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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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lichkeit, nicht aus der Erkenntnis, daß es ein Hohn auf wahrhafte Neutralität ist, eine der kriegführenden Mächte mit Kriegsmitteln zu versorgen, sondern aus reinem Geschäftssinn: der Handel mit den neutralen Mächten, ohne daß gefragt wird, ob diese die Waren nach Deutschland ausliefern oder weitergeben, ist ihnen, namentlich für die Zukunft, wichtiger als Waffenabgabe an England und dessen Verbündete. Liegt in diesen: möglichen Abschneiden von Munitionszufuhr eine große Gefahr für England und seine Freunde, die durchaus nicht imstande sind, die Munition, die sie brauchen, selbst zu erzeugen, so liegt eine noch größere in der Möglichkeit, daß die Deutsch-Oesterreicher, mit Bulgaren und Türken vereinigt, sobald sie mit dem Balkan fertig sind, den kühnen Schritt nach Aegypten wagen. Schon hört man, daß England eine große Streitmacht (man spricht von 100 000 Mann), nach Aegypten geworfen habe, um der drohenden Gefahr entgegenzutreten. # Von sonstigen Nachrichten liegt nicht viel vor. Aus den neuen Berichten des Feldrabbiners D r. Baeck („Gemeindeblatt der Berliner Gemeinde", 5. Jahrgang, Nr. 11) sei folgende allgemeine Betrachtung 'hervorgehoben: Ein Urlaub, der mir bewilligt worden ist, hat mich in die Heimat geführt imd nrich unter den Eindruck des Gegensatzes zwischen hier und draußen gestellt. Statt eines eigentlichen Berichtes seien daher einige Gedanken dargelegt, wie sie dieser Heimweg wachrief, auf Grund von Beobachtungen über den Umkreis des Willenslebens im Felde. Das Leben drallsten hat seine besondere Weite und seine eigeile Begrenzung, oder um es noch anders anszudrücken, seine geräumige Selbständigkeit und seine harte, bestimmte Einordnung. Freiheit und Gehorsam sind dort anders beschaffen und anders gerichtet, als sie in den vergangene!: ruhigen Jahren für einen jeden gewesen sind. Es herrscht draußen eine größere Freiheit dadurch, daß das Leben loeniger kompliziert, weniger zusammengesetzt und verwickelt ist. Man wird rllhiger und „philosophischer" im Denken illld Urteilen und auch im Handeln. Die Nebendinge des Daseins, diese Kleinigkeiten, die in manchem Leben das Große und Beherrschende * sind, müssen sehr rasch schwinden, und auch die Kleinigkeit kann darum seltener werden. Die Umstände sind geringer und infolgedessen aud; die Umständlichkeiten. Das meiste von dein, was bloß Konvention ist, das bloße Künstliche des Verkehrs fällt ab; neben beit Notwendigkeiten des Lebens bleibt wenig Platz für das, was als bloß angenommenes oder erlerntes Bedürfnis oder als Spiet mit der Zeit in gewöhnlichen Tagen so viel Raum fordert. Alle Verhältnisse des Daseins werden einfacher, und diese Einfachheit schafft eine gewisse Unabhängigkeit von den Menschen und den Dingen. Am ehesten und greifbarsten zeigt es sich schon in der Nahrung, in ihrer Art und ihrem Umsang. Aber ähnlich ist es in manch anderer, auch in geistiger Beziehung; man lernt, zu sich zu kommen und mit sich zusammen zu sein. Alan wird auch darin philosophischer, und manches von dem, was einst bewegt und erregt hatte, erscheint recht klein. Diese Freiheit tritt selbst in dem rein Militärischen hervor. Der einzelne ist häufig auf sich selbst angewiesen und nur auf sich gestellt; er ist weniger beaufsichtigt und überwacht. Die Anordnungen können ulten ins einzelne gehen; nur die allgemeine Richtung kann angegeben werden. Die erforderlichen Schritte müssen dem Verständnis und dem Entschlüsse eines jeden überlassen bleiben. An die Stelle der genauen Befehle, die der Vorgesetzte gibt und die das Nachdenken ersparen, kommt die eigene Ueberlegenheit oder die Beratung mit den Kameraden; sie bestimmt oft den Platz und den Weg, und der Verständige wird ein Führer, ohne daß er ein Vorgesetzter ist. Es handelt sich meist mehr um ein Horchen auf die Pflicht als um ein Gehorchen, und so kann ein geistiger und moralischer Einfluß geltend werden. Hierin liegt nun aber auch die strenge Grenze der Freiheit. Da jeder oft auf sich gestellt ist, so erfährt er um so stärker, wie sehr ein jeder auf die Pflichterfüllung des anderen angewiesen ist, wie jeder ein Glied in einem großen Ganzen ist, in welchem es keine Lücke geben darf; er empfindet, wie vieles davon abhängt, daß er auf seinem Platze steht. Er steht n e b e n den anderen, und darum fühlt er die Wucht der Verantwortung, die ihm und jedem obliegt, diese Bereitschaft und Gemeinschaft, welche jede Stunde fordert, dieses gemeinsame Geschick, das ihn an die