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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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547 Sitzungen beigewohnt, sondern Sie sind trotz Ihrer hohen Jahre und trotz der anstrengenden Reise auch mitten im Semester aus Marburg zu uns gekommen, um an unseren Beratungen teilzunehmen, und haben, wenn Sie anwesend zu sein verhindert ivaren, durch ausführliche Gutachten unsere Beratungen, gefördert und auf unsere Beschlüsse bestimmend eingewirkt. Und ich darf wohl in den drei Worten, die unsere Anstalt trägt, Lehranstalt, Wissenschaft und Judentum, eine Andeutung und Bezeichnung Ihres Lebensprogramms finden. Sie waren und sind ein Diener der Wissenschaft. 3U§' ein iolcher haben Sie Treue gehalten. Treue gegen das einmal ergriffene Studium, obgleich Ihnen die ersten Schritte recht schwer gemacht wurden, Treue in der langen Zeit, da es Ihnen vergönnt war, eine hervorragende Stellung einzune'hmen. Diese Treue haben Sie bekundet dadurch, daß Sie sich nie auf den bequemen und lohnenden Weg leichterer Popularisierung einließen, sondern in schweren, gedankentiefen Werken Ihre Geistesarbeit niederlegten, die nicht bloß für die flüchtig genießende Gegenwart, sondern für einen ernst an sich arbeitenden Leserkreis bestimmt waren. Sie haben neben der wissenschastlichen Schriftstellerei die Lehrtätigkeit geübt. Der Kreis Ihrer Schüler war ein großer; inan spricht mit Anerkennung und Bewunderung von der durch Sie gegründeten Marburger Schule. In dieser Lehrtätigkeit, die Sie durch fast vier Dezennien an der Hessischen Hochschule übten, und nach Ihrer freiwilligen Entfernung von dort in unserer Lehranstalt fortsetzten, haben Sie die Zierde eines jeden Lehrers, die G e w i s s en h a ft i gk e i t , bekundet. Sie haben in Marburg und in Berlin nur eines gekannt: Ihre Pflicht; Ihr Geist i>at dem Körper geboten. Sie kannten keine Unbilden der Witterung, keine Beschwerde des Körpers, keine Unbequemlichkeit, sondern Sie übten mit jener Entsagungskraft des Lehrers in gewissenhaftester Weise nur Ihre Pflicht aus. Und wie an der Lahn, so dankt Ihnen an der Spree eine zahlreiche Zuhörerschaft, die weit über die Grenzen unserer Anstalt hinaus freudig und anerkennungsbereit an Ihren Vorlesungen und an den Hebungen, die Sie im Anschluß an jene Vorlesungen mit erstaunlicher Spannkraft und bewundernswerter Vielseitigkeit leiten, fleißig und lernbegierig teilnimmt. Sie haben während Ihres ganzen Lebens nicht bloß äußerlich, sondern innerlich dem Judentum angehört, dem Sie entstammen. Sie haben sich zwar immer als einen echten Deutschen gefühlt und den ehrlichen Bekennern fremder Religionen die Achtung nicht versagt. Aber Sie haben stets mit männlicher Unerschrockenheit Ihre Zugehörigkeit zum Judentum bekannt, zu seiner Ehre, seiner Kräftigung, seiner Anerkennung in Wort und Schrift wuchtige Kämpfe geführt. Für diese Ihre dreifache Tätigkeit als Forscher, Lehrer und Bekenner des Judentums, für Ihre Treue, Gewissenhaftigkeit und Unerschrockenheit sagen wir Ihnen, den wir stolz den Unfern nennen, unsern Dank. Wir bekennen es freudig: S i e waren unser Gewissen, ein Mahner in den Zeiten der Rot, ein Warner in den Epochen des Glücks oder der Schwäche, ein Ansporner in der Erfüllung der Pflicht und in der Hoffnung auf die Zukunft. Der Dank für diese Ihre gesegnete Tätigkeit sei der beste Glückwunsch, den wir Ihnen an Ihrem Jubeltage aussprechen." Darauf hielt Herr Professor Nätorp folgende Ansprache: „Lieber Meister — lieber Kollege — lieber Freund! Wenn ich es mir nicht nehmen lassen wollte, Ihnen meinen Glückwunsch persönlich darzubringen, so bestimmte mich dazu vor allem Ihre an letzter Stelle von mir genannte Eigenschaft, Die des Freundes. Doch habe ich hier nicht bloß für mich zu sprechen, sondern die Grüße Marburgs zu uberbringen, Marburgs, dem Sie lange Jahre hindurch Ihre beste