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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 So ist nun nach fast 16 Monaten eines in der Weltgeschichte einzig dastehenden verheerenden Krieges leider noch gar kein Ende abzusehen. Die Zustände auf dem Balkan verwickeln sich von neuem. Rumänien scheint allerdings seine Neutralität so treu zu wahren, daß es entschlossen ist, die Truppen, die sich auf sein Gebiet flüchten, zu entwaffnen, und daß es russischen Schiffen die Durchfahrt und russischen Truppen die Landung in seinem Gebiet verboten hat. Aber für Griechenland muß man einige Sorge tragen. In einer neuerlichen Kammerdebatte hat das Ministerium Zaimis das verlangte Vertrauensvotum nicht erhalten. Die Venizelos-Partei hat, wenn auch mit einer kleinen Mehrheit, gesiegt. Die Kammer wird infolgedessen vertagt. Die Haltung des Königs ist von allgemeinem europäischen Interesse. Schon triumphieren unsere Gegner. Sie erklären es für gewiß, daß Venizelos wieder ans Ruder kommt, daß die Folgen seiner Herrschaft die Verbindung Griechenlands mit Rußland und den Ententemächten sein werde. Schon einmal hat diese Hoffnung getrogen. Schon einmal ist der König auch diesem mächtigen Staatsmann gegenüber fest geblieben und hat sein Land nicht in die Wirren eines Krieges gestürzt. Wird er weiter fest bleiben? Wird er das Votum der Kammer als den Ausdruck einer Zufallsmajorität betrachten oder wird er nicht umhinkönnen, sich dieser Erklärung als der Willensmeinung seines Volkes zu beugen? Wir wollen hoffen, daß der'König an der Neutralität festhält und daß in Griechenland nicht Ereignisse eintreten, die unsere Lage auf dem Balkan erschweren. Der an die Stelle von Zaimis ernannte Ministerpräsident hat den Westmächten eine sehr wohlwollende Neutralität zugesagt. Freilich muß man bekennen, daß selbst nach der Niederwerfung der Serben und der Bezwingung der Montenegriner die Sache noch nicht zu Ende sein kann und daß weitere, schwerwiegende Ereignisse eintreten müssen, um das stolze und unerbittliche England von der Erfolglosigkeit aller seiner Bemühungen zu überzeugen. * Außer diesen Bemerkungen über den Krieg und die allgemeine politische Lage ist nicht viel zu berichten. Aus Deutschland liegt nur folgende Nachricht vor: Im Finanzausschuß der b ayeris ch e n K a nt m e r nahm der wackere Abgeordnete M ü l l e r - M e i n i n g e n Veranlassung, den Vorwurf, daß Israeliten in verhältnismäßig geringer Zahl an der Front stünden, als nitbegründet Zurückzuweisen. Zahlen beweisen, daß gerade zu Anfang des Krieges Zahlreiche israelitische Kriegsfreiwillige gefallen seien. Es sei begreiflich, wenn die Militärverwaltung die kaufmännische Gewandtheit israelitischer Heeresangehöriger bei der Verwendung berücksichtige. Das ganze Volk ohne Unterschied der Partei und Religion einschließlich der Konfessionslosen habe voll und ganz seine Schuldigkeit getan. Gleichfalls im Finanzausschuß der bayerischen Kammer gab der Kriegsminister v. Kreß eine bemerkenswerte Erklärung gegenüber mancherlei Angriffen auf Juden im Heeresdienst ab. Er sagte, die Juden seien in der Erfüllung ihrer Schuldigkeit im Kriege hinter den Angehörigen der anderen Konfessionen in keiner Weise zurückgeblieben. Sie hätten dadurch die volle Anwartschaft, den Rang eines Reserveoffiziers zu erreichen. Tatsächlich sei eine große Anzahl von Juden während des Krieges in Bayern zu Reserveoffizieren bereits befördert worden. Eine Statistik über die Zahl der in und hinter der Front befindlichen Juden anfertigen zu lassen, müsse er ablehnen. # Und wieder müssen wir uns, wie seit langer Zeit, z u R u ß - land wenden. Interessant ist, was aus dem russischen, von den Deutschen besetzten Gebiete, aus Lodz, gemeldet wird: In den jüdischen Schulen ist nun gemäß der Schulverordnmu die deutsche Unterrichtssprache eingeführt worden, trotz >der Bestrebun gen zweier Gruppen hiesiger Juden, die die Einführung der polm schen bzw. -der jüdischen Unterrichtssprache propagierten. Die polnisck gesinnten Juden haben das