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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 freiere Behandlung der Sabbat- und Speisegesetze offen legalisierte, statt sie wie in Europa bloß zu tolerieren. Diese Bewegung begann anfangs der vierziger Jahre in Charleston, Südkarolina, angeregt sowohl durch London, wo im Jahre J841 die West London Synagogue ok British Jews entstand, als auch durch Hamburg, wo im folgenden Jahre durch die Verurteilung der neuen Auflage des im „Tempel" eingeführten Gebetbuches seitens des „Ehacham" Isaak Bernays die dogmatische Frage von neuem aufgerollt wurde. Bei der Einweihung des neuen Tempels in Charleston sagt der damalige Prediger, Gustav Posnansky, am 19. März 1841: „Dieses Land ist unser Palästina, diese Stadt unser Jerusalem und dieses Gotteshaus unser Tempel". Der Gedanke ist, wenn auch nicht genau in derselben Form, schon früher wiederholt ausgesprochen worden, so von Herder in „Tie Bekehrung der Juden'"), von David Friodländer 1812 in dem Enthusiasmus über das Edikt vom 11. März'); Isaak Bernahs spricht in einer behördlichen Eingäbe von einem solchen Ausspruche der Prediger des Tempels'), 1841, und ein Korrespondent des „Orient" macht im Jahre 1848 die Bemerkung, daß man jetzt nicht wie im früheren Landtage sagen werde, Zion ist das Vaterland der Indem'). Lilienthal war einer derjenigen, die diesen Standpunkt mit aller Schärfe vertraten, und bei der Grundsteinlegung des Tempels in Cincinnati am 5. Juni 1868 sagte er: „Wir heutigen Israeliten träumen nicht länger von einer Wiederaufrichtung des palästinensischen Reiches. Amerika ist unser Palästina; hier ist unser Zion und Jerusalem; Washington und die Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung sind unsere Befreier (deliverers)." Noch schärfer sprach sich Jsaac M. Wise, Lilienthals Freund und Kollege, aus, als er bei der 50 jährigen Jubiläumsfeier seiner Gemeinde am 28. Februar 1892 sagte: „Georg Washington ist unser Messias und Amerika unser gelobtes Land." Hingegen scheint es doch etwas anachronistisch zu sein, wenn Herbert Eulenburg in seinem Essay über Jehndah Halevi") einen Zeitgenossen des großen Dichters, den Münzmeister Jbn Jechiel, schon im 12. Jahrhundert sprechen läßt: „Hier in Toledo, der Stadt, ist Neu-Jerusalem." Lilienthal ist daher tatsächlich ein amerikanischer Rabbiner, loie ihn sein Biograph') nennt; er tritt nicht nur für ein kosmopolitisches Judentum, sondern, was nur konsequent ist, für Trennung von Staat und Kirche und besonders für die von allen konfessionellen Einflüssen befreite Schule ein; trotzdem liegt seine geschichtliche Bedeutung nicht in der 37 jährigen Tätigkeit in Amerika, sondern in seiner nur fünf Jahre umfassenden Mission in Rußland, und dieser wollen wir die Zentenarbetrachtung widmen: Max Lilienthal war am 4. November") 1815 in München als Sohn nicht unbemittelter Eltern geboren. Ueber seinen Studiengang ist nicht mehr bekannt, als daß er auf Grund einer Dissertation „Ueber den Ursprung der jüdisch - alexan- „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1897, S. 404 bis 405. y Geiger: „Geschichte der Juden in Berlin" II, S. 211. 4) „Jahrbuch der Jüd, Lit.-Gesellschaft", V, S. 312. 1907. “) Orient, IX, 5. 115. «) Neue Bilder, Berlin 1912, S. 11 bis 12. 7) David Philips»»: ..Max Lilientha], American Rabbi. Lifo and Writings.“ New Port, 1915. s) Die Sache ist wohl unbedeutend, aber da ein definitives Datum angegeben werden soll, mag der Grund für meine Annahme hier seinen Platz finden. Philips»» nimmt (S. 4) im Gegensatz zu ältere» Angaben den 16. Oktober statt des 6. November 1818 als Lilienthals Geburtstag an. Sein Grund ist, daß Lilienthal in einem Briefe an seine-Braut, vom 16. Oktober 1841, von diesem Tage als seinem Geburtstage spricht. