Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Die Zukunft der Juden des Ostens. Von Professor Dr. »JUIJUII + Martin Philipp son. — Die Woche. Die schwarzen Spanier. Von Art uro V ab. — Ein Bild von Heines Mutter. Von Ludwig 'ieiger. — Das goldene Doktorjubiläum Hermann Cohens. Von L. G. — )nx Erinnerung an einen jüdischen Theologen und Literarhistoriker. Von 5r. Adolf Kohnt. — Max LUienthal (1815—1882). Zum hundertsten Geburtstag seiner Geburt. Von Gotthard Deutsch. — Feuilleton: '»wischen Vater und Sohn. Erzählung von Regina Neißer. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königtzhütte, Posen, Hamburg, Leipzig, Nürnberg, Köln, Frankfurt a. M., Kopenhagen, Lodz. — Von Nah und Fern. Die Lukmist der Juden des Mens. II. Artikel. Von Professor Dr. Martin Philippson. ie Wichtigkeit der Frage nach der zukünftigen Gestaltung der Geschicke unserer östlichen Glaubensbrüder ist eine so hervorragende, daß man sich von vielen Seiten — von jüdischer wie von ttichtjüdischer — mit ihr beschäftigt. Es wird deshalb begreiflich sein, daß ich auf meinen entsprechenden Artikel vom 8. Oktober in diesem geschätzten Blatte zurückkomme. Zunächst möchte ich feststellen, in welcher Weise die verschiedenen Parteien im Judentum die Gestaltung der Geschicke der polnischen Juden — denn um diese handelt es sich hauptsächlich — beurteilen und hierüber ihre Forderungen aufsiellen. Die Orthodoxie nimmt keinerlei Rücksicht auf die geistigen und materiellen Interessen der drei Millionen, um die es sich hier handelt. Sie will, daß das polnische Judentum bleibe, wie es ist, mit Bewahrung der Ehedarim, des Jargons, des ganzen Aberglaubens und Schmutzes. Sie will gar keine Gleichstellung der Juden, wie sie es ja auch in Deutschland lange Zeit nicht gewollt hat, nur um die Absonderung der Juden von den Andersgläubigen zu bewahren. In der „Jüdischen Presse" vom 29. Oktober d. I. sagt Herr S. Gerson: „Seien wir voll Ehrfurcht und Zurückhaltung, wo eine andere Wesensart nach seinen (sie!) seelischen Gesetzen zu wirken jucht." Diese „Wesensart" ist natürlich die polnische. Man ivünscht also auf dieser Seite völlige Trennung von den Wirts- Völkern, gänzlichen Ausschluß von ihrem Wesen und ihren Bestrebungen. Ob darüber die polnischen Israeliten immer tiefer in den Abgrund sinken, ob sie ihrem Untergang entgegengehen, ist ganz gleichgültig. Mögen sie zugrunde gerichtet werden, wenn nur die mittelalterlichen Grundsätze einer extremen Orthodoxie unter den Trümmern triumphiert. Von seiten des Zionismus ist der Aufsatz des Herrn Dr. Birnbaum: „Den Ostjuden ihr Recht" maßgebend. Der Verfasser stellt sich auf den Standpunkt, daß die polnischen Juden ein besonderes Volk seien, dem auch eine besondere Sprache zukomme: ein Gesichtspunkt, den bisher die Zionisten für ihre deutschen, französischen usw. Gesinnungsgenossen nicht aufgestellt haben. Jene sollen also ein Fremdvolk unter den Polen bleiben, und zwar ein Fremdvolk prinzipieller Art — womit sich der Haß und die Verfolgung der Polen gegen einen solchen feindseligen Bestandteil in ihrem eigenen Lande durchaus rechtfertigten. Nicht ganz so weit geht ein anderer Zionist, Dr. Alfred Paquet, der in der schon oben angeführten Nummer der „Jüdischen Presse" die Auswanderung der polnischen Juden nach Palästina zur Bewahrung ihrer besonderen Nationalität ünempfiehlt. Bekanntlich ist das eine Unmöglichkeit, da die türkische Negierung, gerade infolge der Umtriebe der Zionisten, leider die dauernde Neuansiedelung von Israeliten in Palästina durchaus untersagt hat. Und bei dieser Gelegenheit möchten wir überhaupt die Auswanderungsfrage berühren, da eine solche Emigration von manchen Seiten als das einzige Hilfsmittel für die polnischen Juden empfohlen wird. Eine einfache Rechnung genügt, um die fast groteske Unmöglichkeit einer solchen Utopie zu erweisen. Für jeden Auswanderer müssen an Reise-, Ausrüstungs- und Ansiedelungskosten mindestens 600 Mark gerechnet werden. Bei drei Millionen würde das, bei der gänzlichen Mittellosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der betreffenden jüdischen Bevölkerung, die kleine Summe von anderthalb Milliarden ausmachen. Selbst der hundertste Teil dieser Volksmasse, also 30 000 Seelen, würde bereits 15 Millionen Mark erfordern. Woher soll diese Summe kommen? Die Juden aller Länder werden nach dem Kriege durch die ungeheuren Steuern, die die Verzinsung der gewaltigen Anleihen erfordert, durch die Wiederherstellung des privaten und öffentlichen wirtschaftlichen Lebens so in Anspruch genommen werden, daß an eine Spendung auch nur der letzteren Summe gar nicht zu denken ist. Dabei würde die Auswanderung von 30 000, ja von 100 000 Menschen nichts nutzen; denn in kürzester Zeit würde diese Lücke durch den natürlichen Geburtenüberschuß der jüdischen Bevölkerung wieder ausgefüllt sein, wie wir es in Rußland gesehen haben, wo seit 35 Jahren an zwei Millionen ausgewandert sind, ohne daß eine Abnahme der dortigen jüdischen Volksmenge sestzustellen wäre. Es bleiben also als Mittel der Abhilfe lediglich die völlige nicht nur politische, sondern auch ökonomische Gleichstellung der Juden in Polen selbst und die Beihilfe zu ihrer Verbreitung aus dem flachen Lande, und dann zweitens, was das Wichtigste wäre: die Unterrichtsfrage. Ueber die Notwendigkeit der Beseitigung der Ehedarim und der Einführung eines modernen Schulwesens kann bei jedem, der nicht von Parteirücksichten voreingenommen ist, kein Zweifel herrschen. Der Widerstand der Juden hiergegen wird leicht zu beseitigen sein, wenn der religiöse Charakter der Schule durchaus bewahrt und ihnen so jede Besorgnis vor einer Beeinträchtigung ihres Glaubens genommen wird. Wir dürfen wohl darauf Hinweisen, daß auch die polnischen und russischen Juden in Amerika ihre Kinder ohne Zögern in die dortigen allgemeinen,