Spiel jedoch noch nicht aufgegeben; fi« hoffen immer noch, daß es ihren Bemühungen .gelingen wird, ir einigen jüdischen Schulen polnischen Hauptunterricht einzusühren entgegen den Bestimmungen der Schulverordnung. Sie werden wohr die Enttäuschung erleben, die sie verdienen! Recht schlimm klingt die Nachricht, die aus der „Rheinisch- Westfälischen Zeitung" stammt, und die so lautet: Die Inden in Sibirien. K o p e n h a g e it, 29. Oktober. Aus dem bei der Stadt Narim im Gouvernement Tomsk ein gerichteten großen Konzentrationslager für die Flüchtlinge an der Westprovinzen sind plötzlich auf Verordnung der Behörde sämtlich Juden, die zu vielen Tausenden Zählen, entfernt und nach Ostsibirier abgeschoben worden. Auf die Notschreie der Verstoßenen hatten bu höheren Beamten nur die Antwort, ihnen sei der Erlaß über di> Freizügigkeit der Juden noch nicht bekanntgegeben, Narim gehör« Zu den: Gebiete, wo den Inden der Aufenthalt verboten ist. # Zum Schluß geben wir hier eine Ausführung der „Frank furter Zeitung" wieder über jüdische Fürsten gefchlechter imKaukasus, für die wir der genannter Zeitung freilich die Verantwortung überlassen müssen. Dil Nachricht hat folgenden Wortlaut: Wie kürzlich berichtet wurde, ist Großfürst Nikolaus von Nußlan« bei seiner Ankunft in Tiflis von einer Abordnung der kaukasisch'. Fürstengeschlechter unter Führung des Fürsten Bagration-Jmere tinskh begrüßt worden, die ihm ihre Treue und Anhänglichkeit cu den Zaren zuin Ausdruck brachte. Ob Großfürst Nikolaus, der ir diesem Kriege die Juden Westrußlands und Galiziens so unmenschlick behandelte, bei diesem Empfange wohl daran gedacht haben mag, daß ihm in den kaukasischen Fürsten, deren Huldigung er gnädig entgegennahm, Abkömmlinge der ältesten jüdischem Familien des russischen Reiches gegenüberstanden? Denn es gib rin Kaukasus kein Fürstengeschlecht, das seinen Stammbaum nicht bi in die fernsten Zeiten der jüdischen Geschichte zurücksührt, und es iß eine historisch beglaubigte Tatsache, daß die Juden vor mehr;al zweiundeinhalb Jahrtausenden in den Kaukasus kamen. Nachdem de assyrische König T i g l a t - P i l e s e r das israelitische Nordreic i niedergeworsen hatte, verpflanzte er nach der Kriegssitte der darm ligen Zeit die Ueberwundenen nach einer entfernten Gegend seine Reiches, und er wählte dazu die Gebirgstäler >des Kaukasus, de damals zu Assyrien gehörte. Durch Zuzug aus Babylon, später au«, aus Palästina, wurde die Zahl der im Kaukasus lebenden Judeständig vermehrt, und ihr Ansehen wuchs ganz außerordentlich, almehrere der eingeborenen Völkerschaften, darunter die wichtige Chazaren, den jüdischen Glauben annahmen. Als der Islam av: seinem Eroberungszug auch nach dem Kaukasus kam, sielen die bekehrten Völkerschaften vom Judentum ab, mit ihnen auch ein Te l der jüdischen Stämme, die sich nach der Eroberung des Kaukasudurch die Russen >dem orthodoxen Glauben zuwandten. Die Osseter. Tschetschenzen, Zacchuren, Mingrelier u. a. gelten als Abkümmlim' von Juden, und ihre mediatisierten Häuptlinge nehmen in Ruhla n Fürstenrang ein. Die Fürsten von Mingrelien führen den Tit-l Dadian, der ihre Abstammung von König David bezeichnen so!-, trnd ein Dadran von Mingrelien war nach dem Sturz des Fürste r Alexander von Bulgarien und vor -der Wahl des Prinzen Ferdinaw von Koburg russischer Kandidat^ für den bulgarischen Fürstenthror Auch der Sprecher der vom Großfürsten Nikolaus empfangenen A! ordnung, der Fürst B a g r a t i o n - I nr e r e t i n s k y, stammt ar - jüdischem Geschlecht, denn die Familie der Bag rat uni (worar" der Name Bagration entstand) wird schon vom Historiker Moses tuM Chorone als eine der angesehensten jüdischen Familien des Kaukafl? in den Jahrhunderten vor Christi Geburt erwähnt. Die Träger dcr Fürstenkrone der Bagration bekannten sich Jahrhunderte hindurch zul l jüdischen Glaube n, und erst durch Verfolgungen aller Art fin > sie gezwungen worden, ihren Väterglauben abznschwören und Christe l zu werden.

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