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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 englisch geführten Schulen senden, obwohl diese nicht einmal einen jüdisch-religiösen Charakter tragen. Auch in den Preußischen, ehemals Polnischen Provinzen ist lein Widerstand gegen die deutsche Unterrichtssprache in der Vergangenheit hervorgetreten. Größere Schwierigkeiten machen sich allerdings in bezug auf die in den jüdischen Schulen Polens und des eroberten Litauens einzuführende Unterrichtssprache geltend. Deutsche Nationalisten und wohl auch manche Organe der Reichsregierilng wünschen, daß diese Unterrichtssprache dnrchgehends die deutsche sei, um der Teutschenfeindschaft der Polen gegenüber das israelitische Element zur Germanisierung des Landes zu benutzen. Das scheint dem vaterlandsliebenden Deutschen wohl auf den ersten Blick empfehlenswert, und doch muß eine solche Maßregel bei näherem Nachdenken und bei dem geringsten Mitgefühl für unsere unglücklichen Stammesbrüder verworfen werden. Tie polnischen und litauischen Juden besitzen durchaus nicht die' Kraft, um in Zukunft, wenn die Polen erst die innere Regierung ihres Landes in der Hand haben, deren Feindschaft widerstehen zu können. Sie würden inehr und mehr ins Elend getrieben werden und, wie das schon wiederholt herborgehoben worden ist, dem Untergang anheimfallen, dem sie sich leider in den letzten Jahren in immer schnellerem Tempo genähert haben. Es bleibt ihnen wirklich nicht mehr viel zu verlieren, und dann sind sie eben endgültig vernichtet. Sie werden durch Anschluß an die deutsche Sprache die Feindschaft der Polen gegen sich nur immer mehr gereizt haben, ohne anderes als Schaden daraus zu ziehen. Um den polnischen und litauischen Juden eine Zukunft zu bereiten, ist ihr Anschluß an die Nationalsprache unentbehrlich, ohne daß sie dabei das mindeste von ihrer religiösen Besonderheit aufzugeben haben. Wie stellen sich nun die Polen selber zu dieser Frage? Hier haben wir eine doppelte Strömung zu bemerken. Auf dem Standpunkte der radikal-nationalistischen Partei befindet sich Andrzej Bolewski in seinem in einer Wiener Zeitschrift erschienenen Artikel „Tie Ostjudenfrage". Zunächst verbeugt sich der Verfasser vor den westeuropäischen Grundsätzen, indem er die Juden sozialrechtlich gleichzustellen empfiehlt, aber unter der Bedingung, daß sie gänzlich polnischnational würden. Was er darunter versteht, zeigt er in der Aufforderung an die „assimilationsfreudigen" Juden in Polen: sie müßten voll und ganz iu dem Polentnm aufgehen, auch mit Ausgabe ihrer Religion, nnb er beruft sich dabei auf das Beispiel der berüchtigten Frankisten. Die übrigen Juden aber, die große Masse, müssen als „Nichtpolen" bezeichnet werden, als Fr e m d e, die sich in die Interessen der einheimischen Nalion nicht mischen dürfen. Das ist ein Standpunkt, wie ihn bekanntlich Rumänien den bei ihnen ansässigen Israeliten gegenüber eingenonunen hat. Ja, Herr Bolewski geht noch weiter. Auch Handel und Gewerbe sollen ausschließlich dem „Rationalpolen" Vorbehalten werden, so daß die Juden, mit Ausnahme der getauften, auswandern müssen. Glücklicherweise besitzen wir dieser horrenden Ausgeburt eines politischen und religiösen Fanatismus gegenüber von polnischer Seite ein ganz anderes Dokument. Der Ausschuß der polnischen Lehrerschaft hat unter dem ■25. September 1015 an den deutschen Generalgouverneur in Warschau eine Denkschrift in Sachen der Einrichtung der polnischen Schulen gerichtet, in der die Frage der jüdischen Schulen die hervorragendste Rolle spielt. Darin heißt es: „Die Einführung der deutschen Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen erscheint als sehr schädlich für die Külturentwickelung des Landes, und zwar für seine jüdische Bevölkerung