Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 'fcre§ gezählt sind, wohl aber darf man vertrauensvoll von g o ch e n sprechen, um die es sich bei diesem Vernichtungsampfe handelt. Diese Vernichtung Serbiens kann durch die lllfstruppen der Ententemächte nicht aufgehalten werden. Sie oben ihre Bundesgenossen einstweilen noch nicht erreicht und >erden sie schwerlich zur rechten Zeit finden; die zur Hilfe auserückten französischen Truppen sind, wie wenigstens eine Nachicht lautet, versprengt oder gefangengenommen worden. Wenn man in dieser furchtbar-ernsten Zeit Humor erlangen könnte, so müßte man ihn für die lauten Reden engliher und französischer Politiker gebrauchen, die dem Zeitungsublikum — denn sie und die Abgeordneten, zu denen sie reden, 'erden wohl von selbst das Lächerliche ihrer Ausführungen erimen — einzureden suchen, daß Deutschland und Oesterreich i dem „serbischen Abenteuer" gegriffen haben, weil sie im besten und im Osten keine Erfolge auszuzeigen vermöchten, solches wagen ernstdenkende Politiker anszusprechen angesichts er Tatsache, daß russische Gebiete von außerordentlicher AnSehnung in unseren Händen sind, daß wir neun Zehntel von -elgien und ein Sechstel von Frankreich besitzen, angesichts der erneren Tatsache, daß die mit den außerordentlichsten Kräften unternommenen Durchbruchsversuche der Engländer und aanzvsen kläglich gescheitert sind, und daß auch die Russen, ,>enn freilich noch nicht völlig besiegt, vergebliche Anstrengungen machen, die deutsche Front zu erschüttern. Das Gerede von einem serbischen Abenteuer ist um so örichter, als man auch im Ausland weiß oder wissen müßte, >as die Besetzung Serbiens für Deutschland bedeutet. Nicht »ehr und nicht weniger als den freien Weg nach v n st a n t i n o P e l. Das stellt nicht nur die Möglichkeit ar, Munition und anderes nach der Türkei zu bringen, sonern vieles, was uns fehlt oder knapp ist. Wolle, Baumwolle iw Oele, aus der oder über die Türkei zu uns zu bringen, sannt werden die Bestrebungen der Gegner, die uns durch lbsperrung des Seewegs zu isolieren und zu schädigen verneinten, zunichte und die Versorgung mit notwendigen Gerauchsgegenständen leicht, die eine Zeitlang erschwert, wenn acht geradezu unmöglich gemacht war. Das sogenannte „serische Abenteuer" stellt sich damit als eine der bestüberlegten, tan- und kraftvoll durchgeführten Unternehmungen dar. lixfere Bundesgenossen, die Türken, erhalten dadurch einen unvergleichlichen Rückhalt und eine gar nicht hoch genug einuschätzende Stärkung für ihren Widerstand. Wenn man solche Reden englischer und französischer Poitiker liest, die freilich voll von bombastischen Siegeshoffnnn-;en sind, von Schimpfereien auf deutsche Barbarei und von lrinmphliedern auf die englische und französische Zivilisation, o kann man doch, wenn man sie mit früheren Reden vergleicht, mit einer staunenswerten Zagheit sprechen. Denn das früher uuiner wiederkehrende Lieblingswort von einer Zertrümmeimg Deutschlands wird nicht mehr gebraucht. Zwar reden ene Herren noch immer davon, daß sie sicher den Deutschen die -esetzten Provinzen abnehmen und wieder in den Besitz der ange von den Deutschen eingenommenen Provinzen gelangen oerden — gemeint ist Elsaß-Lothringen, das man freilich als in französisches Eigentum zu bezeichnen sich nicht erkühnt —, wer von einer Eroberung und Teilung Deutschlands ist man till geworden; man will Deutschland nichts mehr rauben, sondern man will ihm nur eine Stellung aufzwingen, die dem Belieben der westlichen Mächte entspricht. Wir sind solchen Radomontaden gegenüber sehr kühl. Das eine ist ja wohl wahr, daß wir im Westen seit lange nicht recht vorwärts gekommen sind, aber wir wissen wohl, daß wir unsere Truppen anderwärts