Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 R o v n st r a ße-S h n a g o g e, lvelche ihm die Verwaltung der Gemeinde zur besonderen Obhut anvertrant hatte. Sämtliche Mitglieder der Familie von hier und auswärts waren anwesend, und manche Träne wurde vergossen bei den Erinnerungen an das, was die Gemeinde in dem Verklärten besaß und jetzt verloren. Anknüpfend an den Tod der Patriarchin Sara, um welche getrauert und geklagt wurde, der Liebesdienste zu erweisen und ihr ein ewiges Ehrengrab ut erwerben, Abrahams Bemühungen galten, wurden die Pflichten >er Gemillus Chassodim, wie sie sich so herrlich im Judentmn entwickelt und bewährt haben, hervorgeho'ben. Auch die Gemeinde übt Gemillus Chassodim, indem sie in d e m Gotteshause, in ivelchem der Heiingegangene jahrelang seines Ehrenamtes gewaltet, wo er stets bemüht war, die Würde und die Andacht zu heben lind zu wecken, in Dankbarkeit und Anerkennung seine Verdienste würdigt; das Ehrenamt eines Gemeindevorstehers ist in der Gegenwart von ganz besonderer Bedeutung und ist voll dem Heimgegangenen in ganz hervorragender tüeife verwaltet lvorden. Das Andenken dieses vortrefflichen Mannes wird innerhalb der Shnagogengenieinde in Ehren fortleben. 22 Frankfurt a. M., 5. November. Bereits zum vorigen Passahü'ste war die Versorgung mit M a z z o t stark in Frage gestellt. Der Mißstand trat damals nur darum nicht so stark in die Erscheinung, weil ein großer Teil des Bedarfes bis zmn Februar bereits hergestellt tnb versandt war, so daß schließlich eine vom preußischen Ministerium bes Innern zur Verfügung gestellte relativ Heine Menge beschlagnah mefreies Mehl genügte, um die Nachzügler zu befriedigen. Es wurden dann durch besondere Verfüglnlg der preußischen, hessischen und badischen Regierung die Versandverbote außer Kraft gesetzt. In diesem Jahre lagen diese Verhältnisse ungleich schwieriger, da die geüimte Ernte von vornherein beschlagnahmt war und eine Freigabe der erforderlichen, ziemlich bedeutenden Getreide- bzw. Mehlmengen zur Verstellung von Vorräten für einen der Verbrauchsregelung nicht unterworfenen Bedarf wenig wahrscheinlich schien. Tank dem Entgegenkommen der zuständigen, Reichsbehörden ist es nunmehr dennoch gelungen, ein Abkommen zu treffen, das die Schwierigkeiten aus dem Woge räumt. Die R e i ch s g e t r e i d e st e l l e hat verfügt, daß die w. forderlichen Mehlmengen durch Vermittlung der Freien Vereinigung uhdie Interessen des orthodoxen Judentums in Frankfurt a. M. m die Mazzot herstellenden Betriebe geliefert werden. Aus die aus den: Mehle hergestellten Mazzot finden die Bestimmungen der 88 47 bis 51 der Verordnung über den Verkehr mit Brotgetreide und Mehl oom 28. Juni d. I. und sämtliche Anordnungen, die seitens der Kom- .nunalverbände auf Grund dieser Paragraphen erlassen worden sind, leine Anwendung. Die hieraus hergeftellten Mazzot können also unbeschränkt im ganzen Reiche versandt werden und unterliegen nicht der Verbrauchsregelung. Dagegen hat sich die Freie Vereinigung verorlichten müssen, durch vertragliche Abmachung mit den Bäckereien dafür zu sorgen, daß die von ihr abgegebenen Mehlmengen ausschließ- I icf) zur Herstellung von Mazzot Verwendung finden, und daß diese Mazzot nur zur Befriedigung des legitimen Bedarfes der rituell lebenden jüdischen Bevölkerung dienen. Zu diesem Zwecke ist eine Veihe von Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, die in einem! orige Woche versandten Rundschreiben der Freien Vereinigung den Bäckereien nütgeteilt wrirden. Die Herstellung des MehleS ist von der Reichsgetreidestelle drei Mihlen übertragen worden, denen die Erfüllung der zu stellenden religiösen Anforderungen zur Pflicht gewacht wurde. Aufgabe der j ü d i s ch e n G e in e i n d c n wird es 'ein, dafür zu sorgen, daß der iu Friedens-Zeiten in vielen Orten übliche Mazzotverkauf zu Delikateßzwecken und an Laufkundschaft in Ladengeschäften vollständig unterbleibt. Wenn nötig, müßte der Einzelverkaus von Mazzot in Ladengeschäften bis acht Tage vor dem Feste durch Polizeiverordnung gänzlich untersagt werden. Die auf oie Feiertagswoche entfallenden B r o t k a r te n werden zurzeit durch Vermittelung der jüdischen Gemeinden eingefordert und dem Kom. mnnalverband zur Verfügung gestellt werden. Dsnrmsrk. 