noch mehr als für die polnische. Die Einführung einer deutschen Unterrichtssprache würde im Schoße der jüdischen Bevölke rung selbst den Kampf zwischen dem einheimischen und den fremdgesinnten Bestandteil entfachen, nicht minder aber der Krieg zwischen der ganzen polnischen Bevölkerung eirierseiü iinb dem polenfeindlichen Teil der Juden auf der anderer. Seite." Eine solche Bestimmung würde das Zusammenleber zwischen der jüdischen und der polnischen Einwohnerschaft un möglich machen, und dies würde einen unüberbrückbarer Zwiespalt zwischen den Polen und den Juden herbeisühren was sich vor allem verhängnisvoll für den Wohlstand der sc schon sehr verarmten jüdischen Volksmasse erweisen müßte Tie deutsche Sprache ist mit Ausnahme weniger Orte, wo Lodz, durchaus nicht verbreitet. Für deutsch-jüdische Schüler geeignete Lehrkräfte zu finden, ist ein unmögliches Unter nehmen. Und endlich würde eine deutsche Schule die Klus zwischen den unteren und den patriotisch gesinnten oberer Schichten des polnischen Judentums erweitern und unerträg lieh gestalten. — Die Denkschrift des Lehrerausschusses gipfel dann in zwei Forderungen: einmal, daß die Volksschulen aller Einwohnern des Landes ohne Einschränkung und ohm Unterschied des Glaubens zugänglich seien, und zweitens, ai geeigneten Orten zwei Arten von Schulen einzurichten, die etni mit polnischer, die andere mit deutscher Unterrichtssprache, un auf diese Weise den jüdischen Eltern die Wahl zu überlassen ihre Kinder in die eine oder andere solcher Schulen zu senden Wir freuen uns, die polnischen Lehrer selber auf den Ausgleich zwischen christlichen und jüdischen Polen, ohne Beschränkung der berechtigten jüdischen Besonderheiten, hinarbeiten zu sehen cind wir schließen uns dieser Anforderung durchaus an. Das Schlimme ist, daß nur die orthodoxe und die zionistisch! Partei in Deutschland bisher tatkräftig in dieser Angelegen heit aufgetreten sind. Sie haben nicht nur ihre Forderungei formuliert, sondern auch zu deren Durchsetzung Abordnunge: nach Warschau gesandt. Die liberalen Juden Deutschland dagegen verharren — wie leider so häufig — in Untätigkeit Sie trösten sich mit dem Gedanken, daß während des Krieges die deiltschen Behörden noch gar nicht in der Lage seien, au diese Frage einzugehen. Durchaus mit Unrecht. Denn du Regelung der christlich-polnischen Volksschule, die Errichtung von polnischen Mittelschulen und von einer polnischen Uni versität beweisen, daß die deutsche Regierung Zeit und Miller hat, diese Angelegenheit schon jetzt zu ordnen. Ja, noch mehr der 8 13 der „Verordnung betreffend Regelung des Schul Wesens" vom 24. August d. I., ausgegangen von dem Kaiser lich Deutschen Generalgouverneur in Polen, setzt fest: „Dil Uliterrichtssprache ist in allen deutschen und jüdischen Schule: die deutsche, sonst die Polnische." Damit wird die Konfessio nalität der Schule und die Dinchführung der deutschen Unter richtssprache in den jüdischen Anstalten bereits grundsätzlie! festgelegt. Gerade das wollen wir im Interesse einer gedeih lichen Zukunft unserer polnischen Glaubensgenossen um jede: Preis verhüten. Es ist also hoch an der Zeit, daß die liberale: deutschen Juden, in Uebereinstimmung mit dem polnische: Lehrerbunde, für den politischen und sozialen Anschluß de Juden und der Christen Polens tatkräftig eintreten. Dir Woche. Berlin, den 9. November 1915. ie harten, aber siegreichen Kämpfe in S e r b i e n nehmci ihren Fortgang. N i s ch, die zweite Residenz, ist voi den Bulgaren eingenommen. Man kann bei dem seh schwierigen Terrain und dem Todesmut der Serben, die sehr wohl wissen, was für sie in diesem Kriege auf dem Spiel steht, natürlich nicht sagen, daß die Tage des serbischen Volkes und

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