anderen und sie an ihn schmiedet. Für das, was man im alltäglichen Leben Freiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit nennt, bleibt so kein Raum. Jeder lebt in einer festumschlossenen Welt der Pflicht, wie er sie vorher so ernst und stetig nicht gekannt hat. Von der Gefahr, die die Stunde bringen kann,' ist hier ganz abgesehen; sie tritt auch ganz zurück hinter der ernsten starken Bestimmtheit der Forderung, die den Inhalt der Tage bildet. Das ganze Dasein steht unter einem ununterbrochenen Gehorsam. Es sind begreiflicherweise nur allgemeine Linien, die hier gezeichnet werden. Zwischen ihnen gibt es Menschliches und allzu Menschliches, bald mehr, bald weniger, und jeder wird von besonderen Erfahrungen zu erzählen wissen. Aber diese Linien bezeichnen doch wohl ein Wesentliches, und sie geben zugleich eine Richtung für die Hoffnung aus die Zukunft. In ihr sollte dieses Eigentümliche und Charakteristische erhalten bleiben: die sichere Unabhängigkeit, die in der Erhebung über das Kleine und das Künstliche gegeben ist, sowie dieses andere: der gemeinsame Gehorsam gegen die Aufgabe und die Freiheit in der Pflicht, die darin jedern gewährt sein soll. Endlich stehe hier ein Bericht des Herrn G. v. Lessen aus dem „Reichsboten": In K!l l d s ch i war es, einem der zahlreichen entsetzlich schmutzigen Nester Litauens, bei denen es nur fraglich bleibt, ob sie an Hunden gemischtester Abstammung oder sonstigem Ungeziefer reicher sind. Dort lagen Truppen des Zaren. Die wurden von unseren Feldgrauen überfallen. Das übliche Bild. Heilloseste Verwirrung. Befehle, die niemand verstand und die schon deshalb falsch ausgeführt wurden. Rasendstes Feuer, das nur dem durch die Angst geborenen Drang nach Betätigung entsprang, nrittetc wahllos gegen Freund und Feind. Schreie, die nichts Menschliches mehr hatten, ertönten. Feuerbrände sandten zitternde Lichtgarben in die Nacht. Endlich Schluß. Wir waren die Herren des Ortes. So wurde Kuldschi deutscher Besitz. Doch das im Kriege au der äußersten Front häufige Ereignis wiederholte sich auch hier. Unsere Truppen zogen weiter, die Russen kehrten zurück. Ein furchtbares Strafgericht brach jetzt über die Einwohnerschaft herein. Die bestand nämlich aus Inden, und des Zaren ruhmreiche Truppen konnten doch unmöglich blind wie die Hühner vom Verhängnis ereilt worden sein. Also, klar wie die Sonne, so lag Verrat vor. Die Juden hätten die Deutschen in den Kellern ihrer Häuser versteckt gehalten, von wo aus sie den Ueberfall vollführten. Rache! Das übliche Schlachten, Begehen von viehischen Roheiten, Sengen und Plündern begann unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit. Was der Krieg verschonte, fiel den moskowitischen Horden zum Opfer. Endlich ermüdete aber auch die Hand der blntgewohnten russischen Vaterlandsverteidiger. Der übrig gebliebene Nest der Bewohnerschaft wurde zusammengetrieben, und den Unglücklichen verkündet, daß sie bei Strafe des Erschießens im Falle der Verzögerung binnen sechs Stunden die Heimat zu verlassen hätten. So wird in: Reiche des weißen Zaren — Englands und Frankreichs Mitkämpfer für die Menschlichkeit — die Fracht für die plombierten Viehwagen gewonnen, die, durch Gendarmen bewacht, von Ort zu Ort rollen, bis Hunger und Krankheit, da sowohl Nahrungszufuhr als ärztliche Hilfe ferngeh alter: wird, dem fluchbeladenen Dasein ein Ende bereiten. lieber all diese Vorkommnisse nun wurde durch Abgeordnete, die der linken Seite der Duma angehören, eine eingehende Untersuchung angestellt. Deren Ergebnis war, daß die Bevölkerung zu Unrecht beschuldigt sei. Das nur aus elenden Hütten bestehende Kuldschi hatte nämlich, schon weil der Untergrund zu feucht war und die Einwohnerschaft zu geringe Mittel besaß, um hierfür geeignete Bauten zu errichten, keinerlei Keller. Ein Verrat war überhaupt nicht begangen worden, sondern der Ueberfall war m:r so erfolgreich gewesen, weil des Zaren Truppen es unterlassen hatten, Posten anzustellen. Durch solch irrsinniges Wüten, für das die Vorgänge in Kuldschi nur ein Beispiel sind, soll die dank dem Verlauf dieses Krieges natürlich schon ständig steigende Mißstimmung des Volkes abgelenkt werden. Juden und Deutschbalten sind es zumeist, die, wenn kein anderer Vorwand erfindbar, unter den blödesten Anschuldigungen als Verräter gebrandmarkt, das Opferlamm abgeben müssen. Und daß nun die Lage dieser Unglücklichen, je weiter der Weltenbrand mit seinen für den Zarismus immer drohender werdenden Ereignissen fortschreitet, keine bessere wird, liegt auf der Hand. Aber der Versuch,

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