Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir lchwarsm Spanier. Von Arturo Bab. (Schluß.) o gut . wie die jüdischen Kolonisten den Gaucho in „schwarzer Spanier" und „Pundek" umgetauft haben, so haben dieselben sich für die bei den „Russen" gesehenen, ihnen unbekannten Dinge Bezeichnungen gebildet. Den weißen Gebetmantel nennen sie „poncho tordillo" (Schimmelponcho) und die schwarzen, beim Gebet auf dem Arm und der Äirn zutragenden Kapsel „torniguetes de cajon" (Kastenschlösser). Es ist dies ein ganz treffender Ausdruck, denn sie sehen den Kastenschlössern, mit denen die Drähte der Drahtzäune straffgezogen werden, durchaus nicht unähnlich Als einmal ein Mestize ironisch einen Sohn Israels fragte: „Warum bindet ihr euch nur Kastenschlösser um den Arm und aus den üops, wenn ihr zu Gott betet?", antwortete dieser ihm schlagfertig: „Weil wir den Allmächtigen bitten, daß ihr nicht diese Schlösser aufdrehen und uns das Vieh aus der Hürde stehlen sollt." Wie so häufig bei ähnlichen Verhältnissen, erleichtern die Kinder der beiden so verschiedenen Völker die Annäherung und das gegenseitige Verständnis. Die Kinder der Kolonisten laufen neugierig zur Hütte des „schwarzen Spaniers", um ein Straußenei, ein zahmes Reh oder einen erlegten Geier zu bewundern. Und die besorgteste Mutter kann sie ruhig dort hinaehen lassen, denn die Gauchos sind außerordentlich kinderlieb. Derselbe Mensch, der dich, wenn du seiner vermeintlichen Ehre nahe trittst, niedersticht, wird für dein Kind stets ein freundliches Wort, ein kleines Geschenk haben und es vor Gefahr schützen, als wenn es sein eigenes wäre. Die Leinen „Pundekes" — Ramon und Juan, Elvira und Petrona — schließen bald mit Jankel und Moische, Rebekka und Sarah Freundschaft und begleiten sie bald zu ihren Häusern, die, so bescheiden sie auch meist sind, doch eine Unzahl Dinge enthalten, die ein kleines Gauchoauge bisher noch nie erblickt hatte. Bei ihrer großen Intelligenz lernen die jungen Mestizen nicht nur häufig Jargon sprechen, sondern, wenn sie längere Zeit in der Kolonie verweilen, auch bisweilen lesen und schreiben. Die Tochter eines Pferdebändigers, welcher jahrelang in „Jsralia" von Gehöft zu Gehöft zog, um die Füllen zu zähmen, hatte sich derartig eingelebt, daß sie an den israelitischen Feiertagen mit ihren jüdischen Freundinnen in die Synagoge ging und dort aufmerksam — sie hatte sogar Hebräisch lesen gelernt — dem Gottesdienste folgte. Als ich sie eines Tages mit zwei Kolonistentöchtern Strümpfe strickend vorsand — für ein ungeschminktes Gauchofräulein ist ein Strickstrumpf ein ebensolches Fabelwesen wie für eine höhere Tochter aus Berlin W fragte ich sie scherzend, ob sie diese Handarbeit gern machte oder nicht lieber ihrem Vater helfe. Doch die kupferfarbene Maid antwortete mir, ohne zu zögern, in reinstem Jargon: „Stopfen und stricken schickt sich für ein gesittetes Mädchen, Pferdezähmen aber ist ein Gojimnaches." *) Als sich diese Jungfrau später mit einem als Kutscher schon seßhaft gewordenen Stammesgenossen verheiratete, erschien sie trotzdem an allen Feiertagen in der Synagoge und nahm eifrig am Gottesdienste teil; ihr Mann, der nichts davon verstand, begleitete sie zwar nicht, war aber stolz, daß feine Frau mit den „Russen" zu beten wisse. Wenn eS leider auch im Laufe der Jahre vorgekommen ist, daß ein Gaucho im Streit einen jüdischen Kolonisten mit dem Messer angriff, ja erstach, so hat sich im großen und ganzen ein vorurteilfreies, ja freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden herausgebildet. Außerdem werden die Gauchos, je älter die Kolonie wird, desto seltener. Einerseits behagt ihnen, wie schon erwähnt, die wachsende Kultur wenig. Wenn allS Ländereien eingezäunt sind, so daß man