Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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551 zugesagt war. Für den Religionsunterricht wurde vollkommene Freiheit von aller staatlichen Beeinflussung zugesichert oder vielmehr zugesagt; Christen sollten nur für weltliche Fächer, aber mit voller Gleichberechtigung verwendet werden. Lilienthal berichtet über die Resultate der Rabbinerversammlung mit großer Genugtuung in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1843, S.674), obwohl gerade während der Tagung dieser Versammlung eines der grausamsten Gesetze des Zaren erlassen wurde, der seinen Namen neben denen von Antiochus Epiphanes und Ferdinand von Aragonien mit blutigen Lettern in die Geschichte des jüdischen Volkes eingeschrieben hat. Am 20. April (2. Mai) 1843 wurde nämlich vas Gesetz erlassen, welches den Juden den Aufenthalt in dem Gebiete innerhalb von 50 Werst von der Reichsgrenze verbot: ein Gesetz, das so tyrannisch und unvernünftig war, daß selbst der despotische Wille eines Nikolaus und die diabolische Staatskunst eines Grafen Paul Jgnatiew es nicht durchführen konnten. Es wurde 1858 und 1895 interpretiert und gibt dem Senat noch jetzt reichliche Arbeit. Zur selben Zeit wurden jüdische Knaben im zartesten Alter abgefangen, in die wildesten Gegenden des Innern von Rußland geschickt oder in Kasernen auf die brutalste Weise für den Militärdienst vorbereitet, der von dem Zeitpunkte ihres Eintrittes in das militärpflichtige Alter begann und 25 Jahre dauerte. Für diese Knaben wurde ein besonderer Katechismus von dem „Heiligen Synod" ausgearbeitet, um sie zur orthodoxen Kirche zu erziehen. Trotzdem hat Lilienthal optimistische Anschauungen von den! Absichten der Regierung. In einem Briefe an seinen zuj künftigen Schwiegervater, der vom 18. Juli 1844 datiert ist,! spricht er trotz der von ihm erwähnten Verfolgungen der! Juden sehr hoffnungsvoll von seinen Aussichten, und in einem Briese an seine Braut, Peppi Nettre"), der vom 8. Dezember 1844 datiert ist, setzt er seinen Plan für die Heimkehr auseinander und will im Mai des folgenden Jahres wieder auf seinen Posten zurückkehren. Was ihn bewogen hat, diesen Plan ausuigeben, ist nicht bekannt. Sagenhafte Berichte melden, daß die Regierung ihm die Alternative gestellt hat, zum Christentum überzutreten; er selbst erzählt es nicht, sondern spricht nur davon, daß er Gott zu Ehren seine Stellung geopfert hat. Er dürfte das Aussichtslose seiner Situation erkannt haben, obwohl es auch möglich ist, daß die Angehörigen der jungen Frau ein Leben in Rußland nicht gerade goutierten und, wenn schon eine nicht ganz gesicherte Zukunft dem jungen Paare bevorstehen sollte, lieber an Amerika dachten, das damals einen mächtigen Strom von bayerischen Auswanderern anzog und ivohin schon ein Bruder Lilienthals und andere Verwandte vorausgegangen waren. (Fortsetzung folgt.) Lauschen Vater und Sahn. Erzählung von Regina Reißer. (Nach einem vorhandenen Stoff bearbeitet.) it£ isig, schneeverkündend, blies der scharfe Nordvst. Der Wagen, der ihn von der Station geholt, rollte auf der Landstraße dahin; rechts und links dehnten sich die braunen, kahlen Felder, an den Knicks hingen noch vereinzelt gelbe Blätter; über der weiten Landschaft wölbte sich der blaßblaue nordische Winterhimmel. Professor Selbinger hüllte sich fester in seinen Reisepelz, zog die Decke höher herauf und lehnte sich behaglich zurück. So *') Philipson schreibt den Namen immer so. eine Fahrt über Land am klaren Dezembermorgen auf offenem Wagen war so recht nach seinem Sinn. Er war kein Stubenhocker und fühlte