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Lilienthal damals seinen Geburtstag nach jüdischem Datum am 1. Marcheschwan feierte, der 1841 auf den 16. Oktober, 1815 auf den 4. November fiel, was man später ungenau »inrechnete. drinischen Philosophie", München, 1839, promoviertes. Sein Verzeichnis der hebräischen Handschriften der Münchener Bibliothek ist das Werk eines jungen Mannes ohne Erfahrung auf dem Gebiete der Bibliographie und mit ungenügenden Kenntnissen der Literaturgeschichte ausgerüstet'"). Durch seine Beiträge für die „Allgemeine Zeitung des Judentums" wurde er mit Ludwig Philippson bekannt, der damals lebhaft an der Verbesserung der Lage der russischen Juden arbeitete und ihn der Gemeinde Riga, die der deutschen Bildung durch ihre Umgebung wie als Hafenstadt besonders zugänglich war, als Direktor einer neugegründeten Schule und als Prediger empfahl. Es scheint, daß die Gemeinde für ihren Prediger eine behördliche Anerkennung erwirken wollte, sei es, daß man dadurch seine Stellung gegenüber den fanatischen Elementen stärken wollte, oder daß man durch den Beweis fortschrittlicher Gesinnung die Regierung zugunsten der Juden zu beeinflussen hoffte. Am 8. Oktober 1839 verließ er seine Heimat, hielt sich einige Tage in Magdeburg bei Ludwig Philippson auf, ging dann über Hamburg und Lübeck nach Rußland, um am 24. Oktober in St. Petersburg einzutrefsen, wo er wegen der Schwierigkeiten, den Minister Uwarow zu sehen, bis Ende Dezember festgehalten wurde, und traf am letzten Tage des Jahres 1839 in Riga ein, wo am 16. Januar 1840 die Schule eröffnet wurde. Die Berichte über Lilienthals Tätigkeit waren offenbar sehr günstige, und im folgenden Jahre wurde er zu einer Beratung nach Sankt Petersburg berufen, um an der Herstellung eines Planes, der die Hebung der Volksbildung unter den Juden bezweckte, mitzuwirken. Er bereiste verschiedene Städte, Wilna, Minsk, Brest-Litowsk, Berdyczew, Odessa usw., um die Juden für das Projekt einer weltlichen Erziehung zu gewinnen. Die Einzelheiten sollen später besprochen werden. Genug, seine Mission war nicht sehr erfolgreich, und darum schlug er dem Minister vor, eine Versammlung von Notabeln zu berufen, welche durch ihre Autorität den Plan des Ministers bei den jüdischen Massen populär machen solle. Zar Nikolaus hatte begreiflicherweise keine Sympathien für irgend etwas, was einem Parlament ähnlich sah, und resolvierte deshalb allergnädigst, daß die Versammlung auf vier Repräsentanten der verschiedenen Richtungen im Judentum zu beschränken sei. Demnach wurden Rabbi Isaak ben Chajim (Reb Jtzele), Haupt der Jeschibah von Woloshin, als Repräsentant der talmudischen Orthodoxie, Mendel Schneiersohn aus Lubawitsch, der Enkel des berühmten Schneor Zalman aus Liadi, als Repräsentant des Chasidismus, und Basilius (Bezalel) Stern, Schuldirektor aus Odessa, und Israel Heilprin, Bankier aus Berdyczew, als Repräsentanten der Aufklärung zu einer Konferenz geladen, die im April 1843 begann. Ihr Resultat liegt in einem Gesetze vor, das am 13. November 1843 erlassen wurde und die Anordnungen über jüdische Schulen enthält. Es war nach europäischem System eine dreistufige Methode vorgesehen. Die primäre Schule sollte den Schüler von zehnjährigem Militärdienst befreien, die sekundäre von fünfzehnjährigem, und die akademische Abteilung, welche zur Ausbildung von Rabbinern und Lehrern bestimmt war, sollte ihren Zöglingen vollkommene Freiheit vom Militärdienst sichern, die auch den Lehrern an allen Schulen ") Pauline Wengeroff, die in solchen Fragen begreiflicherweise nicht gut unterrichtet ist, spricht von ihm (Memoiren I, S. 118 ff.) als einem Doktor der Philologie; hingegen ist es überraschend, daß Lilienthal selbst den Grafen Uwarow zitiert, der ihn dein Präsidenten des Heiligen Synod als Doktor der Philosophie und Physiologie vorstellte (D. Philips»», a. a. O., S. 203.) "') Steinschneider spricht wiederholt in seiner bittere» Weise über Lilienthals Werk (Hebr. Bibliogr. I, S. 75; V, S. 107), aber es genügt zu sehen, daß er noch später Sabbatai Kohen (Schach) als Parnas von Wilna bezeichnet (Philipson, S. 272), um zu erkennen, daß er für derartige Arbeiten die Eignung nicht besaß.

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