Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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548 gestärkt und gereinigt durch die echte Freiheit unserer religiösen Stellung, die Luther uns erkämpft hat, dann, in der großen Zeit der deutschen Dichtung und des deutschen Gedankens, nach allen Seiten herrlich sich entfaltet, in der transzendentalen Methode Kants aber die ganz ihr gemäße, nicht starre, sondern frei bewegliche Form gefunden hat. So verstehen wir es, daß Sie Jahrzehnte der schärfsten Anspannungen des Nachdenkens erst der immer reineren Herausarbeitung dieser Kantischen Methodik widmen mußten, ehe Sie auf so gesicherter Grundlage Ihr eigenes „System" errichten konnten, von dem nun eine unerschöpfliche Fülle neuen Lichts und neuer Anregung zu weiter, immer weiter dringendem Schaffen ausgehen konnte und schon ausgegangen ist. So sind Sie ein „Lehrer der Philosophie" diese fünfzig Jahre hindurch gewesen, nicht uns Marburgern allein, aber doch uns besonders, durch die unvergleichliche Wirkung des lebendigen Wortes. Spüre ich es doch, ich darf wohl sagen, in jeder Seminarstunde von neuem, wie Sie, der Begründer unseres Seminars, sein geheimer Leiter geblieben sind, auch seitdem wir Ihr unmittelbares Wirken in unserem Kreise vermissen müssen. Soll ich zum Schluß aber von mir selbst sprechen — Sie sind mir der Führer zur Philosophie gewesen schon von dem ersten Schritt an, der mich zu ihr brachte. Als es mir dann aber zuteil wurde, als akademischer Lehrer an Ihrer Seite wirken zu dürfen, da ergab es sich ganz „von selbst", daS heißt aber: aus den letzten Gründen Ihrer und meiner geistigen Art, daß unser Forschen und Lehren, so sehr «in jeder in seiner Eigenheit verharrte, doch immer in einer Zielrichtung zusammenstrebte und auch, wenn scheinbar unsere Wege eine Zeitlang nebeneinanderher liefen, doch immer wieder sich zusammensand und daß auch die Kämpfe, die wir für die gemeinsame Sache zu führen hatten, uns nur immer fester zusammenschließen konnten. Freilich wurde dabei Ihren stärkeren Schultern stets die schwerere Last der Mühen und des Ringens auferlegt, in dem Sie unerschütterlich gestanden haben, ein Kämpfer, ein Held. Auf solchem Grunde erwuchs uns eine Freundschaft, die in innerster Gemeinschaft des Wollens rind des Wirkens ihren unwankenden Grund hat. So reiche ich denn heute Ihnen die Hand — dem Meister, dem Genossen der Arbeit und des Kampfes — dem Freunde!" Der Jubilar, sichtlich ergriffen und erfreut, dankte auf beide Reden. Dem Vertreter des Kuratoriums sprach er seinen tiefgefühlten Dank aus und erinnerte an den verstorbenen Vorsitzenden des Kuratoriums, Herman Veit Simon, der mit aller seiner Kraft und Energie ihn dazu bestimmt habe, eine Lehrtätigkeit an der Lehranstalt anzunehmen; seinem ehemaligen Kollegen rief er persönliche Erinnerungen ins Gedächtnis und bekannte freudig die stete Uebereinstimmung und das gedeihliche Zusammenarbeiten mit dem Fachgenossen, der ihm zum wahrhaften Freunde geworden war. Ich möchte diese Zeilen nicht schließen, ohne der Freude Ausdruck zu geben, mit welch jugendlicher Kraft der Jubilar die Anstrengungen des Tages überstand, mit welcher Rüstigkeit er trotz seiner hohen Jahre wissenschaftlich tätig ist, und möchte den Wunsch hinzufügen, daß es ihm noch lange vergönnt sein möge, zur Ehre der Wissenschaft und des Judentums zu wirken. L. G. Lur Lrinneruns an einen Milchen Theologen und Literarhistoriker. Von Dr. Adolph K o h u t. ^^or mehreren Jahren starb in Augsburg, tief betrauert nicht allein von der dortigen israelitischen Kultusgemeinde, sondern auch von allen seinen zahlreichen Freunden, vor allem von der Wissenschaft, einer der hervorragendsten Gelehrten und Forscher unserer Zen, Rabbiner Dr. Heinrich Groß. Mit diesem