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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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552 Und nun, da die junge Mutter außer Gefahr war, sollte das Kind in den Bund Abrahams ausgenommen werden. Er hatte spöttisch-überlegen dazu gelächelt, aber er ließ sie gewähren, ohne zu widersprechen. Die Schwiegertochter wollte es so und sein altes Herz hing voll Zärtlichkeit an dem anmutigen jungen Wesen, fast mehr noch wie an den eigenen Töchtern; die glaubte noch fest und treu, und auch sein Sohn selber hatte sichein Erbteil seiner Mutter, den alten Kinderglauben bewahrt. So mögen sie denn! Man muß den Kindern Konzessionen machen. Allerdings sonst waren zumeist die Jüngeren die Neuerer, die alte Bräuche über Bord warfen, hier war es umgekehrt. Obgleich viele Aerzte den alttestamentarischen Brauch vom hygienischen Standpunkt als einen ausgezeichneten erklärten, hielt er diesen schon längst für eine überflüssige, inhaltlose Zeremonie, die sich überlebt haben müßte, da sie, der Vergangenheit angehörend, ganz und gar nicht mehr in die Gegenwart hineinpaßte. Er empfand ein unbehagliches Gefühl bei dem Gedanken, dabei sein zu müssen, wenn seines Sohnes Sohn, sein Enkel, -der seinen Namen fortführen sollte — er träumte schon stolz von einer Aerztedynastie diese grausame Marter — denn als solche erschien ihm der Akt — erdulden sollte. Er wußte es nur zu wohl, hier lag die große Kluft, die ihn von seinem Sohne trennte. Sie sprachen niemals darüber, aber er wußte, daß der Sohn ungeachtet seiner unbegrenzten Liebe und Verehrung für den Vater dessen Glaubenslosigkeit tief und schmerzlich empfand. Nun schließlich würde es ja auch vorübergehen, wie alles in der Welt vorübergeht! Ein Telegramm, das ihn zu einem ernsten Fall, bei dem weder sein Schwiegersohn noch der Oberarzt der Klinik die Verantwortung tragen wollten, in die Heimat zurückrief, war ihm nur zu willkommen. Er reiste ab und versprach, seinen Winterurlaub bei dem jungen Paare zu verleben. Er richtete sich höher auf — eine tiefe, gesättigte Zufriedenheit erfüllte ihn; es war, als wenn seine Seele ihre Schwingen ausbreitete. Stolz schaute er zurück auf sein Lebenswerk, das er Stein um Stein zusammengetragen und aufgerichtet aus eigener Kraft. Das habe ich erreicht. Keinem habe ich etwas zu danken als mir allein! Er dachte an die einfache Frau, die seinen Namen getragen hatte, seine Studentenliebe, die sich still und fast unbemerkt aus seinem emporsteigenden Leben, in das sie nicht mehr paßte, hinansgeschlichen hatte. Er dachte an seine Kinder, die gut erzogen und wohl versorgt waren, die ihn verehrten und liebten; an den Glanz und Ruhm seines Namens, an den soliden Reichtum, der ihm nicht wie anderen mühelos in den Schoß gefallen war, sondern den er mit eigener Hand in jahrzehntelanger, rastloser, angestrengter Arbeit gesammelt — wahrlich, er konnte befriedigt Rückschau halten. Die Stimme des Kutschers weckte ihn aus seinen Gedanken. Mit der Peitsche auf die am Horizont aufsteigende kleine, weißgraue Wolke, die sich zusehends wachsend ausbreitete, deutend, sagte dieser: „Wir kriegen Schnee, Herr Professor. Na, es ist Zeit." Den Professor hatte die Sehnsucht getrieben. Hier bei dem Sohn, der im Wesen und Charakter seiner Mutter glich, fühlte er sich mehr zu Hause wie bei den Töchtern, die ihm nachgeartet, die seine eigene Hand zu kühldenkenden, starkgeistigen, modernen Frauenerzogen hatte. Hier war ihm wvhler und wärmer, hier legte er alle Schroffheit, allen Stolz, alle Wissenschaft beiseite und wollte nichts sein, als was auch der Aermste in seiner Familie ist: „Mensch unter Menschen." Es war aber auch ein Glück, daran man sich wärmen und erquicken konnte. Er hatte seine