sich noch nicht alt trotz seiner siebzig Jahre, und trotzdem er schon vor längerer Zeit eines vorübergehenden Augenleidens halber seine Praxis aufgegeben hatte. Mit beiden Füßen stand er noch mitten.im Leben, ließ sich von den auf und ab flutenden Wogen kräftig umbrausen und hielt in der gelassenen Ruhe und Abgeklärtheit des Alters allen Anforderungen der Gegenwart stand. Und wie jetzt die flache, weite Landschaft vor seinen Blicken sich entrollte, wuchs in der Einsamkeit dieser Winterfahrt sein ganzes Leben vor seinem inneren Auge herauf. Seine Werdejahre voll Arbeit und Not und Darben. Mancher Abend, an dem er spät hungernd und frierend unter seine dünne Decke gekrochen war. Mit eiserner Willenskraft und zähem Fleiß hatte er sich durchgerungen, höher und höher steigend, bis auch die anderen den Stempel des Genies auf seiner mächtigen Stirn gewahr wurden. Bis er sich den Platz im Leben erkämpft hatte, der ihm gebührte. Und als Jude! Oft war ihm ein Glaubenswechsel nahegelegt worden, der ihm keineswegs schwer gefallen wäre, aber er wollte der Welt zeigen, daß auch ein Jude sich durchsetzen könne. In seinem engeren Vaterlande herrschte eine freisinnigere, vorurteilslosere Strömung als im übrigen Deutschland, die ihm zugute kam. Man hatte ihn zum Professor an der Universität seiner Vaterstadt ernannt, er war Direktor des städtischen Krankenhauses geworden, ein Kreis von Schülern scharte sich um ihn, den Meister. Sein Haus war jahrzehntelang der Mittelpunkt eines großen, glänzenden Kreises, in dem Wissenschaft und schöne Künste gepflegt wurden. Sein Ruf verbreitete sich und seine Hände sammelten Reichtümer. Die Kinder wuchsen heran, die Töchter machten glänzende Heiraten; einer der Schwiegersöhne, sein langjähriger Assistent, übernahm die große Privatpraxis, die Leitung des Krankenhauses blieb in seinen eigenen Händen. Doch im Augenblick befand er sich auf Urlaub, auf der Reise zu seinem Sohn. Dem Jüngsten und Einzigen, der seinen berühmten Namen fortführen würde, dem jungen Doktor Edwin Selbinger, der, seinen persönlichen Neigungen folgend, das Leben und Wirken in einer kleinen Stadt der bequemeren Großstadtpraxis vorgezogen, der bereits Vater eines kleinen lieblichen Mädchens war, hatte seine Gattin vor sechs Wochen einen Sohn geboren. Hier stockten Professor Selbingers Gedanken, die bisher mit Blitzesschnelle in die Vergangenheit zurückgewandert waren und Bild um Bild ihn vor die Seele gezaubert hatten, bis sie wieder bei der Gegenwart anlangten, und machten eine Ruhepause. Eine schwere Stunde war es gewesen, als dieses Kind zur Welt kam, das seiner jungen Mutter fast das Leben gekostet. Man hatte ihn telegraphisch herbeigerufen. Tag und Nacht hatte man um dieses zarte Leben gekämpft; mit all seiner Kraft, Kunst und Energie hatte er, der alte erfahrene Arzt, es dem Tode abgerungen. Abgetrotzt! Seine Hand ballte sich zur Faust, seine Zähne knirschten; im Vollgefühl seiner Kraft, seines Wissens, seiner Meisterschaft warf er den Kopf zurück, wie er, ein Titan unter seinesgleichen, schon Hunderte, Tausende von Leben dem großen erbarmungslosen Vernichter abgetrotzt hatte. Er war stolz darauf — er glaubte an nichts als an seine Wissenschaft, die es vermag, das menschliche Leben bis an die äußersten Grenzen der Möglichkeit zu verlängern. Unwillkürlich hoben sich seine Blicke, starr und fast drohend schaute er hinauf. Der da oben, zu dem seine Mutter ihn beten gelehrt, an den glaubte er schon längst nicht mehr. Er glaubte nur, was er sah — und wer hätte den da oben wohl jemals mit seinen lebenden Augen und gesundem Verstände gesehen?