für seine Pferde Weidegeld zahlen muß, wenn die Obrigkeit verlangt, daß die Kinder, statt junge Strauße zu fangen, zur Schule gehen sollen, wenn Rehe, Rebhühner und andere Jagdtiere rar werden und jedes Kilogramm Fleisch gekauft werden muß, wenn die Kolonistensöhne selber ihre Pferde zähmen und den Lasso werfen, wenn schließlich der „schwarze Spanier" merkt, daß beim bloßen Drohen mit dem Messer er erst von den „Gringos" windelweich geschlagen und dann der Polizei übergeben wird, dann zieht er sich zurück weiter in die Wildnis, in die noch einsame Steppe, bis ihn auch dort das Dampfroß und der Pflug, die Dreschmaschine und der Telegraph weiter aufscheuchen. Der Nachwuchs ist bei diesem unstäten Leben schwach, ein kleiner Teil geht in dem Kulturleben auf und verschwindet durch Kreuzung mit den Nachkommen der Einwanderer, so daß man bald — wie einst vom letzten Mohikaner—von den letzten Gauchos erzählen wird. Den tausenden und aber tausenden jüdischen Ackerbauern, die dann die Pampas bevölkern werden, wird es wie ein Märchen Singen, was ihnen die Väter und Großväter von diesen wilden Steppensöhnen berichten werden. Um dieselbe Zeit wird, dessen bin ich ganz sicher, ein großer Gelehrter und antisemitisch angehauchter Rassenfex erstehen, der haarscharf beweisen wird, daß die „gottlosen" Juden nicht nur in ihrer Eigenschaft als Landwirte durch die ungeheuren Mengen von Getreide, Fleisch, Butter und Früchten, die sie von Argentinien nach der Alten Welt senden, die europäische Landwirtschaft zugrunde richten, sondern auch zum zweitenmal in ihrer Geschichte, und zwar mit besserem Erfolg wie das erstemal, einen Brudermord begangen hätten. Denn Abraham stieß bekanntlich Jsmael mit seiner Mutter nur in die Wüste, um seinem Sohne Isaak und seinem Weibe Sarah willfährig zu sein, und ebenso hätten die argentinischen Juden den Untergang der Gauchos, ihrer Halbbrüder, „hauptsächlich", ja „fast ausschließlich" auf ihrem Gewissen. Denn, so wird der Gelehrte auseinandersetzen, die Gauchos sind zwar Söhne indianischer Mütter, haben aber Südspanier — Andalusier und Granadiner — zu Vätern, und diese sind durch mehr oder minder liebevolle Methoden zum Christentum bekehrte Semiten — Mauren und Israeliten. Als Zeuge wird die zukünftige Leuchte der Wissenschaft den im vergangenen Säkulum lebenden argentinischen Staatsmann und Schriftsteller Sarmiento anführen, der in seinen Reiseberichten aus dem Orient hervorhebt, daß das Aeußere, Sitten und Gebräuche der Araber ihn stets an die heimischen Gauchos erinnert haben. In den Archiven der Kolonisationsgesellschaft herumstöbernd, wird der neunmal Weise als ferneren Beweis seststellen, daß bisweilen aus Europa stammende Juden genau dieselben Vor- und Vatersnamen führten wie die Mestizen. So hatte zum Beispiel der am Ende des vorigen Jahrhunderts in einer Kolonie beamtete jüdische Buchhalter namens Aron Corriat das Vergnügen, seinem Namensvetter, dem braven Steppensohne Aron Corriat, des öfteren ein Entgelt für zugerittene Pferde auszuzahlen. Und als ungefähr zur gleichen Zeit der Kolonist Jakob Perez anzeigte, daß man ihm in der Nacht seine beste Kuh gestohlen hatte, fand man den „Ganew"ff bald in der Person eines „Pundeks", der sich, wie sich zur allgemeinen Erheiterung herausstellte, ebenso wie der Bestohlene, nämlich „Jacobo Perez" nannte. Schließlich wird der Ethnograph noch den einer jüdischen Kolonie benachbarten, aus altkreolischer Familie stammenden Gutsbesitzer namens „Moises Leva" anführen, welcher Name offenbar nur die hispanisierte Form von „Moses Levy" ist. Und alle diese Taffachen werde ich dem Rassensex, wenn ich dann noch unter den Lebenden weile, bestätigen müssen. ff Gojimnaches — Ein Vergnügen für Nichtjuden. ff Ganew — Dieb.