Helle Freude an dem zierlichen, geschäftigen kleinen Mädchen, an dem schon luftig zappelnden Jungen und an der wieder aufblühenden Frische und Schönheit der jungen Mutter. Mit tiefin-nerlicher Befriedigung empfand er, daß es seiner Hand gelungen war, dieses Wärme und Sonnenschein spendende Leben zu erhalten. Stundenlang, wenn sein Sohn über Land war, konnte er bei der Schwiegertochter sitzen und ihrer sinnigen Unter- Haltung, ihren Zukunftsträumen für das liebliche Töchterchen, für den in der Wiege schlummernden kleinen Richard Selbinger zuhören. Luftschlösser über Luftschlösser bauten sie beide — die junge Frau in seligem Mutterglück, der alte Mann, der das harte Leben kannte, mit gutmütig lächelnder Ironie. Abends saß der Professor im „Großvaterstuhl", einem echten uralten Möbel von unbestrittener Ehrwürdigkeit, das der Sohn in irgendeinem Bauernhaus aufgetrieben und für ihn erstanden hatte, schmauchte behaglich sein kurzes Pfeifchen und sah zu, wie die schlanken, seinen Finger der jungen Frau dir Nadel durch zarte weiße Stoffe gleiten ließen, um Gebrauchsgegenstände für ihre beiden Lieblinge zu fertigen-. Doktor Edwin Selbinger hatte nur karge Mußestunden. Er war nicht viel zu Hause. Eine bösartige Kinderkrankheit hieb ihn fast Tag und Nacht auf den Beinen. Er klagte nicht, unk sein Humor ging ihm selten aus. Dem gesunden, kräftige: Mann war es eine Freude und wohltuende Befriedigung, i> schwerer Zeit seine Kräfte betätigen und helfen zu können Nur dem Vater und Arzt gegenüber sprach er zuweilen vor seiner heimlichen Sorge, der zarten, jungen Frau oder der Kindern die Ansteckung ins Haus zu schleppen. Des Kutschers Prophezeiung war eingetroffen, der Schne lag fußhoch. Weltabgeschieden, fast eine Stunde von der Bahn station, lag das Städtchen im Wintersrieden. Der Professo freute sich seiner Ruhe; hier konnte man doch einmal ausatmei. hätte nur diese schreckensvolle Epidemie nicht immer mehr un sich gegriffen. Des Sohnes sich steigernde Besorgnis hatte fit, nun auch des Vaters bemächtigt. „Als Doktor Edwin Selbinger an einem der nächsten Tage z i kurzer Mittagsrast aus der Praxis heimkehrte, äußerte er unbefangen, er müsse am Nachmittage zu einer Sitzung von höchster Bedeutung nach der nahen Kreisstadt fahren; ci sollten Vorkehrungen getroffen werden, um der weiteren Verbreitung der Seuche zu steuern. „Der Sitzung wird gewiß ei: feierlicher Skat folgen," neckte die junge Frau ihren Gatte I und fügte ernst hinzu: „Ich gönne dir von Herzen die kleine I Zerstreuung nach all den Wochen aufreibendster Tätigkeit! Der Professor runzelte die Stirn: „Dir wäre heute auch besftr l gewesen, dich zeitig in die Klappe zu legen und dich einnu l I recht ordentlich auszufchlafen, mein Junge. Siehst schon ga:;> blaß und übernächtig aus. So drei, vier Nächte Hinterei: -1 ander unterwegs, machen den Kräftigsten mürbe. Laß den! Skat fahren und komme nach der Sitzung je früher, desto b^sse . I nach Hause." (Fortsetzung folgt.) I Sprrchsssl. I Es wird gewarnt vor einem gewissen B l u m e n f e l d, der sich a s> Sohn des Zirkusdirektors aus Bremen ausgibt. Nachdem der Mar n» vom Vorsitzenden des Vorstandes in Perleberg, dem er bereits o*| Schwindler bekannt war, abgewiesen wurde, gelang es ihm unt r I lügenhaften Angaben und Vorlegung von ärztlichen Attesten, wonech l er lungenleidend sei und zu einer Operation nach Freiburg sich h'j| geben müsse, bei anderen Vorstandsmitgliedern Beträge zu schwindeln. In Pritzwalk, das gar nicht auf der Strecke nach Fr> i-I bürg liegt, glückte ihm dasselbe Manöver. Indem er so Krankh' itI simuliert, fährt er schnorrend von Ort zu Ort. 1 Deutsche Zentralstelle für jüdische I W an d e.r a r rn e n fü r s o r ge. I

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