Kraft gewidmet haben, mit dessen Namen der Ihre auf immer verknüpft ist als der des Begründers der „Marburger Schule" der Philosophie. Schon hat unsere Fakultät durch den Herrn Dekan, unsere Universität durch den Herrn Rektor, unsere Unterrichtsverwaltung durch ihren obersten Leiter ihre Glückwünsche dargebracht; doch sollte es auch an dem persönlichen Ausdruck des Dankes unserer Hochschule für das, was Sie ihr gewesen und noch sind, nicht fehlen. Wem aber hätte es näher liegen können als mir. Ihnen diesen Dank zu übermitteln? Fünfzig Jahre voetor pliilosophiae! An dem Titel trägt sich's nicht allzuschwer; aber Sie haben wie wenige diesem Titel inneren Gehalt zu geben gewußt: ein „Lehrer der Philosophie" sind Sie diese fünfzig Jahre hindurch nicht bloß dem engeren Kreise Ihrer unmittelbaren Schüler, sondern allen, denen „Philosophie am Herzen liegt", gewesen, sind es bis heute und werden es auf unabsehbare Zeit den Mit- und Nachlebenden bleiben. Wenn ich mich nun frage, was Sie zu dieser starken Wirkung als Lehrer der Philosophie befähigt hat, so wird mir, auch indem ich all das mir vergegenwärtige, was von meinen Vorrednern hier gesagt worden ist, immer klarer, daß cs wahrlich nicht än tV/«,? oder *->> so gekommen ist, sondern daß die Kraft Ihrer Lehre aus den tiefsten Quellen strömt, aus denen die Philosophie und die Kultur der europäischen und europäisch beeinflußten Völker überhaupt, vor allen anderen aber unseres deutschen Volkes fort und fort ihre Nahrung zieht; aus zwei Quellen hauptsächlich: aus der Tiefe der Religion des Montheismus, die im Judentum, und aus der organisierenden Kraft der Methode, die im Griechentum, als „Philosophie" besonders in Plato, sich am frühsten und reinsten erschlossen hat. Was das erste betrifft, so drängt es mich, gerade als Bekenner eines anderen Glaubens, in diesem Kreise auszusprechen und Ihnen dafür Dank zu sagen, daß Sie den Reingehalt des jüdischen Glaubens, dem Sie in schwerster Zeit unerschütterlich Ihre Treue bewahrt haben, uns erschlossen und zugänglich gemacht und ihn immer mehr noch, in sich selbst und durch Ihr Wirken in -der ganzen Judenschaft, zu vertiefen sich bemüht haben. Sie haben es stets eingeschärft und haben uns davon überzeugt, daß in der Erneuerung und Reinigung unseres Christenglaubens durch Luther der unverlierbare Gehalt seines ursprünglichen Quells, des Judentums der Propheten und Psalmen, wieder reiner zur Geltung gekommen und so zwischen Judentum und Protestantismus ein Bund geschlossen worden ist, der durch keine rückschrittliche Bestrebung wieder zerrissen werden darf und kann. Erleben wir es heute, daß Protestanten, Katholiken und Juden gemeinsam das „Ein feste Burg" anstimmen können, so wollen wir nicht vergessen, daß dies tapfere Kampflied die (allerdings freie) Verdeutschung eines Psalmes (46.) ist. Die andere Hauptquelle Ihrer philosophischen Lehrkraft ist die, die in Althellas zuerst in ihrer ganzen, ursprünglichen Fülle sich aufgetan hat: die der gestaltenden „Erkenntnis", nicht der theoretischen Wissenschaft allein, sondern ebenso der praktischen Lebensformnng in Recht und Staat, und des künstlerischen Schaffens, welche in das für sich grenzen-, maß- und gesetzlose Wogen des „Bewußtseins" Grenze, Maß und Gesetz hineinbrachte und es zur Reinheit der inneren Schau abklärte. Auch das haben Sie ganz neu wieder uns lebendig gemacht, indem Sie in Platos Methodik der „Idee" die sichere „Grundlegung" der humanen Kultur in der Dreieinheit der Wissenschaft, Sittlichkeit und Kunst uns erkennen lehrten. Damit aber wurde zugleich das erst ganz klar, was Sie ja immerfort und auch in Ihren beiden letzten Schriften uns eingeschärit haben: wie die mächtigen Ströme, die aus diesen beiden Hauptquellen hervorflvssen, dann sich vereint haben in dem starken Strome unserer deutschen Kultur, die, im Innersten

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