Landsmann und Kollegen war ich Jahrzehnte hindurch auf das innigste befreundet. Jeder, der mi diesem gelehrten, edlen, liebenswürdigen und bescheidener Menschen je in Berührung tratmußte ihn lieb gewinnen. All ich ihn vor etwa anderthalb Jahrzehnten um einige biogra phische Daten für die erste Auflage meines Werkes „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte de: Menschheit" bat, ging er, wenn auch widerstrebend, auf meir Verlangen ein und übersandte mir eine ebenso interessante wie lehrreiche Selbstbiographie, die aber durch ihr leider verspätete- Eintreffen nicht mehr Aufnahme in dem Werke finden konnte Ich glaube jedoch, einen Akt der Pietät zu begehen und zu gleich einem Wunsch der großen Gemeinde Heinrich Groß' ent gegenzukommen, wenn ich hier anläßlich seines 80. Geburts tag es am 6. November d. I., den zu erleben ihm leider nich mehr vergönnt war, seinen eigenen Rechenschaftsbericht, de: einen Blick in das Leben und Wirken des bedeutenden Mannegestattet, hier wortgetreu wiedergebe. „Am 6. November 1835 in Szenitz, Neutraer Komitat n Ungarn, geboren, wurde ich, früh verwaist, von dem dortiger Rabbiner R. Juda Ossad, einem der berühmtesten Talmudistei seiner Zeit, erzogen und im Talmud unterrichtet. Nebst reiche: Kenntnisse des letzteren, auf die doch damals in Ungarn de: größte Wert bei einem jüdischen Jünglinge gelegt wurde, er warb ich mir mancherlei ziemlich ungeregeltes profane- Wissen. In meinem 17. Jahre erwachte in mir der Drang die alte klassische Literatur kennen zu lernen. Ich besuchte da-: Gymnasium in Nikolsburg von 1854 bis 1859. Der Ruf de-: neu gegründeten jüdisch-theologischen Seminars in Breslai lockte mich hin. Das Absolutorium holte ich 1861 am Gymnasium in Troppau nach, das ich mit der Note „mit Auszeichnung" erwarb. Die Lektüre griechischer und lateinische: Schriften war lange Zeit meine Lieblingsbeschäftigung. Das genannte Seminar, an dem ich 1863 eine von dein Lehrerkollegium gestellte Preisaufgabe „über den Begriff de: Halacha und Haggada" löste, besuchte ich bis 1866 und erhielt bei der Entlassung die Note „mit Auszeichnung". An der Breslauer Universität studierte ich hauptsächlich Geschichte und Philosophie, löste 1865 daselbst eine Preisausgabe „über den Begriff der Materie bei Leibniz" und promovierte auf Grund derselben 1866 an der Universität in Halle magna cum laude. Ich habe am Gymnasium und' an der Universität unter den denkbar drückendsten materiellen Verhältnissen studiert. Ein Umschwung trat ein, als ich am Ende des genannter Jahres im Hause deS Barons Horace Günzburg die Stell: eines Lehrers der Kinder desselben im Lateinischen und Griechischen annahm. Ich weilte daselbst zwei Jahre, stand im regen persönlichen Verkehr mit Dernburg sen., Neubauer und Senior Sachs, bei dem ich mancherlei hebräische Handschriften der Günzburger Bibliothek kennen lernte. Auch in der Nationalbibliothek habe ich verschiedene hebräische Handschriften exzerpiert. Hier legte ich den Grund zu meiner Studien der jüdisch-französischen Geschichte und Literatur. Im Herbste des Jahres 1868 ging ich nach Berlin, wo ick von Zunz, den ich öfter besuchte, mancherlei wissenschaftlich: Anregung empfing und in Steinschneider, in dessen Hause icl die meisten hebräischen Handschriften der Münchener Staats biliothek kennen lernte, einen überaus wohlwollenden, liebens würdigen Lehrer fand. Er bahnte mir den Weg in der jüdi schen Wissenschaft. Ich betrachte mich in dankbarer Erinne rung an seine mir erwiesene Liebe mit Stolz als seinen Schüler Von 1869 bis 1875 wirkte ich als Rabbiner in Groß Strehlitz, wo ich eine zweite Heimat fand, und seit Ende des Jahres 1875 wirke ich in gleicher Eigenschaft in Augsburg in besten friedlichsten Einvernehmen mit der Gemeinde. Mein: