeben ist. Sonst aber scheint gerade A m e r i k a, wenn es auch nich zu der richtigen Erkenntnis wirklicher Neutralität gelangt ist doch einzusehen, daß. die völlige Unterbindung seines Handel mit neutralen Ländern nicht weitergehen darf. Eine seh energische Note Amerikas an England fordert den freic! Handel für die Vereinigten Staaten. Schon wird die Nachrich verkündet, daß viele amerikanische Schiffe mit Ladungen unter Wegs sind, die nicht mit Bannware befrachtet sind — ausdrück lich aber wird Baumwolle als deren Inhalt erklärt - für die freie Durchfahrt gefordert wird. Zu einer solch energischen Sprache hat sich der Präsiden Wilson, der neuerdings sich zu Drohungen gegen die Deutsch Amerikaner verstiegen hat, nicht durch eigene bessere Erkenn nis aufgerafft, sondern durch Furcht vor dem Kongreß. Ten : dieser scheint entschlossen, von England zu fordern, was die ' Beherrscherin der Meere nicht gutwillig gewähren will. Wen > es auch den Vereinigten Staaten kaum möglich sein würd mit Waffengewalt von England die Erfüllung seiner Fvrd>- rungen zu erzwingen, so hat es die Mittel in der Hand, bst Nichtgewährung seiner Wünsche, Munitionslieserungen in Ztkunft zu verweigern. Das geschieht freilich nicht aus Mensch-