brauchen, und wir betrachten es als ein staunenswertes Wunder unserer Tapferkeit, daß wir gegenüber der gesamten Macht Englands, Frankreichs und Belgiens das in unserem Besitz befindliche Gebiet trotz der kolossalsten Anstrengungen jener drei Mächte behalten haben, und wir sind der Hoffnung, daß wir es auch, wenn ein neuer Ansturm jener Mächte erfolgt, woran gar nicht zu zweifeln ist, behalten werden. Wann aber wird der endgültige Erfolg unsere Anstrengungen krönen? Man hat in der letzten Zeit viel von Frieden gesprochen; die Reisen des Fürsten Bülow nach Belgien, des Ministers Sols nach Holland, die Ansammlungen deutscher Politiker in neutralen Ländern oder in Belgien gaben dazu Anlaß, Friedensgerüchte erstehen zu lassen, ja selbst von bestimmten Friedcnsbedingungen zu sprechen. Solche Gerüchte, zu denen auch die Mitteilung von einer Audienz beitrug, die der französische Botschafter Jusserand bei dem Präsidenten Wilson nachgesucht habe, haben Anlaß gegeben zu der folgenden, von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Erklärung: „Wir wissen nicht, woher das Haager Kvrrespondcnzburcau seine Informationen geschöpft haben kann, müssen aber feststellen, daß sie jeder tatsächlichen Grundlage entbehren. Der Reichskanzler hat keinerlei derartige Aenßcrungcn getan, wie es denn überhaupt verfrüht wäre, von Friedensbedingungcn zu sprechen. Wenn trotz dieser wiederholten Feststellungen immer wieder Nachrichten über die Geneigtheit und das Bedürfnis Deutschlands, Frieden zu schließen, ausgestrent werden, so läßt das nur auf plumpe Versuche unserer Gegner schließen, zur Hebung der Stimmung im eigenen Lande Deutschland als f t i e b e n § bedürftig hinznstellen." Und so geht das blutige Ringen weiter. In Italien ist es ziemlich still geworden. Statt seiner gewohnten Lügenmeldungen über große Erfolge verbreitet Herr Cadorna einen Tagesbefehl gegen Ueberläufer, in dem die furchtbarsten Strafen gegen Ueberläufer und solche, die sich gefangengeben, ausgesprochen werden. Es heißt darin: 6. W c r s i ch c r g i b t u n d lebend in d i e H ä n d e des Feindes fällt, wird sofort in contumaciam verurteilt werde». Die Todesstrafe wird nach Beendigung des Krieges vollzogen werden. Gerade solche Befehle, ebenso wie die Beharrlichkeit der englischen und französischen Redner lassen nun leider darauf schließen, daß die Anstrengungen der Italiener wie die der Westmächte, noch keineswegs zu Ende sind. Alle unsere Gegner werden sich gewiß noch einmal zu einem furchtbaren Angriffe aufraffen. Wir hegen aber die feste Zuversicht, daß die unvergleichlichen österreichischen Helden, die in ihrer Todesverachtung und dem Heroismus den Deutschen ebenbürtig sind, auch diese Anstrengungen zurückweisen und daß sie das seit vielen Monaten gehaltene Grenzgebiet fest in ihren Händen halten werden. Ob nun aber der erwartete neue Angriff in Frankreich und an der italienisch-österreichischen Grenze wirklich der letzte sein wird? Gewiß gibt es in Italien Tausende, die das kindische und verwegene Spiel eines niederträchtig gebrochenen Bündnisses und eines frevelhaft begonnenen Krieges verdammen; wird sich aber bei diesem großsprecherischen Volke eine Majorität finden, die angesichts -der fürchterlichen Verluste an Geld, Menschen und Material zum Frieden raten wird, ohne Aussicht auf die fest erwartete und von allen Seiten verheißene Gebietsvermehrung und ohne Entschädigung? Und vor allem, England hat die verbündeten Mächte, selbst die Japaner, fest in der Hand, so daß keine dieser Mächte es wagen darf, ohne Zustimmung der Engländer Frieden zu schließen. Bei den wortbrüchigen Italienern könnte man ja freilich einen neuen Wortbruch für möglich halten; aber was wäre mit diesem Einzelfrieden gewonnen?