22 Kopenhagen, 5. November. Das Kopen Hagener- Bureau der Zionistischen Organisation (Kopenhagen, Vesbergade 1) veröffentlicht folgende Angaben über die Ergebnisse der Palästinahilfsaktion in den europäischen Ländern, die teils von den Zionistischen Organisationen dieser Länder, teils unter der Beteiligung derselben durchgesührt worden sind: Bulgarien 5000 Francs, D e li t sch land 70 000 Mark, Griechenland 2500 Francs, Holland über 11000 Gulden, Skandinavien 13 500 dänische Kronen; andere europäische Länder etwa 350 000 Francs. Durch Vermittlung des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation wurde außerdem ein Teil der argentinischen Sammlungen in Höhe von 25500 Francs nach Palästina überwiesen, und bei dem Hauptbureau des I ü d i s che n N a t i o n a l fv n d s im Haag gingen weitere 5000 Francs für Notstandsarbeiten ein. Die Hilssgelder aus England sind, ebenso wie die Erträge der Sammlungen in den nutze r c nrop ä i sch e n Ländern, dem Amerikanisch-Jüdischen Hilfskomitee für Palästina zur Verfügung gestellt lvorden, das ans Vertretern des Z i o n i st i s ch e n Exekutivkomitees in New Nork und des A mer i ca n I ew i sh Co m m i t t ee s zusammengesetzt ist. Diese Beträge sind daher in den Ausweisen jenes Komitees inbegriffen. Die Eingänge sowohl der europäischen wie der amerikanischen Hilfsaktion sind den: Palästinensischen V e r t e i l u n g s k o m i t e e in Jaffa, unter Vorsitz des Herrn Dr. R up p i n , überwiesen lvorden. Außer diesen Hilfsaktionen sind auch durch andere jüdische Organisationen Hilfssammlungen für Palästina durchgesührt lvorden, die zum Teil ebenfalls beträchtliche Ergebnisse hatten. — lieber die Lage in Palästina teilt das Kopenhagener Bureau ferner mit: Nach dem Verschwinden der Heuschrecken hat man sich in den Farmen des Jüdischen Nationalfonds und in den Kolonien hauptsächlich dem Anbau von Gemüse zugewandt und auch energisch wieder mit dem Getreidebau begonnen. Es muß überhaupt festgestellt werden, daß in Palästina alles versucht wird, um über die gegenwärtige Krisis hinwegzukommen. Die hebräischen Sch ulen in Palästina sind sämtlich in Betrieb dank der Opferwilligkeit der Lehrer, die trotz der herrschenden Teuerung aus freien Stücken ans einen beträchtlichen Teil ihres Gehaltes verzichtet haben. Die Schulen werden zurzeit von 3110 Schülern besucht, die von 187 Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. Tie ökonomische Situation in Palästina hat sich in letzter Zeit dadurch verschlechtert, daß die Geldsendungen aus dem Anslande fast ganz ausgeblieben sind. Auch die Hilfsgelder von Amerika haben immer mehr und mehr abgenommen, so daß dem Palästinensischen Verteilungskomitee unter dem Vorsitze von Herrn Dr. Ruppin in letzter Zeit nur 15 000 Francs monatlich zur Verfügung standen, während 70 000 Francs Pro Monat dringend benötigt werden. Die Folge öavon ist, daß besonders die Arbeiter Mangel leiden. Es ist zu hoffen, daß die Juden aller Länder mit größter Intensität die Hilsssammlungen für Palästina fortsetzen werden, damit wenigstens für die dringendsten materiellen Bedürfnisse gesorgt werden kann. > > i!! kuhlsvdz. Lodz, 4. November. Das gesellschaftliche und ökonomische Leben kommt nach allen Anzeichen in das norinale Geleise. Die Ordnung der politischen Verhältnisse hat auch die langsame Erholung des Arbeitsmarktes zur Folge. Tie verschiedenen Zweige des Handwerks und der Industrie bekommen mehr Beschäftigung. Die vorher drückende Arbeitslosigkeit geht -allmählich zurück. Die ersten Anzeichen der steigenden Konjunktur nach langem Arbeitshnnger sind natürlich außerordentlich lange Arbeitszeit und Lohndruck seitens der Unternehmer. Die jüdischen Arbeiter treten ihnen durch gewerkschaftlichen Zusammenschluß entgegen. In allen Branchen wird für den Ausbau der professionellen Vereine energisch geworben und gearbeitet. Biele jüdische Arbeiter lassen sich auch durch das Arbeitsamt nach Deutschland anwerben. Die Berichte der im Reiche Beschäftigten lauten ziemlich günstig. Es ist interessant, daß die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in der letzten Zeit bestrebt sind, die Wirkungen der Arbeitslosigkeit auch durch die Bildung von Produktivgenossenschaften zu mildern. Der Erfolg dieser Korporationen ist allerdings abzuwarten, aber das Entstehen genossenschaftlicher Werkstätten ist sicherlich für den Geist der Selbsthilfe der jüdischen Arbeiterschaft von Lodz sehr bezeichnend. Die jüdischen Gewerkvereine begnügen sich nicht mit der Wahrnehmung ihrer Berufsangelegenheiten. Sie sind der Mittelpunkt auch der politisch gesellschaftlichen Wirksamkeit. Das Hauptinteresse konzentriert sich gegenwärtig -auf die Schnlsrag-e. Die polonisierten Juden sammeln energisch Unterschriften für eine Petition, die die Einführung der polnischen Lehrsprache auch in den jüdischen Schulen verlangt. Die jüdisch-nationalen und Arbeiterorganisationen bereiten hingegen eine ähnliche Kundgebung für die Einführung der jüdischen Unterrichtssprache vor. Die Unterschriften für die Petitionen werden zumeist von jungen Mädchen im Aufträge der verschiedenen Organisationen gesammelt. Die jüdische Presse in Lodz klagt, daß die eleganten